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Nur noch „Kinderaufbewahrung“, jede Woche neue Stundenpläne: Lehrer berichten über ihren Chaos-Alltag

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Von: Josef Ametsbichler

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Vor der Klasse steht eine Lehrerin oder ein Lehrer: Das ist auch im Landkreis Ebersberg keine Selbstverständlichkeit mehr.
Vor der Klasse steht eine Lehrerin oder ein Lehrer: Das ist auch im Landkreis Ebersberg keine Selbstverständlichkeit mehr. (Symbolfoto) © DPA

Lehrermangel hat den Landkreis Ebersberg im Griff: Grund- und Mittelschulen berichten von prekären Zuständen, die sich jeden Tag im Unterricht auswirken.

Landkreis – Wie tief die Schulen im Landkreis Ebersberg in der Personalkrise stecken, lässt sich anhand eines schlichten Aussagesatzes belegen: Vor der Klasse steht der Lehrer. Dieser Allgemeinplatz – mitgemeint sind natürlich auch die Lehrerinnen – ist mittlerweile nicht mehr wahr. Das sagen die örtlichen Vertreter des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbands (BLLV). Sie berichten von Studierenden, die ganze Klassen leiten, von Lehrplänen, die teils nur auf dem Papier existieren und von beruflichen Quereinsteigern, die den Kernunterricht abfedern müssen. Die EZ konnte sich über den Verband anonym an den Grund- und Mittelschulen im Landkreis umhören. Eine Lehrkraft zieht in der Umfrage das Fazit: „Ein geregeltes Schulleben ist momentan nicht möglich.“

Kultusminister leugnen den Mangel - Lehrerverband schlägt Alarm

Für Generationen von bayerischen Kultusministern war und ist „Lehrermangel“ ein Tabubegriff. Es gibt ihn nicht, weil es ihn nicht geben darf. Anders sieht das die Basis, die sagt, das Personal fehlt überall. „Ich sehe jeden Tag, was es bedeutet, unter Lehrermangel eine Schule zu leiten“, sagt Astrid Jahreiß. Sie ist stellvertretende Kreisvorsitzende des BLLV und Konrektorin der Grundschule Poing, Karl-Sittler-Straße. Als Gewerkschafterin traut sie sich Klartext, im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen im Landkreis, die Angst vor Druck von oben haben, wenn sie Missstände offen anprangern.

Wo die Lehrer der Schuh drückt: Die BLLV-Kreisvorsitzender Knut Schweinsberg, Vize-Kreisvorsitzende und Konrektorin Astrid Jahreiß und BLLV-Vizepräsident Gerd Nitschke im Gespräch mit EZ-Redakteur Josef Ametsbichler.
Wo die Lehrer der Schuh drückt: Die BLLV-Kreisvorsitzender Knut Schweinsberg, Vize-Kreisvorsitzende und Konrektorin Astrid Jahreiß und BLLV-Vizepräsident Gerd Nitschke im Gespräch mit EZ-Redakteur Josef Ametsbichler. © S. Roßmann

„Die Arbeit an den Kindern ist für die Kollegen nicht mehr machbar – und um sie geht es doch eigentlich“, erzählt Jahreiß aus der Praxis. Und fügt an: „Wir löschen nur noch Brände und wurschteln uns irgendwie durch.“ Seit Beginn der Corona-Pandemie könne sie sich nur an eine Woche erinnern, in der das 23-köpfige Lehrerteam komplett gewesen sei.

Lehrkräfte krank in der Schule - einzelne verheimlichen sogar ihre Schwangerschaft

Beim Besuch in der EZ-Redaktion erzählen die Lehrer-Vertreter: Immer wieder schleppen sich Lehrer krank in die Schule, um die Kollegen nicht im Stich zu lassen. Es gebe Fälle im Landkreis, in denen Lehrerinnen ihre Schwangerschaft verheimlichten, um es trotz damit verbundenen Beschäftigungsverbots etwa mit einer vierten Klasse bis zum Übertritt zu schaffen.

