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Professorin Katrin Kohl vor der Bücherwand in ihrem Elternhaus in Forstinning: Als Mädchen wurde sie hier zum Bücherwurm, inzwischen ist sie eine renommierte Literaturwissenschaftlerin an der Universität in Oxford.

Porträt

Vom Bücherwurm zur Professur

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Katrin Kohl (61) wuchs einst im beschaulichen Forstinning auf. Heute lehrt die renommierte Literaturwissenschaftlerin an der Universität in Oxford

Forstinning – Katrin Kohl sitzt gemütlich und gut gelaunt auf dem einen roten Sessel im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Forstinning. Vor ihr eine Tasse schwarzer Tee und etwas Gebäck. Das alleine schon wärmt in diesen ungemütlichen Wintertagen. Draußen weht eine steife Brise. Es hat um die null Grad. Ein Ölofen neben der Stubentür sorgt für wohlige Temperaturen. Er, der Ofen, muss richtig arbeiten. Man spürt noch, dass der Raum zuletzt längere Zeit nicht geheizt wurde. Der letzte Rest Feuchte ist noch nicht ganz verschwunden aus den Möbeln.

Direkt neben Katrin Kohl befindet sich eine beeindruckende Bücherwand. Sie beherbergt ausschließlich englische Literatur. Keine Hausmannskost, sondern eher schwieriges Material. Bücher aus den Themenbereichen Theologie, Mittelalter, 18. Jahrhundert, Klassiker wie die Artus-Sage.

Es ist so, als wäre die 61-Jährige gerade eben auf einer Reise durch die Zeit zurückgekehrt in ihre eigene Vergangenheit. Ein Eindruck, der nicht täuscht. „Ja“, sagt sie. Der Wohn- und Leseraum wecke intensive Erinnerungen. Hier war es schließlich, wo sich die noch junge Katrin den einen oder anderen Schmöker schnappte, während ihr Bruder Stephan lieber draußen mit den Nachbarkindern spielte. Mit „The Bull“ zum Beispiel. Gemeint ist Wolfgang Bullok, der später einmal Gemeinderat und, beruflich betrachtet, Polizist wurde. „Ja ich bin ein Bücherwurm gewesen“, sagt Katrin Kohl. Und fügt an: „Ja, alle Klischees, die man mit diesem Begriff verbindet, stimmen.“

Der Garten hinter dem alten Haus war einst für das kleine Mädchen keine verbotene Zone. Da gab es schon die einen oder anderen Experimente mit den Bienen vom Nachbarn, gesteht sie. Oder die willkommenen Aufträge, mit den Nachbarhunden Gassi zu gehen. Der Ebersberger Forst, für Kinder und Heranwachsende schon damals ein Paradies vor der Haustüre, lockte. Am liebsten aber zog sich das Madl dorthin zurück – mit einem Buch unter dem Arm. Hermann Hesse zum Beispiel.

1963 war es, als die Kohls aus England kommend über Heidelberg und München nach Forstinning zogen. Da war Tochter Katrin gerade einmal sieben Jahre alt. An der Münchner Rudolf-Steiner-Schule blieb sie auch nach dem Umzug in den Landkreis Ebersberg. An jedem Tag war da der lange Weg in die Schule mit dem Postbus und wieder nach Hause. Ihre Mutter Magaret, eine gebürtige Engländerin, arbeitete als Lektorin an der Uni und besuchte in den Pausen, wenn es ging, die Tochter in der Schule.

Daheim wurde Englisch gesprochen – wenn die Mutter da war. Und Deutsch, wenn Papa Günter im Mittelpunkt stand. Beim Abendbrot vermischte sich alles sprachlich.

Damals gab es, erzählt Katrin Kohl, noch Mahner, die meinten, Zweisprachigkeit schon im Kindesalter könne zu Schizophrenie führen. Sie, Katrin Kohl, wäre als Verkörperung für eine solch kühne These die denkbar ungünstigste Person. Nach Abitur, Studium der Anglistik und Germanistik, diversen Jobs (unter anderem in Spanien oder bei der BBC; dort wurde Mitte der 80er Jahre eine deutschsprachige Serie im Rahmen der Erwachsenenbildung mit ihr als Beraterin gedreht) ist aus dem eher zurückgezogenen Bücherwurm von einst eine international anerkannte Professorin für deutsche Literatur an der renommierten Universität von Oxford geworden.

Zweisprachigkeit, sagt sie nicht nur deshalb, sei doch völlig normal. Oder sollte zumindest längst als Normalität angesehen werden. Wer könnte das besser beurteilen als sie? Ihre wissenschaftliche Tätigkeit hat, so scheint es, derzeit in allererster Linie damit zu tun, genau diese Botschaft immer und immer wieder möglichst weltweit zu verbreiten. Werben für mehr Mehrsprachigkeit: Hört sich einfach an, ist aber bei nüchterner Betrachtung noch immer eine mühevolle Angelegenheit.

