Frank-Walter Steinmeier mit dem Markt Schwabener Alt-Bürgermeister Bernhard Winter im Unterbräu-Saal
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Bernhard Winter, hier mit Franz-Walter Steinmeier, hat neue Pläne für seine Sonntagsbegegnungen. 2021 geht es nach Bielefeld.

INTERVIEW - Bernhard Winter über seine nächsten Projekte

Neue Pläne für Sonntagsgespräche Markt Schwaben: Tun und verändern statt jammern

  • vonJörg Domke
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Demnächst soll der 101. Sonntagsdialog in Markt Schwaben stattfinden. Im nächsten Jahr ist dann u.a. ein Termin in Bielefeld geplant. Warum Bielefeld?

Markt Schwaben – Am 19. Januar hatte es letztmalig Sonntagsbegegnungen in der Gemeinde Markt Schwaben gegeben. Damals ein besonderer Termin, handelte es sich doch immerhin bereits um die 100. Veranstaltung dieser Art, die sich einst Bernhard Winter ausgedacht hatte. Dann aber kam Corona. Und damit eine erzwungene Pause, die demnächst wohl zu Ende gehen dürfte. Markt Schwabens Altbürgermeister Winter hat inzwischen schon verlautbaren lassen, am Sonntag, 27. September, wieder mit seiner beliebten Reihe starten zu wollen. Die 101. Veranstaltung folgt dem Thema „Kinder, Schule, Bücher“ und findet ab 11.15 Uhr mit Prof. Michael Piazolo, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus, und Dr. Jonathan Beck, Chef des Verlags C.H. Beck, im Bürgersaal Unterbräu statt.

Wir sprachen mit Bernhard Winter, der am Tag zuvor noch in Stuttgart einen Preis der Theodor Heuss Stiftung bekommen wird.

