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Fotos vom oft trost losen Alltag und Erinnerungen an den brutalen Stasi-Staat: Siegfried Wittenburg berichtet davon wie es war, damals in der DDR. 

DDR-Vortrag

Über das Leben im Unrechtsstaat

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Siegfried Wittenburg hat den Alltag in der DDR mit der Kamera dokumentiert. Jetzt zeigt er die Bilder in Schule und klärt über das Leben in der Diktatur auf.

Markt Schwaben – Siegfried Wittenburg macht gar kein Hehl daraus: Ja, er habe eine politische Botschaft. Eine eindeutige politische Botschaft sogar. 76 Jahre müsste er einmal werden, um sein ganz persönliches „Bergfest“ feiern zu können, doziert er an diesem Vormittag vor der versammelten Q 11 und einigen Zehntklässlern des Franz-Marc-Gymnasiums in Markt Schwaben. Dann, mit 76, wäre er immerhin so alt, dass er von sich behaupten könne, genau so lange in Freiheit wie in einer Diktatur gelebt zu haben.

Das ist bei ihm im Jahr 2028. So lange, sagt er, werde er sich noch einsetzen. Werde er vor Schülern seine Fotos zeigen. Und von seinem Leben erzählen in der DDR; von Stasiverfolgung; von Zensur; von einer Gesellschaft, in der die gegenseitige Angst der Menschen voreinander regierte. Und so lange wolle er auch die heutige Schülergeneration immer und immer wieder ermahnen, wachsam zu bleiben und genau zu beobachten, von wem heutzutage welche politischen Botschaften ausgingen. Direkt an die Gymnasiasten gewandt, fügt er an: „Schließlich seid ihr deutschlandweit die erste Generation, die vollkommen in Freiheit und Demokratie aufgewachsen ist.“

Ein namhafter bayerischer Politiker, dessen Namen Wittenburg nicht nennen möchte, habe ihn vor Jahren angesprochen und gefragt, wie es gelingen könne, bayerischen Schülern einen Eindruck davon zu vermitteln, was es bedeutet habe, in der DDR aufgewachsen zu sein. Auf diese Weise war ein nun schon etabliertes Projekt entstanden, das den gebürtigen Rostocker seither immer wieder in den Freistaat führt.

Es scheint bis jetzt ein positives Projekt zu sein, denn Wittenburgs Zwischenbilanz klingt vielversprechend. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche verstanden haben“, berichtet er. Verstanden haben, wie es sich anfühlen kann, nicht in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen zu sein.

Um dies zu vermitteln, erzählt der Mecklenburger: Von seinen Eltern, seiner Schulzeit, den Pionieren, von Quasi-Berufsverboten, von einem Urlaub in Sibirien mit der damaligen Freundin, von Fluchtversuchen anderer über die Ostsee, von erst viele Jahre später aufgetauchten, sehr konkreten Angriffsplänen des Warschauer Paktes auf Norddeutschland, Dänemark und Schweden; von Atombunkern südlich von Rostock. Von der perfiden Methode der Staatssicherheit, über das Mittel der so genannten Zersetzung ein gesellschaftliches Klima gegenseitigen Misstrauens und Angst erzeugt zu haben.

Siegfried Wittenburg war selber Objekt. Erfuhr zehn Jahre nach der Wende, dass bis zu zehn inoffizielle Mitarbeiter auf ihn angesetzt worden waren. Sein operativer Vorgang hieß „Linse“. Linse, weil es Wittenburgs Hobby, die Fotografie war, die ihn letztlich ins Visier der Stasi führte. Ab 1977 hatte er mit einer Praktika-Kamera seine unmittelbare Umgebung in Rostock und anderswo fotografiert. So, wie sie war: Halbfertig, zerfallen, trostlos, hoffnungslos, durch und durch Schwarzweiß.

Bilder, die die, die ihm wohlgesonnen waren, als künstlerisch wertvoll einstuften. Andere aber sahen darin einen unverblümten Protest eines DDR-Bürgers gegen das politische System.

„Es war beides“, sagt Wittenburg heute: Dokumentation des Ist-Zustandes und Protest. Heute, erklärt, er den aufmerksam zuhörenden Jugendlichen in Markt Schwaben, wisse er erst, welche Wirkung seine Fotografien aus der real existierenden Wirklichkeit des Arbeiter- und Bauernstaats auf die Partei und ihre Funktionäre gehabt habe.

Eine Wirkung, die bis heute nachhallt. Ein großes deutsches Nachrichtenmagazin etwa interessierte sich 2010 für seine Arbeiten intensiver. Inzwischen bedient Wittenburg selbst Nachfragen aus Argentinien.

Manchmal, scheint es, wirkt der 66-Jährige fast noch immer erschrocken ob der Wirkung seiner Fotografien. Die berühmteste Aufnahme aus seinem Fundus zeigt den evangelischen Pfarrer und späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck in der Rostocker Marienkirche bei einer Fürbitte.

Ein anderes, die Ansicht einer Kirche, ziert das Kapitel DDR im aktuellen Geschichtsbuch für bayerische Gymnasial-Oberstufen. Davon hatte Wittenburg, bis zu seinem Besuch am FMG, nicht einmal etwas gewusst. Es fiel dem Fotokünstler von der Küste erst auf, als ihm Geschichtslehrerin Evi Jung-Strauß das Schulbuch gestern kurzzeitig zum Durchblättern in die Hand gab.

Am Mittwoch referierte Siegfried Wittenburg übrigens in der Schwabener Grafen-von-Sempt-Mittelschule, in dieser Woche ist er mit seiner Botschaft auch noch in einer Erdinger Schule unterwegs.

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