Kommentar zu Altersarmut

In uns allen steckt ein Michel

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Es hat etwas mit Anstand zu tun. Christoph Hollender kommentiert das Thema Altersarmut und erklärt, was Michel aus Lönneberga damit zu tun hat.

Es gibt da die Geschichte Michel aus Lönneberga, von Astrid Lindgren, die zur Weihnachtszeit spielt. Die Familie von Michel bereitet sich auf das Fest vor. Es gibt Essen in Hülle und Fülle. Michel lädt die Alten aus dem Armenhaus zu Schinken, Blutwurst und Pastete ein. Er sagt: „Es ist besser, wenn solche Leute etwas zu essen bekommen, die wirklich Hunger leiden.“ Auch bei uns im Landkreis Ebersberg wird es in diesem Jahr an Weihnachten ältere Menschen geben, die wenig Essen haben. Die alleine sein werden. Die kein Geld haben, um andere zu besuchen. Altersarmut ist an Weihnachten besonders schwer. Sie trifft das Herz, nicht nur den Magen.

Lindgrens Michel steht für etwas, das in unserer Zeit leider weniger wird. Nennen wir es Anteilnahme. Klar, Michel ist ein Lausbub. Aber ein Michel fragt, hey, wie geht es dir? Kann ich dir helfen? Ein Michel hält Türen auf und bietet den Platz in der S-Bahn einer Mutter mit Kind oder einer Oma an. Sagen wir, ein Michel ist Höflichkeit.

Einschnitte der Rente: international einmalig

Nun, was hat das mit Altersarmut zu tun? Recht viel. Natürlich gibt es die materielle Armut von Senioren. Es fehlt einigen Menschen im Landkreis Ebersberg de facto an Geld! Das hat verschiedene Gründe: Die Rentenkasse sagt dazu, dass jemand dann nicht durchgehend in die Rentenkasse eingezahlt hat. Stimmt. Eine Mutter, die sechs Kinder bekommen hat, hat viel gearbeitet – zuhause, aber nicht in einem Unternehmen. Sie hat wenig eingezahlt. Ein Mann, der seit seinem 14. Lebensjahr als einfacher Handwerker schuftete und mit Mitte 50 arbeitslos wird, weil sein Betrieb zusperrt, hat Lücken im Rentenverlauf. Das müssen beide bitter bezahlen.

Unsere große Reportage darüber, dass sich Menschen Essen nicht leisten können: Im Herzen reich

Gerecht ist das nicht. Und die Zukunft lässt nichts Gutes ahnen. Altersarmut wird zunehmen. Die Menschen werden älter, es gibt weniger junge Beitragszahler, die aber die Rentner finanzieren müssen. Nur wenige Arbeitnehmer werden in Zukunft 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen, wie gewünscht. Darauf fundiert jedoch die Berechnung des Rentenniveaus. Diese Beschränkungen von Rentenleistungen auf Erwerbstätige, die in Vollzeit gearbeitet haben, sind im internationalen Vergleich nicht bekannt. Es gibt Studien der Bertelsmann-Stiftung, die besagen, das in 20 Jahren jede zweite alleinstehende Frau in Rente „armutsgefährdet“ sein wird.

Es hat etwas mit Anstand zu tun!

Es braucht politische Reformen. Möglichkeiten gibt es. Schauen wir nach Norwegen und Dänemark: Dort gibt es eine Grundrente, also eine Basis-Rente, die für alle Versicherten gleich hoch ist – anders als die Grundsicherung bei uns, denn andere Einkünfte werden nicht verrechnet. In Schweden und der Schweiz werden Mindestrenten bezahlt. Oder: eine bedarfsgeprüfte Rente so wie in Österreich. Ein Anfang wäre schon, die Renten gestaffelt zu erhöhen, also die niedrigen Renten höher als die höheren.

Vor allem müssen Menschen, die unverschuldet in Not geraten und besonders Mütter (gut, die Mütterrente ist ein Ansatz), die keine Rente haben, besser im sozialen System abgesichert werden. Altersarmut kann man nie zielgenau bekämpfen, heißt es von der Politik. Warum nicht?

Altersarmut ist vor allem aber auch soziale Armut. Und damit sind wir wieder beim Michel. Mehr Michel täte uns gut, in unserer schnelllebigen und egoistischen Zeit. Es hat etwas mit Anstand zu tun. Eine ältere Frau, die sich schämt, raus zu gehen, weil sie kein Geld hat, tut das auch, weil viele ihr nicht auf Augenhöhe begegnen. Solange wir in der Gesellschaft die Menschen, die nicht zu den „Gewinnern“ zählen, links liegen lassen, wird deren Armut nur größer. Es fängt beim Grüßen und Tütentragen an. Oder damit, einfach mal jemanden einzuladen, so wie Michel.

Rubriklistenbild: © dpa

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