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Erst Millionär, dann ins Gefängnis: Der Konrad Kujau von Maria Altenburg

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Von: Max Wochinger

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Drei Jahre Gefängnis hat Markus Sparer (links, Name geändert) hinter sich. Nun lebt er mit anderen ehemaligen Strafgefangenen in einem Sozialprojekt in der Gemeinde Moosach. Norbert Trischler (rechts) unterstützt die Menschen bei der Suche nach dem Neustart in die Gesellschaft. Die Aussichten sind selten rosig. Foto: Stefan Roßmann
Drei Jahre Gefängnis hat Markus Sparer (links, Name geändert) hinter sich. Nun lebt er mit anderen ehemaligen Strafgefangenen in einem Sozialprojekt in der Gemeinde Moosach. Norbert Trischler (rechts) unterstützt die Menschen bei der Suche nach dem Neustart in die Gesellschaft. Die Aussichten sind selten rosig. © Stefan Roßmann

In der Wohngemeinschaft Tabor in Maria Altenburg in Moosach wohnen ehemalige Strafgefangene. Die Bewohner haben Heftiges erlebt. Markus Sparer etwa war Millionär – und hat alles verloren. Jetzt lebt der 49-Jährige auf zehn Quadratmetern.

Moosach – Konrad Kujau wurde in den 1980er-Jahren weltberühmt. Der Mann hatte gefälschte Hitler-Tagebücher an das Nachrichtenmagazin Stern verkauft. Der dreiste Betrug flog auf, Kujau ging ins Gefängnis. Markus Sparer, gebürtiger Truderinger, nahm sich Kujau zum Vorbild für sein eigenes Leben. Das Vorhaben ging schief. Aus Angst vor Geldforderungen alter Kunden will Sparer, der ehemalige Betrüger, seinen richtigen Namen besser nicht in der Zeitung lesen.

Sparer sitzt an einem heißen Tag auf der Terrasse der Wohngemeinschaft in Moosach. Es ist idyllisch hier, der Garten groß, die Stimmung ruhig. Ein Mann erzählt von seinem Drogenschmuggel in die USA. Alle acht Minuten kommt ein weiterer Mitbewohner zum Rauchen nach draußen. Er setzt sich auf einen Stuhl neben Sparer. Raucht. Schweigt.

Wohngemeinschaft ehemaliger Strafgefangener: Betreuung gibt es keine - jeder bringt sich ein

18 Menschen bewohnen die Anlage, plus die beiden Leiter. Seit 1998 mietet der Verein „Tabor“ das Gelände. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, ehemalige Strafgefangenen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen. Die Bewohner müssen 290 Euro Miete zahlen, Betreuung gibt es keine. „Wir betreuen uns gegenseitig“, sagt Leiter Norbert Trischler, 63. Jeder Bewohner könne sich in die Gemeinschaft einbringen, egal wie. Das mache den Einzelnen wertvoll.

Markus Sparer kocht gerne für die ganze Mannschaft. Der 49-Jährige trägt ausgelatschte Segelschuhe, eine verwaschene Jeans und ein helles Hemd. „Ich bin in Maria Altenburg ganz zufrieden“, sagt er. Nur ärgert er sich, dass er damals nicht schlauer war. „Was ist mir jetzt geblieben?“, fragt er, ohne Freude über die Antwort.

Die Betrügerkarriere beginnt mit dem Neid auf die „Rampensäue“ - und viel Kokain

Alles fing vor knapp 30 Jahren an. Der junge Mann arbeitet als Kaufmann in einem Poinger Unternehmen. Er ist schüchtern, lebt zurückgezogen. Schon seit seiner Jugend ist er nicht mit sich selbst zufrieden. Immer fühlt er sich „klein“, er ist neidisch auf die „Rampensäue“, sagt er. Als er 22 Jahre jung ist, nimmt ihn ein Arbeitskollege auf Partys mit. Er trinkt Alkohol, verträgt ihn aber nicht.

Sein Freund bietet ihm Kokain an. Sparer zieht sich das Rauschgift in die Nase. „Es war ein Wundermittel“, sagt er heute. Glücklicher, gelöster, selbstbewusster – der junge Kerl fühlt sich, so wie er immer sein wollte.

Ein Millionenerbe fällt ihm mit 28 zu

Über Jahre geht es so weiter: Party, Koks, Arbeit. Bis 1997. Die Firma, bei der er beschäftigt ist, geht pleite. Ein Jahr später stirbt seine Mutter. Er ist ein Einzelkind, sein Vater früh verstorben. Seine Mutter hinterlässt ihm ein großes Grundstück in Trudering, es wird an einen Bauträger verkauft. Plötzlich ist Sparer reich: „Ich habe 1,7 Millionen Euro bekommen“, sagt er auf der Terrasse. Jetzt geht das Leben los, denkt sich der damals 28-Jährige.

Er macht sein Hobby zum Beruf. Sparer handelt im Internet mit Militaria: Anzüge, Soldatenhelme, Orden. Der Mann merkt damals schnell, dass bestimmte Produkte mehr wert sind. „Nazi-Zeug brachte das meiste Geld.“

Er verkauft Repliken als Originale, tauscht Abzeichen aus, verhökert Schrott als Raritäten. Macht Geschäfte unter den Namen seines Onkels. Er wird seit 2005 immer wieder wegen Betrugs angezeigt, kann sich aber meist herausreden. Es war keine Absicht, er sei auch betrogen worden, eine Ausrede etwa. Sein Vorbild war Kujau: „Der war ja auch so genial“, sagt er.

Autos, Partys, Frauen - und massenweise Kokain: Der Traum wird zum Albtraum

Zu jener Zeit hat Sparer keinen Alltag. Er tut, wonach ihm ist. Ein teures Auto, Party, Geschenke für Frauen. Ein Leben auf großem Fuß. Sein Kokain-Konsum ist entgrenzt: Er zieht ein Gramm am Tag. „Die größte Angst war, dass ich kein Koks im Haus hab“, erinnert er sich. Teils bunkerte er 200 Gramm des Rauschgifts bei sich.

Das alles endet am 11. Mai 2007. Sparer erinnert sich noch genau: An jenem Tag wird er verhaftet. Mittlerweile haben sich 42 Anzeigen angesammelt. Sein Geld ist weg. Was er damals noch hatte, war ergaunert. Er wird schließlich zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Ganz unten angekommen: Kein Geld, keine Freunde, keine Freiheit

Im Gefängnis Stadelheim wird ihm bewusst: Geld weg, seine falschen Freunde weg, nicht mal Kohle für Tabak. In der Gefängnis-Wäscherei arbeitet er für 56 Cent die Stunde. Aber einen Lichtblick gibt es: in Gestalt von Seelsorger und WG-Leiter Norbert Trischler. Der erzählt ihm von dem Haus in Moosach. Nach der Haft geht Sparer in eine Entzugsanstalt. Danach landet er in Maria Altenburg.

Familie und ehemalige Freunde wollten keinen Kontakt. In der Wohngemeinschaft fand er Anschluss, arbeitete als Pflegehelfer und im Gartenbau. Momentan lebt er von Arbeitslosengeld. „Ein verurteilter Betrüger findet nur schwer einen Job in der Buchhaltung“, sagt er.

Seine Gerichtsakten hat er verbrannt. Ein Neustart mit knapp 50 Jahren? „Schwer“, sagt Sparer. Er hat rund 250 000 Euro Schulden von damals. „Das demotiviert die Aussichten.“

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