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Theresa Täubrich stellt Torten-Kunst aus Schokolade, Rahm und Zucker her. 

Vergängliche Kunst aus Markt Schwaben

Zum Anbeißen: Diese Plastiken sind nicht aus Plastik

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Die Kunstwerke aus Markt Schwaben schauen aus wie filigran gearbeitete Plastiken. Doch sie sind aus einem ganz, besonderen Material. Und nur von begrenzter Haltbarkeit.  

Markt Schwaben/Parsdorf– Dieser Artikel ist nichts für Leser, die gesteigerten Wert auf eine gesunde, kohlenhydratreduzierte Ernährung legen. Vielleicht ist es auch ein Artikel, der besser im Kulturteil dieser Zeitung aufgehoben wäre. Das, was Theresa Täubrich so zu zaubern pflegt, ist nämlich, wie sie selber sagt, Kunst, bei der der Künstler respektive die Künstlerin zufällig mit essbarem Material hantiert. „Verrücktes Süßes“ sozusagen. Oder, wie es auf ihrer Homepage nachzulesen und anzuschauen ist: crazy sweets. Die gebürtige Brandenburgerin selbst sagt über ihre Erzeugnisse, sie seien „lustig und gruselig“.

Verrückt ist das schon, bisweilen bizarr und skurril, mitunter auch erotisch, was die 34-Jährige da so kreiert in einem Keller in der Straße Am Fischergries in Markt Schwaben. Er ist zugleich Lager, Produktions- und Kursraum. Da entdeckt man in ihren Fundus an Kunstwerken zum Beispiel einen Männerrücken, in den sich eine Gitarre bohrt. Oder einen mit allen erdenklichen Gesichtsfalten versehenen Seemann namens Popeye. Eine scheinbar schwebende Meerjungfrau stößt einen anderen Seemann in die Tiefe. Oder da gibt es einen Waldarbeiter, der mit blutigen Narben im Gesicht mit einer Motorsäge hantiert, an der ebenfalls Blut haftet.

Popeyes und entzückende Männerrücken

Fast schon erschreckend normal kommen die vielen bunten und filigranen Blumendarstellungen daher. Sie schauen aus wie aus einer Werkstatt, in der Mitarbeiter noch die feine sowie hohe Kunst der Porzellanverarbeitung beherrschten.

An Fantasie mangelt es der Parsdorferin jedenfalls nicht. Das wird schnell deutlich. Botschaften, sagt sie, hätten ihre Werke nicht. Der Spaß an der Freude sei es, der sie letztlich antrieb und noch immer antreibt, diese Kunstwerke zu erschaffen, die allesamt zweierlei gemeinsam haben. Sie sind, erstens, essbar, und zweitens genau deshalb nur von einer begrenzten Haltbarkeit. Also dem natürlichen Verfall ausgesetzt.

Das sei, sagt die zweifache Mutter, für sie auch gar kein Problem. Im Gegenteil: So hat die schon vielfach ausgezeichnete Motivtorten-Fachfrau auch keine Sorgen wie etwa Bildhauer oder Maler, sich überlegen zu müssen, wo all die Kreationen einmal gelagert werden sollen. Wenn das Werk fertig ist, ist eigentlich schon der Gedanke beim nächsten Projekt, scheint es.

In jedem Fall aber entstehen von ihr selber noch aufwendig gemachte Fotos, die belegen, was so alles aus Teig, Modellierschokolade, Ganache (eine Mischung aus Sahne/Rahm und Schokolade/Kuvertüre) und Fondant hergestellt werden kann. Dabei handelt es sich um eine weiche, pastöse Zuckermasse, die zur Herstellung verschiedener Süßwaren verwendet wird.

Eine Kunstwerk dauert auch schon mal über 100 Stunden

Wie kommt man nur auf die Idee, schon mal acht bis zehn Stunden für eine einfache Kreation oder gar für ein später dann auch prämiertes Meisterkunstwerk handgestoppte 145 Stunden Arbeit zu investieren? Am Anfang, berichtet die junge Frau, habe auch hier der Zufall gestanden. 2013 war es, als sich ihre damals dreijährige Tochter zum Geburtstag unbedingt eine Hello Kitty Torte wünschte. Dabei geht es um eine katzenähnliche fiktive Figur, die geradezu exemplarisch steht für die sogenannte Kawaii-Kultur aus Japan.

Theresa Täubrich hat dann, was so eine verständnisvolle Mutter halt eben macht, im Internet nachgeschaut und dort auch entsprechende Rezepte gefunden. Und nicht nur das: Das Backen und Modellieren hat schließlich so viel Spaß gemacht, dass nach und nach daraus ein Hobby wurde.

Hobby, sagt die resolute Künstlerin, bedeute bei ihr aber immer: Ich mache etwa ganz oder gar nicht. Es wurde also schnell eine ganze Sache und keine halbe. Und gut ein Jahr später hatte sie, publiziert über digitale Medien, schon einen so großen Bekanntheitsgrad erlangt, dass erste Anfragen aufliefen, ob sie nicht auch Kurse geben könne. Dass sie Autodidaktin war, störe dabei niemanden. Und die gab es dann auch. In Lübeck, München, Berlin, ja sogar in England.