Herr Winter, die 101. Veranstaltung Ende September ist zugleich die erste nach dem Tod von Hans-Jochen Vogel heuer am 26. Juli. Der war nicht nur Schirmherr Ihrer Reihe, sondern auch Ihr Mentor und Freund. Welchen Anteil hatte Herr Vogel am Erfolg der Schwabener Dialoge?
Der Tod von Hans-Jochen Vogel ist ein großer Verlust für mich, mit Dankbarkeit denke ich daran, wie oft ich ihm begegnen und ihn bei sich zuhause besuchen durfte. Er war mir Freund, Wegbegleiter, Vorbild. Und ja, von der 1. bis zur 100. Veranstaltung war er Schirmherr der Sonntagsbegegnungen: Zehnmal hat er selbst als Dialogpartner mitgewirkt, mit Dieter Hildebrandt über „Alt werden“, mit Anselm Grün über „Gott vertrauen“, mit dem polnischen Ministerpräsidenten zum Thema „Grenzen überwinden“. Bei ungefähr 15 Dialogen war er als Grußwortredner oder einfach als Gast dabei. Immer wieder hat mir Vogel auch geholfen, besondere Persönlichkeiten wie den jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier oder Altbundeskanzler Gerhard Schröder für die Dialoge zu gewinnen.
Sie hatten bis zuletzt als einer der wenigen Kontakt mit Hans-Jochen Vogel. Wie sah das aus?
Zuletzt persönlich getroffen haben wir uns im März im Augustinum. Wir sind uns am Tisch gegenübergesessen, Hans-Jochen Vogel im Rollstuhl. Wie immer gab es eine kleine Tagesordnung: von der Bewertung der aktuellen Politik über mein „Bielefeld-Projekt“ bis zum Austausch über unsere Gesundheit und unsere Familien. Vogel hat sich gefreut, als ich ihm erzählt habe, dass ich sein letztes Buch „Mehr Gerechtigkeit“ (in dem er seine Gedanken zu bezahlbarem Wohnen ausführt) bei den nächsten Sonntagsbegegnungen als Geschenk für die Dialogpartner - darunter auch die gegenwärtige Bayerische Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr - nehmen werde.
Und was haben Sie noch besprechen können?
In den folgenden Monaten bis kurz vor seinem Tod haben wir noch mehrfach telefoniert: Trotz seiner Erkrankungen war Hans-Jochen Vogel dabei stets zugewandt und zuversichtlich.
Wie haben Sie Herrn Vogel als Menschen zu bewerten?
Er war eine einzigartige Persönlichkeit. Und ein liebenswerter Mensch: Nie habe ich ihn wie einen Oberlehrer erlebt, sondern auf gute und menschliche Art als Wegweiser und Vorbild. Bescheiden, klug, hilfsbereit. Seinen Leitsatz „Nicht jammern, sondern etwas tun, dass sich die Dinge ändern!“ können wir uns alle zu Herzen nehmen.
Wir können uns vorstellen, dass Sie aufgrund ihrer engen persönlichen Bindung auf ihre Weise noch an Hans-Jochen Vogel erinnern wollen. Gibt es schon Pläne?
Hans-Jochen Vogel war auch meiner Lyrik verbunden, mein aktuelles Buch „Kurz und glücklich“ ist ihm zusammen mit meiner damals einjährigen Enkelin Laura gewidmet. Oft hat er bei meinen Lesungen und Buchvorstellungen Texte von mir vorgetragen. Das möchte ich ihm nun zurückgeben: Jährlich in der Woche vor seinem Geburtstag werde ich eine „Hans-Jochen-Vogel-Gedächtnis-Lesung“ veranstalten. Voraussichtlich am Sonntag eine Lesung mit prominenten Stimmen aus seinen Büchern, am Vorabend ein ihm gewidmetes Fest mit Musik und Poesie.
Was hat Vogel denen mitgegeben, die sich, wie Sie, öffentlich einsetzen für Werte, für Dialog, für Anstand, kurzum für die Demokratie?
Sein eigenes Beispiel: gradlinig, aufrecht, nicht sich selbst zelebrieren, sondern den Menschen zuhören und dem Gemeinwohl dienen.
Am 26. September bekommen Sie in Stuttgart eine weitere Auszeichnung, eine Medaille der Theodor Heuss Stiftung. Die ist zwar im Prinzip politisch unabhängig, dürfte ihrer Partei, der SPD, aber nicht betont nahestehen. Was bedeutet diese Ehrung für einen Sozialdemokraten?
Theodor Heuss war unser erster Bundespräsident. Was ich von seinem Leben weiß - auch aus seinen Briefwechseln - beeindruckt mich: er war kluger Journalist, mutiger Demokrat, einigendes Staatsoberhaupt. Mit der Heuss-Stiftung verbinde ich auch andere Persönlichkeiten, die ich aus der Nähe kennengelernt habe und schätze wie zum Beispiel Hildegard Hamm-Brücher und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Dass in der Festschrift zur Preisverleihung meine Sonntagsbegegnungen als „Hochamt der Zivilgesellschaft“ bezeichnet werden, in denen „wirklicher Kontakt“ und „gegenseitige Berührung“ möglich werden… , dass dies die Grundlage für das Entstehen von Miteinander und Demokratie sei… Solche Beurteilungen freuen und ehren mich und meine Dialogreihe.
