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„Bis jetzt sieht es wirklich gut aus“: Lucas ist zuversichtlich. An Weihnachten plant er ein Treffen mit Freunden.

Moosacher überwindet Leukämie

Lucas (19) hat sich ins Leben zurückgekämpft

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Lucas (19) aus Moosach hat sich ins Leben zurückgekämpft und die Leukämie überwunden. Im Februar hatte eine große Typisierungsaktion für ihn stattgefunden. Wir haben ihn besucht.

Moosach – Das fröhliche Lächeln springt über. Lucas (19) strahlt Zuversicht und positive Energie aus, sitzt am Familientisch und erzählt einfach drauf los, wie es ihm geht, was er macht. Er wird kurz nachdenklich. „Ich habe mich schon tot gesehen.“ Dann aber grinst er wieder, redet weiter. „Bis jetzt sieht es wirklich gut aus“, sagt er. „Im Mai darf ich wahrscheinlich wieder arbeiten.“ Er war an Leukämie (Blutkrebs) erkrankt, eine Stammzellenspende rettete ihm das Leben. Das war im Mai.

„Alle zwei Wochen muss ich zur Kontrolle“, berichtet Lucas heute. Beim Essen müsse er aufpassen. Nüsse sind für ihn verboten, wegen der anhaftenden Schimmelbakterien. Um gegen die Krankheit vorzugehen, musste Lucas zunächst eine Chemotherapie über sich ergehen lassen. Dann kam die Stammzellentransplantation. Doch die Gefahr, dass Lucas durch eine Infektion krank wird, ist weiterhin hoch. Er hat immer noch zu wenig Abwehrkräfte, der Impfschutz ist nicht mehr vorhanden. Größere Veranstaltungen wie Christkindlmärkte muss er meiden. Bus fahren darf er auch nicht. „Das ist tabu.“ Besucher im Haus der Familie müssen sich zunächst in der Toilette am Eingang die Hände mit Seife waschen und dann ein Desinfektionsspray benutzen. Ein frisches Handtuch liegt bereit. „Küchenhygiene ist auch wichtig“, sagt Lucas Mutter. „Brotzeitbretter aus Holz sollten wir nicht benutzen.“ Vom Krankenhaus haben sie eine Liste mit Informationen bekommen. „Doch von unterschiedlichen Kliniken gibt es auch unterschiedliche Aussagen“, stellt Lucas fest. „Man merkt am eigenen Körper, was einem guttut und was nicht. Lebkuchen darf ich übrigens essen. Da sind zwar Nüsse drin, aber es ist alles durchgebacken und damit sauber.“

Total antiseptisch ist das Haus nicht. Die drei Geschwister von Lucas haben auch mal eine Erkältung, wie die Mutter einräumt. Und Lucas meint. „Mein Körper muss sich wieder daran gewöhnen.“ Er geht raus zum Spazierengehen. Anfangs nur rund ums Haus, inzwischen schon mehr. „Sport war eigentlich nie seine Sache“, meint die Mutter mit einem leicht tadelnden Grinsen. Fit war Lucas vor seiner Erkrankung dennoch, war bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Das geht derzeit nicht, vielleicht später wieder.“

Die Diagnose stand Ende vergangenen Jahres fest. Damals hatte Lucas seine Ausbildung als Raumausstatter abgeschlossen und sich gerade an der Berufsoberschule in Rosenheim eingeschrieben. Nur ein paar Mal besuchte er den Unterricht. „Doch dann hat mich plötzlich die Luft verlassen“, erzählt er. Er war ständig müde, ging zum Arzt. Nach der Untersuchung in der Onkologie in Ebersberg kam am 6. Dezember das Ergebnis. Schon am 16. Dezember begann seine Chemotherapie in München. Die habe er gut vertragen, berichtet Lucas. Nach Weihnachten habe er sich jedoch einen Krankenhauskeim eingefangen. „Danach war ich eigentlich abwesend.“ Die Ärzte versetzten ihn in ein künstliches Koma, „weil meine Atmung nicht mehr mitgemacht hat“.

Für Lucas war es dramatisch: „Ich habe drei mal geträumt, dass ich klinisch tot bin.“ Er habe gesehen, „wie sie so ein Verabschiedungsdings für mich aufgebaut haben“. Oma und Opa seien da gewesen. „Doch dann habe ich gespürt, dass mein Herz wieder geschlagen hat.“

Lucas hatte eine Lungenentzündung, hohes Fieber und einen feuerroten Kopf, erinnert sich seine Mutter. Doch dann ging es ihm besser. Ende Januar folgte die zweite Chemotherapie. „Die hat sich sieben Wochen hingezogen.“

Der Arzt hatte der Familie schon frühzeitig gesagt, dass die Chemotherapie allein nicht reichen würde. Weltweit wurde nach einem passenden Stammzellenspender gesucht. Die Übereinstimmung muss sehr hoch sein, um Abstoßreaktionen zu vermeiden. Dann hieß es warten. Eine Stütze war für Lucas seine Oma, die selbst an Krebs erkrankt war. „Die hatte auch Chemotherapie, Bestrahlung, das ganze Programm. Sie hat sich nie hängen lassen.“ Die Oma habe ihn verstanden. Sie starb im Sommer mit 68 Jahren. „Wir waren auf der gleichen Wellenlänge, auf einer anderen Ebene.“