In Großbritannien gebe es, sagt die Wissenschaftlerin, so etwas wie eine Sprachblindheit. Gemeint ist damit nichts anderes als eine verbreitete Faulheit, sich als Brite überhaupt nur Gedanken darüber zu machen, dass gute Kenntnisse anderer wichtiger Sprachen auch unschätzbare Vorteil mit sich bringen können.

In England sei das Problem besonders groß, sagt die Fachfrau. Man spreche die Weltsprache Nummer eins, die zugleich Muttersprache sei. Und dabei sei vielfach schon das Bewusstsein verloren gegangen, wie wichtig Sprache überhaupt sei. Das Schulsystem fördere diese Auffassungen auch noch. Sprachunterricht auf der Insel habe längst gravierende Mängel, sagt die Akademikerin. Zugleich richte sich der Fokus an britischen Schulen gegenwärtig erkennbar auf Naturwissenschaften. In dieser Gemengelage untermauere der anstehende Brexit (also der Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union) die Gesamtproblematik dann auch noch.

Und trotzdem bezeichnet sich Katrin Kohl als eine „Brexit-Gewinnerin“. Der vom Volk beschlossene EU-Ausstieg habe bei manchen Briten erst das Bewusstsein entstehen lassen, etwas tun zu müssen in dem Sinne, wortstark zu werden. Etwa, die besonderen deutsch-englischen Beziehungen in den Fokus zu rücken. Zu zeigen, wie fruchtbar sprachlicher Austausch sein kann nicht nur in einer Sprache.

Zurzeit arbeitet die Professorin aus Forstinning an mehreren Projekten, die alle das Ziel haben, in Großbritannien Fremdsprachen zu fördern. Studien hätten nämlich ergeben, dass die britischen Unternehmen inzwischen Milliardenverluste hinnähmen – wegen mangelhafter sprachlicher Kenntnisse der Mitarbeiter über das Englische hinaus.

Deutsch habe im Wettstreit mit anderen Sprachen dabei auch noch einen besonders schwierigen Stand auf der Insel, obwohl es geschichtlich so viele Querverbindungen gebe. Chinesisch boomt, auch Arabisch. Spanisch hat enorm aufgeholt. Die Professorin Katrin Kohl sieht sich daher vor einer Herkulesaufgabe. Einer Aufgabe, Sprache, Kultur, Literatur, Politik und Identitäten über Grenzen hinweg zusammenzuführen.

Das Internet übrigens ist voll von Verweisen auf ihre wissenschaftliche Tätigkeit. Ihr Spezialgebiet: Deutsche Sprache, deutsche Literatur ab 1730, spezielle Themen in narrativen Identitäten seit 1945, DDR-Literatur, fortgeschrittene Übersetzung. Aber auch Themen des 18. Jahrhunderts, Rilke, Kafka, Shakespeare, Metaphern, Poesie und Poetik. Dazu gibt es reihenweise Veröffentlichungen, Bücher, Vorträge, Aufsätze.

Quasi weltweit ist die Sprachwissenschaftlerin inzwischen unterwegs, zuletzt erst noch in Dakar (Senegal). Als ersten deutschen Wohnsitz hat sie Forstinning aber nie aufgegeben.

Bis September lebte noch die Mutter in dem Dorf am Nordrand des Forstes. Eine ebenfalls studierte Anglistin, die sich noch im hohen Alter von 90 Jahren an schwierige theologische Texte wagte und diese übersetzte.

Nach dem Tod der Mutter soll das Mietshaus in Forstinning aber weiterhin so etwas wie der deutsche Standort der Familie bleiben. So wie es schon über Jahrzehnte hinweg immer der Treffpunkt vieler Familienangehöriger war, als Margaret Kohl noch lebte. „Wir haben hier manchmal mit bis zu 14 Personen unter einem Dache geschlafen“, erinnert sich Tochter Katrin, inzwischen längst selber dreifache Mutter (26, 23 und 19 Jahre alt). In den Tagen vor Heiligabend suchte man mal wieder gezielt die Abgeschiedenheit Forstinnings, um intern zu entspannen. Um Spazieren zu gehen oder in die Stadt (München ist gemeint) zu fahren.

Heiligabend selber ging es wieder zurück nach Sheffield, um zwischen den Feiertagen nochmals zurückzukehren nach Bayern. Das Skifahren ist eine große Leidenschaft. Und da ist Forstinning, wie es scheint, für die Kohls ein ganz guter Stützpunkt.

Man komme gerne immer wieder zurück, sagt Katrin Kohl. Ammersee, Chiemsee oder Starnberger See reizten eben doch. Sie spricht von einer immer noch bestehenden, engen, emotionalen Verwurzelung mit Forstinning. Und damit ist längst nicht mehr nur die einstige Bücherstube der Eltern gemeint.

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