Am Tag danach gibt es im Bürgersaal Unterbräu den Dialog mit dem Kultusminister und dem Verleger Beck. Unter besonderen Auflagen wegen Corona, kann man sich denken. Was wird anders sein? Und lohnt es sich noch, sich bei diesen Einschränkungen anzumelden?
Wir haben die Gästezahl nach unten begrenzt, alle werden sich an die dann gütigen Regularien wie Abstand usw. halten. Anmelden kann man sich nicht mehr, die Veranstaltung ist ausgebucht.
Was, glauben Sie, können wir aus dieser Corona-Krise lernen?
Demut: Wir sind nicht unverletzlich. Verantwortung: Wir können etwas tun, dass wir und andere gesund bleiben. Hoffnung: Auch in dieser besonderen Zeit ist ein gutes Miteinander möglich.
Sie rücken am 27. September wieder das Thema Kinder in den Fokus. Auch mit einer zweiten Veranstaltung heuer im Herbst. Das gab es schon einmal. Gibt es Gründe dafür?
Ich mag Kinder. Meine eigenen drei, die drei Kinder meiner Kinder. Auch Kinder, die ich auf der Straße treffe und die mir in meiner psychotherapeutischen Praxis oder in anderen Berufsfeldern begegnen und begegnet sind. Als Markt Schwabener Bürgermeister war es für mich mit das Schönste und Wertvollste, die Kinderbrücke über den Hennigbach auf den Weg zu bringen: auf der einen Seite des Flusses eine riesige einladende Wiese zum Spielen, gegenüber unzählige Kinder in ihren Wohnungen, ohne nahen Spielplatz. Was liegt näher, als beide durch eine Brücke zusammenzubringen?
In einer Vorschau haben Sie bereits angekündigt, 2021 in Bielefeld Frau Leutheusser-Schnarrenberger und Günther Beckstein zusammenzubringen. Warum Bielefeld?
„Was ist Recht, was ist richtig?“, darüber werden die frühere Bundesjustizministerin und mein Bayerischer Lieblings-Ministerpräsident in der Neuen Schmiede in Bielefeld-Bethel reden. In Bielefeld kenne ich Menschen, Bielefeld mag ich und finde es schön, Bielefeld hat ein Geheimnis.
Das Programm dort sieht nicht nur eine Sonntagsbegegnung vor, sondern es geht auch um Kultur, Betriebsbesichtigungen, um gemeinsames Essen. In erster Linie aber um Inklusion, also um Gemeinsamkeiten zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Ist das geplante Wochenende in Ostwestfalen quasi etwas wie eine verdichtete Form all der Formate, derer Sie sich in den letzten Jahrzehnten bedienten?
Ja. Eckpfeiler sind zwei bewährte Elemente: Die Sonntagsbegegnungen und das Wiederaufleben von „JA. Bündnis für Zusammenhalt“, das ich im letzten Jahr meiner Bürgermeisterzeit initiiert habe. Damals sind wir in einer bunt gemischten Gruppe mit dem Zug nach Schliersee gefahren und haben Gerhard Polt und Markus Wasmeier besucht. Viele nützliche Kontakte sind entstanden. Beim Bielefeld-Projekt verbindet sich das alles und Neues kommt dazu: hochkarätige Dialoge, ein Fest mit Musik und Poesie (gesponsort von der Markt Schwabener Privatbrauerei Schweiger), eine Stadtführung und damit verbunden ein Austausch mit dem Bielefelder Oberbürgermeister und Bielefelder Geschäftsleuten, ein Besuch der Dr. Oetker Welt, Kontakt mit der Behinderteneinrichtung Bethel, einiges mehr ist dabei. Im Unterschied zu 2010 werden wir dieses Mal aber nicht mit dem Zug unterwegs sein, sondern mit dem Omnibus: Der Glonner Busunternehmer Josef Ettenhuber „schenkt“ uns für die Bielefeld-Reise einen seiner Busse.
Und wie schaut die, nennen wir es mal, „Delegation“ aus?
Das Wesentliche ist in der Tat die Zusammensetzung der Reisegruppe: Behinderte Menschen aus dem Betreuungszentrum in Steinhöring - unter ihnen voraussichtlich die Band „Rotes Motorrad“ - fahren genauso mit wie der Markt Schwabener Bürgermeister, örtliche Unternehmer, der regionale Polizeichef, BMW-Manager, Chefärztin, Yogalehrer, eine Kreisrätin aus unserem Landkreis, Persönlichkeiten, die ich über meine Praxis kenne … alte Menschen genauso wie Kinder und Jugendliche.
Wer kann teilnehmen und wie können sich Interessierte anmelden?
Das Ganze ist für Ende Juni 2021 geplant. Ich gehe selbst im Lauf dieser Wochen auf Menschen zu, die ich gut kenne und von denen ich glaube, dass sie als Reisegruppe zusammenpassen.
War 100 Mal Schirmherr der Schwabener Dialoge: Hans-Jochen Vogel, der am 26. Juli in München starb.

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