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Der Platz am Kochtopf soll getauscht werden mit dem Chefsessel im Schwabener Rathaus: Oberbräu-Wirt Raphael Brandes will Bürgermeister werden.

Wahlkampf in Markt Schwaben

Vom Aushilfskellner zum Bürgermeister

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Das Wirtshaus im Oberbräu bekommt einen neuen Wirt. Die Gründe haben direkt mit der Kommunalpolitik zu tun.  

Markt Schwaben – Schon seit einigen Monaten befasst sich Oberbräu-Wirt Raphael Brandes mit dem Gedanken, sich aktiver als je zuvor in die Kommunalpolitik Markt Schwabens zu stürzen. Einigen wenigen Vertrauten hatte er immer mal wieder von solchen Plänen erzählt. Seminare besuchte der 45-Jährige quasi neben dem laufenden Wirtshausbetrieb, um sich fit zu machen zum Beispiel im Verwaltungsrecht. Brandes’ ursprüngliche Überlegung: Rund 180 Unterstützerunterschriften zusammen zu bekommen, um als völlig freier Kandidat antreten zu können.

Diese notwendige Basisunterstützung wäre für den eloquenten Hotelkaufmann und Koch ohne Frage eine Kleinigkeit gewesen. Nicht zuletzt dank jahrzehntelangem Engagements im Jugendfußball (BSG-Vorstand, Gründungspräsident der „Schwabener Au“, Mitbegründer des internationalen Fußballturniers Bayern-Trophy) war und ist Brandes ideal am Ort vernetzt für solche Anliegen.

Gekommen ist alles nun etwas anders. Als Mitglied des Arbeitskreises „Pro Fahrrad“ gab es in letzter Zeit einen immer intensiveren Kontakt zu Grünen-Ratsherr Andrä le Coutre. Danach weitere Unterredungen auf Ebene des Grünen-Ortsvorstandes. Und dort reifte schließlich bei Brandes die Idee, auf den steinigen Weg über eine Unterstützerliste zu verzichten und stattdessen gleich als offizieller Kandidat der Grünen ins Rennen zu gehen.

Stark vernetzt in der Marktgemeinde

Die Nominierung freilich steht noch aus. Formell über die Bühne gebracht werden wird sie am kommenden Montag, 4. November, bei einer außerordentlichen Zusammenkunft des Ortsverbandes ab 19.30 Uhr im Gasthaus Mythos. Wichtigster Tagesordnungspunkt: Wahl eines Bürgermeisterkandidaten; erwartungsgemäß Raphael Brandes.

Nun ist es historisch nicht ganz ungewöhnlich, dass Oberbräu-Wirte auch Schwabener Rathauschefs waren. Das Wissen genau darum war sogar eine von Brandes’ Antriebsfedern, 2020 für sich persönlich zu einem Wendejahr zu machen. In jedem Fall wird er ab nächsten März das hoch angesehene Wirtshaus am Markt an einen neuen, bayerischen Wirt übergeben. Entweder macht Brandes dann weiter als Erster Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, in der er seit 22 Jahren lebt und arbeitet. Oder er wechselt in die freie Wirtschaft, von wo er vor seinen gut zehn Gastwirtsjahren herkam. Bis 2011 war Brandes Verkaufsdirektor bei der Cocoladenfabrik Lindt und Sprüngli in Aachen, davor Demi Chef de rang im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski. Begonnen hatte seine berufliche Laufbahn einst, 1992, als Aushilfskellern in der Platzl Bühne in München.

Zumeist ein politischer Mensch geblieben

Völlig unpolitisch war Brandes die meiste Zeit nie, erst recht nicht in seiner Phase als Wirt und Unternehmer. Von 2012 bis 2019 gehörte er der Orts-CSU an, war Mitglied in der Mittelstands Union und von 2013 bis 2016 sogar im christsozialen Ortsvorstand. Ein, wie er sagt, ständiges Hin und Her der CSU auf Bundes- und Landesebene, das er nicht mehr nachvollziehen konnte und wollte, führte letztlich dazu, in der Partei keine politische Heimat mehr zu spüren. Konsequenterweise trat der gebürtige Münchner heuer im März aus der CSU aus, der kritische Blick auf das kommunale Geschehen wurde dadurch, so schien und scheint es, aber immer schärfer.

Was ihm an der aktuellen Politik am Ort nicht passt, da wollte sich Brandes im EZ-Gespräch eher (noch) bedeckt halten. Aber zugleich betonen, Dinge anders machen zu wollen, sollte er im März einen entsprechenden Wählerauftrag bekommen.

„Ich habe gelernt, als Unternehmer zu agieren, aber zugleich immer auch als Kunde zu denken“, sagt der zweifache Vater über sich. Und neue Wege zu probieren, auch wenn sie ungewöhnlich seien. Sein Credo: „Wir dürfen nicht mehr sagen: Es war schon immer so“.

Aus der CSU heuer ausgetreten

Markt Schwaben brauche neue Impulse, immerhin verändere sich der Ort durch Zu- und Wegzüge, aber auch demografisch, in einem rasenden Tempo. Darauf müsse sich die Politik einstellen. Durch noch mehr Transparenz in der Verwaltung, einen Kommunikationsstil auf Augenhöhe, mehr Selbstverantwortung der Abteilungsleiter im Rathaus. Der Bürger müsse geradezu Spaß haben, in sein Rathaus zu gehen. Müsse als Partner dort empfangen werden. Ein Rathaus der verschlossenen Türen soll es nicht mehr geben, so Brandes, ein erklärter Freund von allem, was mit sozialen Engagement zu tun hat. Er selber war und ist im IHK-Regionalausschuss, Gastronomensprecher oder Organisator des Gastro-Musik-Festivals.

Die Jugend will er mehr als bislang einbinden. Ebenso die Neubürger und die ausländischen Mitbürger. Kontaktgespräche gab es bereits. Auf die EZ-Frage, welche Überschrift zu einem Zeitungs-Porträt über ihn stehen müsste, unterbreitete Brandes nach einer intensiven Nachdenkphase übrigens folgenden Vorschlag: „Bewegen, um andere Blickwinkel zu bekommen“.

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