Kreisheimatpfleger Thomas Warg steht an der Stelle, wo sich einst die Villa Rustica der Römer befand. Der Ebersberger deutet auf den nahegelegenen Steinsee.
+
Kreisheimatpfleger Thomas Warg steht an der Stelle, wo sich einst die Villa Rustica der Römer befand. Der Ebersberger deutet auf den nahegelegenen Steinsee.

Auf einer Anhöhe liegen Reste aus der römischen Kaiserzeit

Geheimnisumwobene Villa Rustica am Steinsee

  • Robert Langer
    VonRobert Langer
    schließen

Die Aussicht ist einmalig. Wer über die steile Hangkante hinweg nach Norden blickt, kann durch die hohen Bäume hindurch das in der Sonne funkelnde Wasser des Steinsees erkennen. Das Panorama hat wohl schon vor zwei Jahrtausenden Siedler erfreut.

Steinsee/Landkreis - Bei der Entscheidung der Römer, dort auf dem Plateau ein Haus zu bauen, standen vor allem strategische Gründe im Vordergrund. Damit ist bis heute ein Geheimnis verbunden in Form einer vermuteten, aber bisher noch nicht gefundenen, sehr sehr alte Straße von Süden nach Norden durch den Landkreis Ebersberg, die auch die Römer nutzten.

Was kaum jemand weiß: Auf der Anhöhe im Süden über dem Steinsee nur wenige Meter vom Weiler Oberseeon entfernt, liegen nicht sehr tief im Boden die Reste einer Villa Rustica aus der römischen Kaiserzeit. In der Aufzeichnung der Bodendenkmäler im Bayernatlas nur ein kleiner roter Punkt. Klar ist, dass es sich um ein Gebäude mit Grundmauern in einem leicht verschobenen Rechteck von rund 23 Metern Länge und einer Breite von mehr als zwölf Meter handelte. Das steht schon im Standardwerk von Hermann Dannheimer und Walter Torbrügge über die Vor- und Frühgeschichte im Landkreis Ebersberg, erschienen 1961 unter dem Logo der Prähistorischen Staatssammlung München. Die Mauern des Gebäudes wurden aus Rollsteinen mit reichlich Mörtel errichten. Ziegelreste wurden nicht gefunden. Westlich davon sollen die Reste eines römischen Lehm-Fachwerkbaus und römische Scherben entdeckt worden sein.

Landsitz für verdiente Legionäre am Steinsee?

Wie Kreisheimatpfleger Thomas Warg erklärt, wurden solche Landsitze oft an verdiente Legionäre, also Soldaten vergeben. „Das ist auch für diese Villa Rustica am Steinsee nicht ausgeschlossen.“ Auf dem Hof könnten vor etwa 2000 Jahren rund 20 Personen gelebt haben, der Eigentümer vielleicht mit seiner Familie, dazu Dienstpersonal. Sklaven habe es dort wohl nicht gegeben. Gehalten wurde Vieh – Rinder, Schweine und Schafe. „Hunde hatten sie natürlich auch“, sagt Warg. Auf gerodeten Flächen wurden Felder angelegt. Angebaut wurde vor allem Getreide. Das Anwesen sei im Vergleich mit anderen römischen Siedlungen eher bescheiden gewesen. Schriftliche Hinweise in römischen Chroniken gibt es nicht. Heißt: Der Hof hat existiert, war aber im großen Reich ziemlich unbedeutend.

Die Römer hatten etwa ein Jahrzehnt vor der Zeitenwende die Alpen überschritten und den keltischen Widerstand gebrochen, drangen zur Donau vor. Der heutige Landkreis Ebersberg lag aber wohl abseits interessanter Gebiete.

Kreisheimatpfleger: „Die Römer liebten unsere Waldgebiete nicht sehr“

Die Lage des Landsitzes ist jedoch interessant. Mitten im damaligen Wald. „Die Römer liebten unsere Waldgebiete nicht sehr. Sie bauten möglichst gerade Straßen hindurch, um in attraktivere Gebiete wie Augusta Vindelicorum zu kommen. Das ist heute Augsburg“, sagt Warg. Aufgrund ihrer Ingenieurkunst sei das für die Römer kein Problem gewesen. Auf diesen sehr gut ausgebauten Fernstraßen konnten ganze Legionen schnell verlegt werden und auch für Händler und Reisende waren sie bedeutungsvoll.

„Unsere Römerstraße im Norden des Ebersberger Forstes, die von Wels in Niederösterreich nach Augsburg führte, können wir heute noch problemlos erkennen“, sagt Warg. Die Trasse und die Gruben, aus denen Baumaterial zur Erhaltung entnommen wurde, sind noch gut sichtbar. „Wir nennen sie RS III. Die Römer gaben ihr keinen Namen.“ In den römischen Straßenverzeichnissen war sie nicht einmal eingetragen.