Wenn es doch soweit kommt, dass es eben keinen Lehrer mehr für die Klasse gibt, springen andere ein. BLLV-Kreisvorstand Knut Schweinsberg bemüht einen Vergleich: „Wenn bei der Bahn der Lokführer ausfällt, bleibt der Zug stehen. An unseren Schulen muss der Schaffner weiterfahren.“ Das heiße, das etwa Förderlehrkräfte, die eigentlich für Zusatzstunden und ergänzende Angebote ausgebildet sind, in Vertretung Kernunterricht erteilen müssen. Oder dass Lehramtsstudenten vor der Klasse stehen, die rechtlich noch gar keine Noten geben dürfen, was dann wiederum eine Lehrkraft im Hintergrund absegnen müsse – ob tatsächlich oder pro forma.

Quereinsteiger unterrichten: „Wir haben niemanden mehr!“

„Wir haben niemanden mehr“, sagt Gerd Nitschke, BLLV-Vizepräsident und Vorsitzender des örtlichen Personalrats. Im Extremfall heiße das, Quereinsteiger halten den Unterricht, sogenannte Substitutionslehrkräfte. Diese müssen einen Master-Abschluss mitbringen – der kann aber beispielsweise auch in Forstwirtschaft oder Ethnologie erfolgt sein. Ehrenwerte Berufe, aber eben keine ausgebildeten Lehrer.

Die anonymen Stimmen von der Basis (siehe Kasten unten) vermitteln das Bild, dass der Ausnahmefall an den Grund- und Mittelschulen im Landkreis Ebersberg längst zum Dauerzustand geworden ist. Das geht auf Kosten der Schüler. Zwar finden die Stunden, anders als an weiterführenden Schulen, statt, sagt BLLV-Vize Nitschke. „Wir können aber nicht sicherstellen, ob es wirklich Unterricht oder nur Betreuung ist.“ So müssten etwa Klassen, die keinen Lehrer hätten, immer wieder auf andere aufgeteilt werden. Das wirbelt den Lehrplan durcheinander, wenn die Parallelklassen beim Stoff nicht genau gleichauf sind.

Lehrermangel im Kreis Ebersberg: Ostereiersuchen und Schulfeste fallen aus

Und: „Es geht ja nicht nur um Bildung“, sagt Konrektorin Jahreiß. „Die Kinder brauchen auch jemanden, der ihnen das Leben erklärt.“ An der Poinger Schule werde es heuer kein Ostereiersuchen geben. Wandertage, Klassenfahrten, Elternstammtische, Schulfeste – alles auf der Streichliste, sagt BLLV-Kreisvorsitzender Schweinsberg: „Die schönen Sachen, an die wir uns aus unserer Schulzeit noch erinnern, fallen weg.“ Weil keine Zeit dafür sei.

Lehrer-Personalrat Nitschke müht sich redlich, nicht ins Wehklagen zu verfallen: „Das Schöne – oder der Irrsinn – ist ja, dass es trotzdem funktioniert“, sagt er. Und Konrektorin Jahreiß lobt ihr Team, Lehrkräfte, Nachwuchs und Quereinsteiger gleichermaßen, das sich in der Krise die Freude am Beruf bewahre. Nur verheißen die Studierendenzahlen gerade für die Mittelschule nichts Gutes, sagt Nitschke. Daher könne es jenen, die eigentlich in die Grundschulen wollten, blühen, dass sie dort aushelfen müssten. „Man rettet sich von Ferien zu Ferien“, beschreibt der BLLV-Mann die Situation – und schiebt die Dauerforderung seines Verbands nach, dass Lehrer an Grund- und Mittelschulen endlich gleiche Bezahlung wie ihren Kollegen an Realschulen und Gymnasien erhalten müssten.

Der EZ-Kommentar zum Thema: Lehrermangel als Warnsignal für gesellschaftlichen Niedergang

„Kinderaufbewahrung“, Stühlewerfer und ein schlechtes Gewissen: Hier berichten Lehrkräfte aus dem Landkreis Ebersberg anonym

Was passiert, wenn eine Lehrkraft krank wird?

