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Günter Wetzel erzählt im Franz-Marc-Gymnasium von seiner Flucht, links Geschichtslehrer Moritz Pöllath.

Unterricht mal anders

So spannend kann Geschichte sein

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Als die acht landen, wissen sie nicht, ob sich noch in der DDR sind oder schon im Westen. Was 1979 geschah, elektrisiert noch heute.

Markt Schwaben In ein paar Monaten jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Was vor 15, 20 Jahren im Idealfall noch als Thema im politischen Unterricht abgehandelt wurde, ist inzwischen längst ins Fach Geschichte gerutscht. Die Ereignisse um 1989 sind für die allermeisten heutigen Schüler weit weg. In Markt Schwaben versucht man aber immer wieder, im Rahmen der Möglichkeiten entgegenzusteuern.

Es war die Zeit, in der Menschen ihr Leben riskierten, um von West nach Ost zu kommen. Die alles aufs Spiel setzten, um in Frieden und Freiheit zu leben. Doch inzwischen gibt es junge Leute, die nicht mal mehr wissen, dass es da einmal eine Bundesrepublik und eine DDR gab, also zwei deutsche Staaten.

Diesen Teil deutscher Geschichte wachzuhalten, ist eine Aufgabe, der sich das Schwabener Franz-Marc-Gymnasium nicht erst seit diesem Jahr stellt. Immer wieder lädt die Schule Zeitzeugen ein, die aus einer Welt berichteten, die geografisch so nah war, aber längst immer mehr aus dem Fokus zu geraten scheint.

Elfi Jung-Strauß, heuer ausscheidende Geschichtslehrerin am FMG, ist es nun wieder einmal gelungen, mit Günter Wetzel einen Mann für einen Vormittag ins Gymnasium zu locken, der besonders spektakuläre Episoden deutsch-deutscher Geschichte erlebt hat. Wetzel war einer der Hauptakteure einer atemberaubenden Flut von Thüringen nach Bayern; und zwar mit einem Heißluftballon. Schon zweimal wurde das Drama vom 16. September 1979 verfilmt, einmal von Walt Disney; und im vergangenen Jahr von Michael Bully Herbig in dem Kinostreifen „Ballon“. Es geht dabei um die aufsehenerregende Ballonflucht den Familien Strelzyk und Wetzel aus Pößneck nach Naila in Oberfranken.

Der Film, berichtet Wetzel an diesem Vormittag im Theatersaal des FMG, spiegele die Ereignisse in den Wochen und Monaten zuvor und besonders in jener schicksalhaften Nacht gut wider; wenngleich natürlich Bully, wie er den Regisseur mehrfach bei dessen Kosenamen nennt, natürlich immer wieder auch Dinge bewusst zugespitzt habe. Was aber für einen Kinofilm normal sei, so Wetzel, der seit Kurzem erst wieder in Ostdeutschland wohnt. In Chemnitz.

Flucht gelingt erst im dritten Versuch

Die Story im Zeitraffer: Peter Strelzyk und Günter Wetzel sind Arbeitskollegen in der Kunststofffabrik VEB Polymer Pößneck. In monatelanger Arbeit beschaffen sie gemeinsam mit ihren Ehefrauen die erforderliche Stoffmenge, nähten daraus einen Ballon, fertigen eine Gondel an und experimentieren mit einem Brenner. Erst der dritte Ballon wird so gut, dass man sich schließlich zu dem großen Vorhaben, die Flucht, wagt. Zwischenzeitlich gibt es einen gescheiterten Versuch der Familie Strelzyk. Die Staatssicherheit leitete eine Fahndung ein, die jedoch ergebnislos verläuft. Man ist den potenziellen Republikflüchtlingen auf der Spur. Nah dran. Am Ende haben die Flüchtenden schlappe sechs Tage Vorsprung.

Unmittelbar nachdem am 15. September 1979 die letzten Stoffbahnen in Jena gekauft und vernäht wird, entschließen sich die Familien aufgrund der günstigen Wetterbedingungen, noch in derselben Nacht mit acht Personen zu starten. Die Fahrt geht über 28 Minuten und 18 Kilometer. Der stark beschädigte Ballon landet schließlich in einem Waldstück bei Naila im Landkreis Hof. Erst als man auf eine bayerische Polizeistreife trifft, ist klar, dass die Flucht geglückt ist.

Bully Herbig macht ein beachtliches  Filmremake

Fesselnd, wie Herbig diese Ereignisse in seinem Remake schildert. Viel besser als die alte Version, wie Wetzel vor den aufmerksam lauschenden Zehntklässlern des Schwabener Gymnasiums berichtet. Man spürt, dass er hier und heute nicht zum ersten Mal erzählt. Den Begriff „Vortrag“ meidet Wetzel.

Wie oft er schon seine Story erzählte? Wetzel weiß es nicht. Solche Auftritte wie jetzt in der Marktgemeinde sind für den 64-Jährigen längste eine Berufung geworden. Es geht ihm darum, das Thema DDR in Erinnerung zu bringen. Leider gebe es nach seiner Auffassung sehr wenige, die heute noch bereit seien, über die Zeit zu reden. Auf seiner Homepage (www.ballonflucht.de) heißt es: „Ich musste aber feststellen, dass vieles falsch dargestellt wurde oder wird und habe mich deshalb entschlossen, die gesamte Geschichte von Anfang an, mit vielen Detailinformationen zu beschreiben.“ Er meint damit speziell seine Flucht, aber auch die Wahrheit über die DDR insgesamt. Manches werde bis heute falsch dargestellt, verdrängt. Einiges werde nicht richtig in der Geschichtsschreibung verankert. Ohne ihren Namen zu nennen, lobt Wetzel in einem Gespräch mit der Ebersberger ZeitungLehrer wie Elfi Jung-Strauß, die sich imme rund immer wieder bemühten, Geschichtsunterricht so zu gestalten, dass Zeitzeugen live zu Wort kommen, so lange es sie noch gibt.

Schüler kennen sich mit Geschichte gut aus 

Die FMG-Schüler sind an diesem Vormittag gut vorbereitet auf alles, was mit dieser Epoche deutscher Geschichte zu tun hat. Sie löchern Günter Wetzel förmlich mit Fragen. Es geht um seine Ängste. Und die Allmacht der Stasi. Um das Motiv, sich auf so eine ungewisse Reise zu begeben, der ja auch in den vielfachen Tod hätte führen können. Darum, was Herbigs Fiktion war und was Wahrheit.

Wetzel berichtet, dass er mit dem Wissen von heute die Aktion so nicht gemacht hätte, wenngleich damals, 1979, die Entscheidung absolut richtig gewesen sei. Inzwischen verfügt er nämlich über drei Jahrzehnte Erfahrung als Pilot und Fluglehrer. Und dieses Wissen hat ihm erst viel später vor Augen geführt, wie viel Glück mit an Bord war, als sein Ballon vor fast genau 40 Jahren in den Westen flog.

Günter Wetzels aufklärerische Mission geht weiter: Seinen nächsten Termin nach Markt Schwaben hat er in 14 Tagen in Nürnberg. Und dann steht heuer noch Stockholm auf dem Programm. Herbigs Film erobert nämlich gerade das Ausland.

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