Der persönliche Höhepunkt folgte 2016: Bei einem Cake-Masters-Award in Birmingham gewann Theresa Täubrich das, was in der kleinen, überschaubaren Szene der Tortenkünstler („ich fange da an, wo die Konditoren aufhören“) so etwas ist wie der Oscar. Anders gesagt: Das war die Auszeichnung dafür, in jenem Jahr die weltbeste Modelliererin gewesen zu sein.

Die schon erwähnte Meerjungfrau im Kampf mit einem Seemann ist ihr ganz besonderer Stolz – „Flying mermaid“ genannt. Dass es hier womöglich auch um Gewalt gegangen sein könnte, ficht die Tortenkünstlerin nicht an. „Die Botschaften sind irrelevant“, sagt sie trocken im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Und dreht dabei trocken in Windeseile aus einem kleinen Klumpen Fondant eine kleine Blüte einer Rose, die maximal so groß ist wie eine Murmel.

Ihr aktuelles Projekt unterliegt noch einer gewissen Geheimhaltung. Damit bewirbt sich die Parsdorferin für einen Wettbewerb, der Mitte September in Saarbrücken stattfinden wird. Eine Bedingung zur Teilnahme ist, dass vorher noch nichts davon irgendwo publik gemacht werden darf.

Viel dreht sich, das darf wohl folgenlos geschrieben werden, um Modellierschokolade. Die unterscheidet sich von herkömmlicher Schokolade darin, dass sie ideal zum Kneten geeignet ist. Nachteil dieses Materials: Durch die Körperwärme schmilzt sie eben auch sehr schnell. Auch deshalb ist der kühlende Keller in Markt Schwaben ein idealer Standort für ihre Arbeit. Theresa Täubrich nennt ihn die Crazy Sweet Academy.

Kurse in der Crazy Sweet Adademy

Wie bei allen anderen Wettbewerben auch, entscheidet eine Jury. Kreativität ist ein wichtiges Kriterium. Es geht aber auch um den Aufbau, die Vielfalt an verwendeten Materialien, die Sauberkeit und den optischen Gesamteindruck.

Den Ehrgeiz, auch weiterhin internationale Anerkennung zu erfahren, scheint die erfolgsverwöhnte Frau noch lange nicht verloren zu haben. Wenngleich sie auch sagt, dass das Gewinnen für sie zweitrangig sei. Der Reiz liege schlichtweg darin, immer mal wieder an Großem zu arbeiten. „Dadurch lotet man seine eigenen Grenzen aus“. Und das sei enorm wichtig.

Verhältnismäßig kleiner ist das, womit sich Theresa Täubrich ansonsten abseits der Wettbewerbe befasst. In ihrem neuen Markt Schwabener Kellerstudio bietet sie vor allem Kurse an für Kundinnen, die ebenfalls Spaß gefunden haben daran, Torten einen künstlerischen Zusatzpfiff zu verpassen. Der nächste Kurs am 21. und 22. September befasst sich beispielsweise mit 3-D-Torten und wendet sich an Fortgeschrittene. „In diesem Kurs lernt man, wie man ein super cooles Einhorn aus Kuchen und einem inneren Gestell baut... Du kannst ein Einhorn, ein Zicklein, einen Jungbullen oder ein Lämmchen basteln. All dies und noch viel mehr ist mit dieser Grundstruktur möglich“, heißt es.

Den nächsten Basiskurs gibt es am 19. Oktober. Anmeldungen erfolgen nur online.

Ganz wichtig: Verkaufen darf die Parsdorferin ihre Kunstwerke nicht. Dazu müsste sie Konditorin sein. Die 34-Jährige hat aber Pharmakantin gelernt. Das ist jemand, der industriell Arzneimittel entwickelt und herstellt. Und dabei zusieht, wie er die Wirkstoffe beispielsweise in die Tablette unterbringt. „Dort haben wir“, sagt sie, „mit Stärke und Zellulose zu tun. Bei dem, was ich jetzt mache, geht es um Butter und Mehl, das ist physikalisch zumindest ähnlich“.

Torten werden auch schon mal locker einen Meter hoch

Auf ihrer Homepage geht es daher um zweierlei: Die Kurse in Markt Schwaben anzubieten und die für die Tortenkunst erforderlichen Materialien und Werkzeuge (Pinsel, Ausstecher, Blütenpaste, Puderfarben, Tortendübel etc.) online zu vertreiben.

Letzteres, gemeint sind die Dübel, sind nicht ganz unwichtig, wenn die süßen Kreationen auch schon mal in die Höhe wachsen sollen. Dann brauchen sie so was wie ein tragendes Skelett. Hier aus extra dazu zugelassenem Plastik.

Apropos Höhe: Die bisher höchste Torte aus der Hand der Parsdorferin maß 1,35 Meter. Hatte neun Stockwerke und war eigens für einen Wettbewerb angefertigt worden. Wofür sonst?

Auch das könnte interessieren: Die Weihersaison 2019 in Markt Schwaben   

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