Die Feuerwehr in Moosach organisierte gemeinsam mit der DKMS im Februar für Lucas eine Typisierungsaktion. Über 2000 Menschen ließen sich testen, ob sie als Spender in Frage kommen. Vor der Rudolf-Obermayr-Halle bildeten sich lange Warteschlangen. „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut“, sagt die Mutter. „Jeder im Dorf wollte sich damals engagieren, wollte mithelfen. Ich habe echte Anteilnahme gespürt.“ Die Familie ging offen mit der Erkrankung um. „Wenn ich gefragt wurde, wie es Lucas geht, dann habe ich geantwortet, soweit ich es wusste. Manche haben sich nicht getraut zu fragen.“ Lucas ergänzt: „Ich habe auch darüber gesprochen. Man verarbeitet das so leichter.“ Wie die Typisierungsaktion lief, hat Lucas durch viele Bilder und Videos erfahren, die auf sein Handy gesendet wurden. „Jeder hat Fotos gemacht und mir geschickt.“

Die Aktion brachte keinen Spender. Aber wenig später kam die frohe Botschaft, dass jemand gefunden worden war. „Ich weiß nur, dass es eine Frau aus England ist“, sagt Lukas. Die weiteren Informationen seien noch unter Verschluss. Nach zwei Jahren könnten jeweils beide entscheiden, ob sie Kontakt haben wollen. „Ich möchte eigentlich schon, aber nicht jetzt. Ich könnte es noch nicht.“

Dann der Termin am 1. Mai. Zuvor war Lucas noch mit seinem Freund ein paar Tage in Wien. Dann fuhr er selbst mit dem Auto in die Klinik, sein Vater auf dem Beifahrersitz, sein Bruder auf der Rücksitzbank. Am 9. Mai bekam er die Transfusion. „Die meisten bekommen sofort Fieber, bei mir war es erst am nächsten Tag. Ich hatte nicht so viele Nebenwirkungen wie befürchtet.“ Es folgte ein längerer Klinikaufenthalt. Im Juni durfte Lukas sein Isolationszimmer verlassen, auf den Gang gehen. Danach kam die Reha. Im Juli war er wieder zuhause, zur Beerdigung seiner Oma.

Inzwischen macht seine Genesung Fortschritte. Er liest, schaut sich Serien im Fernsehen an. „Ich habe für den Christkindlmarkt Federmäppchen genäht. Aber es gibt auch Tage, da sitze ich einfach nur da.“ „Oder er kocht für alle Mittagessen. Das ist praktisch“, freut sich seine Mutter. „Ein Teil der Erinnerungen ist weg. Das Gedächtnis funktioniert noch nicht so richtig“, sagt Lucas. Durch die Medikamente hat er zugenommen. Vor der Spender-Transfusion war er auf 68 Kilogramm abgemagert, jetzt sind es 91 Kilogramm, bei einer Größe von 1,94 Metern. „Ab 100 muss ich mir Gedanken machen, hat der Arzt gesagt.“ Lucas lächelt. Er hat Wassereinlagerungen im Körper, in den Beinen, am Bauch. „Auch im Gesicht sieht man es.“

,„Zwei Jahre dauert es mindestens, bis man sicher sein kann. Es kann jederzeit einen Rückfall geben.“ Aber Lucas denkt über seine Zukunft nach. In seinem erlernten Beruf wird er nicht mehr arbeiten können, wegen der Farben und wegen des Staubs. „Ich mache vielleicht eine Umschulung. Oder eine neue Ausbildung.“

„Wir können uns noch nicht entspannen, wir sind noch in der Abwicklungsphase“, sagt seine Mutter. „Wo ist dieses Jahr hin. Wir waren ständig beschäftigt. Da wurschtelst du dich irgendwie durch, alles rollt ab wie bei einem Hamster im Rad.“ Man versuche irgendwie, die Familie zusammen zu halten. „Was es uns leichter macht, ist, dass Lucas eine positive Einstellung hat. Er ist vielleicht mal übel gelaunt, aber auf keinen Fall depressiv.“

Vor einem Jahr kam Lucas in die Klinik. Zu Weihnachten, nach der ersten Chemo und vor der Infektion mit dem Keim, hat die Familie Fotos von Geschenken gemacht und sie Lucas geschickt. „Wir durften ja nicht alles in sein Zimmer reinschleppen“, erinnert sich seine Mutter. Fotos gab es auch von den Karten, die in Moosach im Gottesdienst für Lucas gesammelt worden waren. „Wir saßen in der Eingangshalle der Klinik. Der Aufenthaltsraum war geschlossen. Die Station war verwaist.“ Viele, bei denen es möglich war, hatten ihre Angehörigen mit nach Hause genommen, beispielsweise für einen Besuch in der Kirche. Manche seien aber in der Klinik geblieben, weil sie nicht raus durften oder weil sie niemanden hatten, der sie holte. „Das war damals schon deprimierend. In den großen Krankenhäusern ist es noch viel anonymer als beispielsweise in der Kreisklinik Ebersberg.“

Und wie wird Weihnachten heuer in der Familie? „Ich werde mich mit Freunden auf einen Punsch treffen“, sagt Lucas. Manche seiner früheren Freunde habe er verloren. „Die sind nicht mit meiner Krankheit zurechtgekommen. Das ist verständlich.“ Manche seien auch wieder zurückgekommen. „Einige sind geblieben, Gott sei Dank, der harte Kern.“ Ansonsten will er mit Verwandten essen. Seine Mutter sagt: „Wir haben gedacht, es muss eigentlich nichts Besonderes sein. Ich bin einfach froh, dass Lucas wieder da ist.“

Ein Weihnachtsgeschenk hat Lucas schon bekommen. Seit der Untersuchung in dieser Woche darf er wieder Auto fahren. „Ein großes Stück Freiheit“, sagt er und lacht.

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