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Eugen Tremmel (65) war seit über 30 Jahren der Arzt des Vertrauens vieler Patienten, die wegen ihm nach Moosach fuhren. Jetzt wird er Mitte Dezember seine Praxis schließen. Einen Nachfolger gibt es bislang nicht. 

Junge Mediziner wollen nicht aufs Land

Moosach steht bald ohne Arzt da

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„Mitte Dezember ist Schluss“, sagt Eugen Tremmel (65). Dann wird der Allgemeinmediziner seine Praxis in Moosach in der Rathausstraße 4 schließen. Einen Nachfolger gibt es nicht – bis jetzt jedenfalls nicht.

Moosach – Ab Januar 2018 hat Moosach keinen Hausarzt mehr. Die Patienten sind entsetzt. Sie kommen zum Teil seit über 30 Jahren zu Tremmel. Er genießt ihr Vertrauen.

Die Praxis hat einen großen Einzugsbereich. „Ich bin aus München“, berichtet ein Mann im vollen Wartezimmer. Er hat Probleme mit dem Kreuz. „Ich schätze seine Erfahrung und Routine, er ist ein guter Diagnostiker“ erklärt der Patient, warum er gerne weite Anfahrtswege in Kauf nimmt. „Er schaut über den Tellerrand hinaus.“ Bürger aus Aßling, Grafing, Glonn und auch Schönau sehen das offenbar genauso. „Jetzt muss ich wohl künftig zu mehreren verschiedenen Ärzten gehen“, fürchtet eine Patientin aus Oberpframmern.

Eugen Tremmel ist als Hausarzt und Allgemeinmediziner ein Allrounder. Von der Warze bis zur Lungenentzündung, über die chirurgische Wundversorgung bis hin zur Krebsvorsorge: „Das ganze Spektrum decke ich ab“, sagt der erfahrene Arzt. Zweieinhalb Jahre lang hat er sich bemüht, einen Nachfolger zu finden – vergeblich. Vier Ärzte haben sich bei ihm gemeldet, zwei Männer und zwei Frauen. Konkret wurde nichts. Tremmels Diagnose: Die Bewerber haben falsche Vorstellungen. „Die wollen mit wenig Arbeit Millionär werden.“ Auffällig: Keiner der Interessenten war unter 50 Jahre alt.

Als der Moosacher Arzt 1985 seine Praxis eröffnete, war er Anfang 30. „Die jungen Ärzte gehen nicht aufs Land und außerdem kein Risiko mehr ein. Die wollen eine geregelte Arbeitszeit und ein geregeltes Einkommen.“ Deshalb gingen sie in die Krankenhäuser, in den öffentlichen Dienst, ins Ausland oder in die Forschung. Der Hausärzteverband habe einen Aufruf gestartet, aber das konnte die Entwicklung nicht stoppen, in der auch Zufälle eine Rolle spielen. Tremmel hat einen Sohn, der sich für den Beruf des Mediziners interessierte. Dann kam der Doppelabiturjahrgang und schließlich wurde ein Jurastudium daraus. Die Familiennachfolge war geplatzt.

„Landärzte sind Stiefkinder“, kritisiert Tremmel die mangelnde Unterstützung seitens der Politik. „Dazu kommt die Gesundheitsreform. Die hat die Praxen ein Drittel ihrer Einnahmen gekostet.“ Zu verantworten habe das Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der damals Gesundheitsminister gewesen sei.

Jetzt wird die vakante Moosacher Praxis ein letztes mal im Staatsanzeiger ausgeschrieben. An den Erfolg glaubt der 65-Jährige inzwischen fast nicht mehr. Wer auf dem Land praktiziert, hat einen langen Arbeitstag. Dazu kommen noch die Hausbesuche. „Ich betreue zum Beispiel auch zwei Querschnittsgelähmte“, berichtet der Arzt aus seiner täglichen Routine. Warum er Mediziner geworden sei? „Ich mag den Umgang mit den Menschen“, sagt Tremmel, der aus der Gegend von Schönau stammt. Deshalb habe er aus diesem Bereich auch viele treue Patienten, deren Krankheitsgeschichte er genau kenne. Das ist ein Vorteil.

Vor eineinhalb Jahren hatte sich die jetzige Entwicklung bereits abgezeichnet. Das Personal wurde vorsorglich und frühzeitig gekündigt, damit es sich neu orientieren kann. „Ich habe gute Mitarbeiter, die haben alle eine neue Stelle gefunden“, ist Tremmel froh.

Früher war die Gemeinde Moosach ein Arztsitz. Dann war der Ort 30 Jahre lang ohne eigenen Mediziner, bis eben Tremmel kam. Die Kommune war froh und half mit, dass sich der junge Arzt hier niederlassen konnte. Die Gemeinde übernahm den Umbau von Räumen im Rathaus zu einer Praxis. An kommunaler Unterstützung sollte es auch einem potentiellen Nachfolger nicht mangeln, habe Bürgermeister Eugen Gillhuber ihm signalisiert, berichtet Tremmel. Geplant sei unter anderem die energetische Sanierung der Räume und der Einbau neuer Fenster.

„Wir sehen uns schon noch einmal?“, sagt eine Patientin unsicher beim Hinausgehen. Sie hat ihre Kartei bereits erhalten. Damit der neue Arzt, zu dem sie künftig gehen wird, nicht bei „Null“ anfangen muss.

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