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Unschuldig oder Schwerverbrecher: Die verzwickte Lage nach dem Brand im Süpermarkt

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Von: Josef Ametsbichler

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Brand im türkischen Süpermarkt in Markt Schwaben
Komplett zerstört hat der Brand im Januar den türkischen Supermarkt und das Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz in Markt Schwaben. Die Polizei ermittelt gegen den Ladeninhaber, er sagt, er war es nicht. © Thomas Gaulke

Der Markt Schwabener Gökhan K. gilt seit einem halben Jahr als möglicher Brandstifter beim türkischen Supermarkt. Jedoch gibt es immer noch weder Anklage noch Einstellung der Ermittlungen.

Gökhan K. gilt seit einem halben Jahr als möglicher Schwerverbrecher. Kripo und Staatsanwaltschaft ermitteln gegen ihn, weil er sein eigenes Geschäft in Markt Schwaben in Brand gesteckt haben soll. Sein Leben ist zur Hängepartie geworden – zwischen Beschuldigung und Unschuldsvermutung.

Markt Schwaben – Ein leiser Mann betritt an einem heißen Augusttag die EZ-Redaktion. Gökhan K. trägt buntes Kragenhemd zu weißen Sneaker-Turnschuhen. Er war gerade beim Gerichtsvollzieher, erzählt er, deswegen sei er eh in Ebersberg. Seine Konten: gepfändet und gekündigt. Sein Schuldenstand: 400 000 Euro. Er habe Insolvenz angemeldet, es ging nicht mehr anders. Nun lebe er von Hartz IV. Gökhan K. ist offenbar ruiniert.

Doch seine finanzielle Lage könnte ein nachrangiges Problem sein, wenn es nach den Brandfahndern der Kriminalpolizei geht. Am späten Abend des 22. Januar dieses Jahres bricht in seinem „Süpermarkt“, einem türkischen Lebensmittelladen direkt am Marktplatz von Markt Schwaben, ein Feuer aus. Die Scheiben bersten, die Flammen fressen sich durchs Haus. Das Gebäude ist seitdem eine Beinahe-Ruine. Und Gökhan K. soll schuld sein. Es soll Absicht gewesen sein.

Polizeidaten verraten Gökhan K. als Verdächtigen

Die Ruine des Süpermarkt nach dem Brand in Markt Schwaben .
Immer noch Ruine: Das ausgebrannte Gebäude hat kein Dach, die Schaufenster sind vernagelt. © Josef Ametsbichler

Rund zwei Wochen nach dem Feuer veröffentlicht das zuständige Polizeipräsidium Oberbayern Nord in Ingolstadt eine Pressemitteilung. Es gebe eindeutige Hinweise auf Brandstiftung. „Neben der Abklärung weiterer Spuren konzentrieren sich die Ermittlungen derzeit auf einen 34-jährigen türkischen Staatsangehörigen“, so der Wortlaut. Für jeden, der sich ein wenig vor Ort auskennt, ist sofort klar: Der Beschuldigte ist der Chef vom „Süpermarkt“, Gökhan K.

Das weiß auch die EZ. Die Redaktion entscheidet: Gökhan K. soll zu Wort kommen, weil es so offensichtlich ist, dass die Ermittler ihn meinen. Kurz nach dem Brand hatte er ein Interview gegeben. „Das war mein Baby, mein Leben, meine ganze Existenz“, hatte er zur EZ über den Laden gesagt. Als Reaktion auf die Mitteilung der Polizei bestätigt er, dass er der Beschuldigte ist. Und er sagt: „Ich war es nicht.“

Mögliche Versicherungssumme wäre laut Gökhan ein Witz

Dabei bleibt er. Und heute sagt Gökhan K.: „Das hat mich ruiniert“. Gemeint sind die Mitteilung der Polizei und die anschließende Berichterstattung, eine Nachricht wie ein Flächenbrand. Lieferanten und Banken seien ihm davongelaufen, er steht im Feuer der öffentlichen Meinung. Dabei habe er nichts von dem Brand, sagt er immer wieder – die Versicherungssumme, von der er bis zum Abschluss der Ermittlungen keinen Cent sehe, betrage nur 50 000 Euro. Ein Witz im Vergleich zum Schaden. 3000 Euro vor Ort für ihn gesammelte Spendengelder seien fürs Ausräumen der ausgebrannten Räume draufgegangen. „Alles, was ich hatte, habe ich in den Laden gesteckt“, sagt Gökhan K. im Gespräch mit der Redaktion. Wer sonst in seinem Laden mit dem von den Ermittlern gefundenen Brandbeschleuniger gezündelt haben könnte, wisse er nicht. „Ich habe keinen Verdacht.“

Zeitungsredakteure sind keine Gedankenleser. Ob der zierliche Mann mit dem schwarzen Bart und der dünnrahmigen Rundglas-Brille ein unschuldig Verfolgter ist – oder ein Lügner und Verbrecher, weiß momentan nur er selbst mit Gewissheit. Fest steht: Die Polizei hat bisher den Verdacht der schweren Brandstiftung nicht in eine fertige Anklage gegossen – oder gar einen Haftbefehl erwirkt. Gökhan K. ist seit einem halben Jahr öffentlich Beschuldigter eines Schwerverbrechens, für den die Unschuldsvermutung gilt. Ein Paradoxon, das sein Leben von vorn bis hinten im Griff hat.

Derzeitige Situation laut Bürgermeister Stolze „Richtig dämlich“.

Bürgermeister Michael Stolze
Die derzeitige Situation ist laut Bürgermeister Michael Stolze „Richtig Dämlich“. © J.Dziemballa

Und das Markt Schwaben fesselt. Die Gerüchteküche in dem Ort brodelt. Mal ist die Rede davon, dass Gökhan K. bereits eingesperrt sei. Mal heißt es, in der im „Süpermarkt“ untergebrachten Postfiliale habe sich ein Paket entzündet und den Brand verursacht. Alles Spekulation. Die, die mehr wissen, sagen nichts. Immer wieder fragt die EZ seit der Pressemitteilung, die alles verändert hat, beim Polizeipräsidium nach. Die Antwort ist immer dieselbe: „Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagt ein Sprecher am Donnerstag noch einmal. Mehr nicht.

Das beschäftigt auch den Bürgermeister. „Richtig dämlich“ nennt Michael Stolze die Situation, in der mit Gökhan K. auch seine Gemeinde gefangen ist. „Das öffnet Tür und Tor für jede Spekulation“, sagt er. Er sei selbst mit Nachfragen bei der Polizei abgeblitzt, genau wie der Anwalt von Gökhan K. „Es bräuchte wenigstens mal einen Zwischenstand“, findet Stolze. So wie ihn im Februar die schnelle, so konkrete Nachricht über den Verdacht überrascht habe, so wundere ihn nun, das anscheinend nichts weitergeht. Nur, dass es Brandstiftung war, steht fest. „Irgendwer hat mitten in Markt Schwaben vorsätzlich ein Haus angezündet“, sagt der Bürgermeister. „Die Leute treibt das um.“

Bürgermeister dauern Ermittlungen zu lange

Der Bürgermeister bestätigt, was der Ebersberger Zeitung auch die Leute rund um den Markt Schwabener Marktplatz erzählen: Gökhan K. gilt im Ort als freundlich, hilfsbereit, zuverlässig. Eigentlich würde er sein Geschäft gerne wieder aufmachen, sagt er. Oder er wird doch noch als Täter überführt und eingesperrt. Der Beschuldigte, mittlerweile 35 Jahre alt, sagt: „Das dauert alles viel zu lange.“

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