Ein Zug rauscht durch Grafing-Bahnhof. Den Menschen im Ort droht noch mehr Lärm. Foto: Stefan Rossmann

Mehr Züge, mehr Lärm, mehr Frust

Landkreis - Welche negativen Auswirkungen wird der Bau des Brenner-Basis-Tunnels für den Landkreis haben? Zu dieser Frage gibt es widersprüchliche Signale. Während die Sorge der Anrainergemeinden im Kreis wächst, gibt es Beruhigungspillen aus dem bayerischen Innenministerium.

Innenminister Joachim Herrmann (CSU) machte einen Ausflug ins schöne Tirol. Er besichtigte dort mit einer österreichischen Delegation den im Bau befindlichen Zugangsstollen. Danach ließ er verlauten: Die ursprünglich geplanten zwei zusätzlichen Gleise von München nach Rosenheim und weiter durch das bayerische Inntal stünden nicht mehr zur Debatte. Die bestehende Trasse könnte den zusätzlichen Bahnverkehr aufnehmen, ist Herrmann überzeugt. Wie er zu dieser Auffassung gelangt ist, das ist dem Ebersberger SPD-Bundestagsabgeordneten Ewald Schurer schleierhaft. Er hält dieses Szenario für vollkommen unrealistisch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf dem jetzigen Gleiskörper zu bewältigen ist“, sagte Schurer bei einer Informationsveranstaltung zu dem Thema in Grafing. Umso wichtiger sei es, dass die Bahn endlich die Karten auf den Tisch lege und benenne, „mit welchen Kapazitäten man hier zu rechnen hat“. Aber selbst, wenn der zusätzliche Zugverkehr von 170 auf bis zu 300 Güterzüge täglich gesteigert werden könnte, ist das für die Bürger der Gemeinden Vaterstetten, Zorneding, Kirchseeon, Grafing-Bahnhof und Aßling kein Anlass zur Erleichterung, sondern mit erheblichem Lärmzuwachs verbunden. Eigentlich eine Tatsache, die vorausschauendes Handeln erfordern würde. Daran hapert es aber. „Vor zwei Jahren wurde mit Österreich ein Planungsabkommen unterzeichnet. Seither ist überhaupt nichts mehr passiert“, kritisiert Schurer die Haltung von Bahn und Politikern auf der bayerischen Seite. Er sei „enttäuscht und verbittert“, wie hier den Interessen der Bürger mit Untätigkeit begegnet werde. Schurer schreibt heute einen offenen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Bahn, Rüdiger Grube, in dem er seinem „Frust“ Ausdruck verleihen wird. „Die Erwartungen der Bürger im Landkreis Ebersberg wurden enttäuscht“, schimpft der Abgeordnete.

Die Enttäuschung könnte noch größer werden. Denn die Gemeinden haben ein schlechtes Beispiel vor Augen. Selbst wenn der Zusatzverkehr auf den alten Gleiskörpern abgewickelt werden könnte, würde die höhere Zugfrequenz weitere Lärmschutzmaßnahmen erfordern. Und da haben die Kommunen im Inntal schon schlechte Erfahrungen gemacht. Sie mussten Teile des Bahnlärmschutzes selbst bezahlen. „Die Bahn hat eine Verantwortung gegenüber den Gemeinden“, sagt Schurer.

Der Ebersberger Abgeordnete glaubt, dass auch die Anrainergemeinden an der Bahnstrecke von München nach Mühldorf mit einer Zusatzbelastung rechnen müssen. Betroffen wären vor allem Markt Schwaben und Poing. Denn die bisherigen Planspiele sehen vor, dass ein Teil des zusätzlichen Güterverkehrs über die Trasse München-Mühldorf-Freilassing abgeleitet werden soll. Besserer Lärmschutz wäre auch dort dann ein Thema.

Im Gespräch sind auch zusätzliche Gleise neben der Inntal-Autobahn. Das Nadelöhr bliebe der Abschnitt Grafing-Bahnhof bis zum Ostbahnhof. In Kirchseeon zum Beispiel gibt es keinen Platz für zusätzliche Gleise, wenn man nicht ganze Siedlungsteile plattmachen, oder einen Tunnel bauen will. Beide Szenarien sind unrealistisch.

Für Schurer ist es eine „Ungeheuerlichkeit“, dass die Bahn in den vergangenen zwei Jahren durch „Nichthandeln“ aufgefallen sei. Der damalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hatte den Bürgern noch den schnellen Eintritt in einen Dialog versprochen. Zeit dazu hätte er vor seiner überraschenden Ablösung durch Alexander Dobrindt genug gehabt. Dass sich der Nachfolger an Versprechen von Ramsauer gebunden fühlt, scheint mehr als fraglich. Schurer wird den Dialog eigener Auskunft nach von Grube einfordern. Den Brenner-Basis-Tunnel hält Schurer „grundsätzlich für sinnvoll“.

Michael Seeholzer

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