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Carsten Stahl findet schnell die Sprache der Jugendlichen und den Zugang zu ihren Herzen. Er engagiert sich in einem Anti-Mob bing-Projekt. 

Anti-Mobbing-Aktion

Wie auf  einem Pulverfass

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Mobbing ist das gesellschaftliche Problem der Zukunft; aber es ist schon jetzt überall gegenwärtig. Auch in Markt Schwaben.

Markt Schwaben – 1,90 Meter groß, Vollbart, südländisches Aussehen, Körperbau eines Bodybuilders, Oberarme wie andere Oberschenkel haben, tiefe Stimme: Wenn Carsten Stahl ins Mikro spricht, scheinen die Fensterscheiben zu vibrieren. Natürlich hat er, bekannt u. a. aus dem Privatsender RTL, einen Promibonus, wenn er sich vor Schulkindern aufbaut wie ein Kraftprotz beim Posting. Viele junge Leute kennen ihn. Aber genau diese VIP-Aura will und kann er an diesem Vormittag in der Turnhalle der Grafen-von-Sempt-Mittelschule ganz und gar nicht gebrauchen. „Ich bin kein Fernsehstar“, ruft er laut in die Halle. „Ich bin ein ganz normaler Mensch“. „Es geht heute nicht um mich, sondern um euch“. Mit diesen Botschaften versucht Stahl gleiche Augenhöhe zwischen sich und seinem jungen Publikum herzustellen.

Bei dem, was er an diesem Vormittag in Markt Schwaben vorhat, ist genau das das Allerwichtigste. Gleiche Augenhöhe. Das Bewusstsein, kein Mensch ist wichtiger als der andere. Dieses „Ich-bin-einer-von-euch“. Stahl spricht die Sprache der Jugendlichen, da fällt sich mal das unanständige F...-Wort. Das killt förmlich jede Distanz.

Dieser Duktus öffnet zugleich die Ohren; und später auch die Herzen. Früher, in seiner Kindheit, hat Stahl den täglichen Kampf auf den Straßen erlebt. In Neukölln, einem Problemstadtteil Berlins. Wurde gejobbt, hat gejobbt, hat die Fäuste fliegen lassen statt die Argumente. War Bandenchef. Authentischer geht’s kaum.

Heute hat er dem Mobbing den Kampf angesagt. Es ist ein mühsamer Kampf. Bei Anti-Mobbing-Veranstaltungen direkt in Schulen hat er nach eigenen Angaben inzwischen 6000 junge Leute erreicht. Viele Teilnehmer haben sich bei ihm schon bedankt. Nicht wenige haben sich ihm in einer schonungslosen Ehrlichkeit geöffnet.

Stahl liest aus einigen wenigen Zuschriften vor. Das, was die Kinder zu hören bekommen, erschüttert und treibt einigen Tränen in die Augen. Ja, sein Kampf gegen Mobbing ist hart. Aber es ist einer, den es sich zu kämpfen lohnt. Bis zu 70 Prozent aller Schulleiter würden die Augen verschließen, wenn es um das Thema Mobbing an ihrer Schule gehe, sagt er. Dabei sei es inzwischen weit mehr als jeder Sechste, der Opfer werde. „Was ist los in unserem Land?“, fährt er die Kinder fast schon an. Und meint doch die Politik, die Polizei, die Pädagogik.

Die Gesellschaft sitze auf einem Pulverfass und merke es nicht, ist seine Botschaft. Mobbing zerstöre Seelen. Beim moderneren Cyber-Mobbing, der ganz speziellen Spielform im Internet, könne ein Mensch in weniger als fünf Minuten zerstört werden, doziert er, ausgestattet mit zwei Jahrzehnten knallharter Erfahrung von der Straße. „Wenn wir jetzt nicht dagegen arbeiten, bekommen wir ein Problem, das wir nicht mehr beherrschen werden“, heißt es.

Carsten Stahl kommt bei den Mittelschülern glaubwürdig an. Alles, was er erzählt, hat er selbst erlebt. Er war das Opfer, er hat zurückgeschlagen, ist abgedriftet ins kriminelle Lager. Weil es da einen Automatismus gebe, wie er sagt. „Opfer von Mobbing sind die, die sehr gut manipulierbar sind, manipulierbar für Kriminalität oder für Extremismus“. Die Realität scheint den Berliner zu bestätigen. Der Münchner Amoklauf im vergangenen Jahr war verübt worden von einem Mobbingopfer.

Es dauert nicht lange, und Stahl hat auch an diesem Vormittag in Markt Schwaben die Zuhörer auf seiner Seite. Ihr werdet für mich euer Leben lassen, verspricht er allen eingangs. Zwei Schulstunden später hat er alle so weit.

Und wie ist das gelungen? Lehrer, sagt Stahl, sollten zu den Schülern eine professionelle Distanz halten, damit sie nicht angreifbar würden. Dadurch fehle ihnen aber der Schlüssel zum Entscheidenden, zu den Herzen. Es ist kein Vorwurf an die Pädagogen. Vielmehr nennt Stahl Lehrkräfte wie die Konrektorin Eva Guerin oder die Schulpsychologin Lidija Sturman wahre Helden. Weil sie den Mut hatten, zuzugeben, dass Mobbing auch an ihrer Schule ein Problem ist und man nicht wegschaut wie anderswo.

Am Ende schafft es Carsten Stahl, dass alle Schüler eine Fahne unterschreiben und sich damit öffentlich verpflichten, jeglicher Form von Mobbing zu entsagen. Auch die anwesenden Lehrer machen mit. Und Stahl schwört nochmals, nicht nachzulassen bei seinem ganz persönlichen Kampf gegen eine der größten gesellschaftlichen Gefahren überhaupt, wie er es nennt. Heute geht’s weiter.

Internet

www.camp-stahl.de

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