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Oberbayer fährt mit Auto spontan in Grenzregion - „Lkw-Fahrer saßen vor Fahrzeugen und weinten“

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Von: Jörg Domke

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Christian Schedl
Christian Schedl , seine Kinder und eine der Ukrainerin mit ihrer Tochter, die inzwischen in Portugal angekommen sind. © Privat

So sieht pragmatische Hilfe in diesen Tagen aus: Christian Schedl (50) aus Markt Schwaben setzt sich ins Auto und holt Flüchtlinge an der Grenze zur Ukraine ab.

Markt Schwaben – „Ich habe Angst und will nicht sterben“: Das kleine Mädchen, das Christian Schedl da am Wochenende in einem TV-Beitrag aus der Ukraine sah und hörte, bewegt den Markt Schwabener tief. Es braucht nicht lange, und sein Beschluss steht fest: Ich fahre zur ukrainisch-polnischen Grenze und bietet mich an, privat Flüchtlinge mitzunehmen und ggf. auch aufzunehmen daheim in der Marktgemeinde. Die endgültige Entscheidung, erzählt der 50-Jährige, fällt vergangenen Freitag am Abend.

Ukraine-Konflikt: Oberbayer fährt an Grenze und bietet Flüchtlingen Unterkunft an

Und am Samstag sitzt der Unternehmensberater bereits früh am Steuer seines Mercedes V-Klasse. Fahrtrichtung: Polen. Nach einem Zwischenstopp in einem Hotel in Krakau mit Übernachtung geht es am Sonntag weiter Richtung Osten. Je näher der Schwabener der Grenze kommt, um so reger agiert sein Handy. Über mehrere Kontakte, berichtet Schedl, ist seine Nummer in sozialen Netzwerken aufgeschlagen, die auch für Ukrainer zugänglich sind.

So entsteht u.a. ein Kontakt zu einer Frau, die Schedl jedoch später nicht treffen sollte. Ihr ist es einfach nicht gelungen, rechtzeitig polnischen Boden zu erreichen. So schlägt sich Schedl, wie er der EZ erzählt, weiter durch durch eine Region, die ihn von Minute zu Minute mehr beeindrucken sollte. „Der erste tiefe Eindruck, das waren ukrainische Lkw-Fahrer auf einem polnischen Rastplatz, die vor ihren Fahrzeugen saßen und offensichtlich weinten“, so der dreifache Familienvater. Womöglich, weil ihnen der Weg in die Heimat versperrt ist.

Ukraine-Krieg: Unzählige Polen helfen vor Flüchtlingslager

Schedls Fahrt über rund 1100 Kilometer endet zunächst vor einem Aufnahmelager 15 Kilometer westlich des Grenzorts Medyka. Was er dort auf einer Art Parkplatz wie vor einem Einkaufszentrum, antrifft, überrascht ihn. Unzählige Polen, die den Flüchtlingen ihre Hilfe anbieten.

Riesenberge an Hilfsgüter. Schedl macht unter den anderen Helfern ein paar Berliner aus, ansonsten nur Polen und wenige Ukrainer. Und bastelt sich spontan ein Schild: Munich, 6 x free. München. Das ist hier so exotisch, dass gleich ein französisches TV-Team ein Interview machen will. Schedl: „Ich fand das unpassend.“ Auch, hier selber zu fotografieren.

Es dauert gut 20 Minuten am Sonntag gegen 16 Uhr, das sprechen ihn erste Ukraine-Flüchtlinge an. Eine 63-jährige Frau mit ihrer Tochter (42), die bereits vier Tage unterwegs waren. Ihre Heimat: Irgendwo zwischen Lemberg und Kiew. Den Ehemann hat die Mutter in der Ukraine zurückgelassen. Ihr Wunsch: Irgendwie nach Stuttgart kommen, weil es dort Bekannte gebe.

Kurze Zeit später meldet sich eine 31-jährige Frau mit ihrer siebenjährigen Tochter bei ihm. Auch sie seit zweieinhalb Tagen auf der Flucht. Der Vater und Ehemann, erfährt Schedl, arbeite als Wanderarbeiter in Lissabon. Ihr Ziel als: Von München weiter nach Portugal.

Ukraine-Konflikt: Frauen ist die Unsicherheit anzusehen

Auch wenn noch zwei Plätze unbesetzt bleiben, macht sich Christian Schedl schnellstens wieder auf den Weg zurück gen München. Als Fahrgäste dabei vier Frauen, denen er eine riesige Unsicherheit in jedem Moment ansehen kann. Da sei nicht nur die Ungläubigkeit gewesen, dass es hier wirklich jemanden gibt, der Fremde kostenlos durch halb Europa zu fahren bereit ist. Vor allem aber sei die Angst zu spüren gewesen, ob das alles hier überhaupt funktioniere.

Von unterwegs ruft Schedl mehrfach daheim an und berichtet von den Plänen seiner Fahrgäste. Ehefrau Caro setzt derweil über den engen Freundeskreis online einige Hebel in Bewegung. Und weil die Freunde der Schedls wiederum weitere Freunde aktivieren, kommt innerhalb kürzester Zeit ein Spende von über 2000 Euro zusammen. Genug, um damit Fahrkarten nach Stuttgart und die Flugtickets nach Lissabon zu kaufen, so Schedl.

Ukraine-Konflikt: Freunde spenden für Flug- und Bahntickets der Flüchtlinge

Am Montag hält der Mercedes in Markt Schwaben an. Noch am gleichen Tag sorgen die Eheleute Schedl wunschgemäß dafür, dass die Ukrainer weiterkommen. Die schon halbwegs präparierten Gästebetten: sie werde diesmal nicht gebracht. Für Schedl steht inzwischen fest: Er fährt bald wieder los, um zu helfen. Seine Botschaft: Helfen ist ganz simpel, man muss es einfach tun. Und: Es macht einen selber extrem zufrieden. Was ihm aber ganz wichtig ist: „Wir alle werden hier noch einen sehr langen Atem haben müssen“.

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