- „Wir haben eine Förderlehrkraft. Diese hat in letzter Zeit fast nur noch vertreten. Das entlastet zwar alle anderen, es finden aber eben auch die dringend benötigten Förderangebote nicht statt.“

- „Wenn es keine Lehrer zur Vertretung gibt, werden die Kinder auf die jeweilige Jahrgangsstufe aufgeteilt. Das sorgt für viel Unruhe, geplante Unterrichtsinhalte können teilweise nicht bearbeitet werden.“

- „Wenn eine Lehrkraft erkrankt, entfallen die Sprechstunden und Förderstunden. Durch die zusätzliche Belastung der Lehrkräfte und ihre Flexibilität kann der Pflichtunterricht noch stattfinden. Auf Dauer geht das jedoch auf die Gesundheit der Lehrkräfte.“

Wie belastet der Lehrermangel das Personal an den Schulen?

- „Wir haben viele Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, u. a. Erstklässler die schreiend Stühle schmeißen und junge Kinder mit tatsächlichen Persönlichkeitsstörungen und Traumata. Dem kann man einfach nicht mehr gerecht werden. Das ist unbefriedigend.“

- „Es werden für einige Wochen teilweise Stundenpläne geändert und neu geschrieben, im Kollegium Lehrer:innen neu eingeteilt, um die Versorgung der Klasse zu gewährleisten. Dies sorgt wiederum für Unruhe in anderen Klassen und setzt große Flexibilität bei Kolleg:innen voraus.“

- „Unterricht kann in der Regel nicht abgesagt werden, da wir die Schülerinnen und Schüler kaum früher in die Mittagsbetreuung oder die Horte schicken können (ebenfalls personalbedingt überlastet). Die Unterrichtsvertretung bleibt also an uns hängen: Freies Spiel auf dem Pausenhof mit zwei Klassen, Film einlegen – Kinderaufbewahrung.“

- „Menschen und die Ressourcen (Stunden, Zeit, qualifiziertes Personal etc.) fehlen. Bedürfnisse der Kinder können nicht abgedeckt werden.“

- „Die alltäglichen Pflichten werden unter den momentanen Umständen schon als Belastung empfunden. (Elternarbeit, Ausflüge bei Teilzeitlehrer: innen, Elternabende, Klassenfeiern an Weihnachten, Osterfrühstück etc.).

Wie helfen die Substitutionskräfte („Quereinsteiger“)?

- „Wir hatten das Glück, (...) viele Praktikantinnen zu haben, die bei der Doppelführung entlasten konnten.“

- „Durch die Stunden von Substitutionskräften kann immerhin an drei Tagen der Kernunterricht abgefedert werden.“

- „Unterricht, der von Substitutionslehrkräften übernommen wird, bedeutet auch Mehrarbeit. Leistungsnachweise müssen gemeinsam erstellt werden, alltägliche Abläufe (Unterrichtsstunden, Elternarbeit, Disziplin, Schülerbeobachtungen, Fragen...) müssen begleitet werden.“

Was belastet Sie zurzeit am meisten?

- „Viele erkrankte Lehrkräfte sind geplagt von schlechtem Gewissen, da man genau weiß, dass andere Kollegen diese Stunden abfangen müssen. Erkrankte Lehrkräfte kommen deshalb oft schwer in den Ruhemodus, um sich auszukurieren.“

- „Grundschullehrkräfte müssen Stunden an Mittelschulen auffangen und fühlen sich damit teils überfordert. Zudem ist man schneller gestresst und verliert dadurch die Freude am Beruf.“

- „Es gibt kaum mehr Förderstunden für all die Inklusionskinder. Förderlehrkräfte, die eigentlich nur einzelne Kinder fördern sollten, übernehmen im Krankheitsfall den kompletten Unterricht, obwohl sie viel weniger Bezüge erhalten als ein Grund- oder Mittelschullehrer.“

Was würde helfen?

- „Mehr Wertschätzung. Mein Mann und ich sind beide krank zuhause. Ich liege im Bett mit schlechtem Gewissen – und er (freie Wirtschaft) mit Blumenstrauß vom Chef. Und: Mehr Personal und kleinere Klassen.“

- „Die Belastung könnte vermindert werden durch mehr mobile Lehrkräfte, mehr ausgebildete Pådagogen, Reduzierung des Lehrplan-Drucks (inhaltlich bisschen lockern), Schaffung von Maßnahmen, die den Beruf wieder attraktiver machen (Verdienst, Ausbildung...).“

- „Reduktion statt Perfektion!“

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