Ganz anders die Römerstraße Via Julia im Süden des Landkreises, die den Inn nördlich von Rosenheim überquerte und die Isar bei Grünwald. Diese Straße war auch in Römerzeiten richtig wichtig.

„Und zwischen diesen beiden west-östlich verlaufenden Römerstraßen muss es eine Verbindung gegeben haben“, sagt Warg. Sie führte wohl ungefähr von Anzing über Zorneding, Oberpframmern und Egmating nach Kleinhelfendorf bei Aying. Dumm nur: „Von dieser Straße haben wir noch nie Spuren gefunden. Trotzdem ist sie belegt. Denn es gibt Beweise“, so Warg.

An der Existenz der Römerstraße gibt es keine Zweifel

Der Freisinger Bischof Arbeo (gestorben 784) verfasste die Lebensbeschreibung des heiligen Emmeram. Damals waren die Römer zwar schon lange abgezogen, aber ihre Straßen wurden immer noch genutzt. Emmeram befand sich auf einer Pilgerreise nach Rom, als er fälschlicherweise beschuldigt wurde, die Tochter des Herzogs geschwängert zu haben. Seine Häscher erwischten ihn in Kleinhelfendorf und folterten ihn. Das soll im Jahr 652 gewesen sein. Seine Begleiter brachten den Sterbenden den gleichen Weg zurück: Kleinhelfendorf-Aschheim-Föhring. Noch heute können diese Gedenkorte besucht werden. „Also hat es die Straße gegeben. Daran wurde nie gezweifelt“, so Warg.

Überall gab es entlang der Römerstrassen Villae Rusticae als größere, sich selbst erhaltende Bauernhöfe, die dem Unterhalt der Straßen dienten, also keine Hotels, allenfalls Rasthöfe, vor allem aber als eine Art Bauhof oder Straßenmeisterei. Und diesem Zweck wird auch der römische Gutshof am Steinsee gedient haben. Er ist vier Kilometer von der gedachten Trasse entfernt. „Eine übliche Entfernung“, sagt Warg.

Ein weiterer Beleg mag das Wappen von Oberpframmern sein: Darauf ist eine Pflaume zu sehen. Nach der Überlieferung wohnten in römischen Zeiten dort „Pflaumenzüchter“ – auf Latein: Pfrumarii.

Warum aber wurden keine Spuren dieser Straße gefunden? Warg vermutet, dass die Römer eine alte Handelsroute aus der Bronzezeit (etwa 2200 bis 800 vor Chr.) entlang der Hangkante der Münchner Schotterebene nutzten. Sie war wohl ausreichend, sodass eine „echte Römerstraße“ mit ihrem durchdachten Schichtaufbau nicht notwendig war. Dennoch könnte aber eine Kontrolle und ein gewisser Unterhalt dieser Straße wichtig gewesen sein.

Die Karte zeigt die römerzeitlichen und mittelalterlichen Fundstellen im Landkreis Ebersberg.

Und was wurde aus der Villa Rustica am Steinsee? „Der Niedergang war ein längerer Prozess“, sagt Kreisheimatpfleger Warg. „Wann das endgültige Ende war, ist schwer zu sagen. „Auf jeden Fall hängt es mit den Barbareneinfällen und der beginnenden Völkerwanderung zusammen. Die Soldzahlungen blieben aus, vor 500 Jahren verließen die Römer unser Land.“ Die Villa wurde zerstört und dem Erdboden gleich gemacht.

Danach gibt es aber weitere Siedlungsspuren an diesem Ort. In der Nähe der früheren Villa wurde ein späteres fast zwei Meter langes Tuffplattengrab entdeckt. Von dem damaligen wahrscheinlich dazugehörigen Hof gibt es keine Spuren mehr, erklärt Warg. Die Gebäude waren aus Holz und nicht wie bei den Römern aus Stein. „Aber die Bajuwaren nutzten den schönen Platz am Steinsee weiter.“

Es gibt noch viele Geheimnisse zu ergründen. Über die Villa Rustica am Steinsee und über die Straße, von der man sicher glaubt, dass es sie gab, aber von der man noch nichts gefunden hat.

Noch mehr Nachrichten aus der Region Ebersberg lesen Sie hier. Übrigens: Alle Entwicklungen und Ergebnisse zur anstehenden Bundestagswahl aus Ihrer Region sowie alle anderen wichtigen Geschichten aus der Region Ebersberg gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare