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Patienten gehen die Hausärzte aus

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Besorgt: Allgemeinarzt Bernhard Lutz.  foto: dz
Besorgt: Allgemeinarzt Bernhard Lutz. foto: dz

Landkreis Ebersberg - Auf kranke Menschen im Landkreis kommen schwere Zeiten zu. Viele Hausärzte stehen kurz vor dem Ruhestand und finden keinen Nachfolger - selbst im strukturstarken Münchner Osten. Mancher Praxis droht das Aus.

„Der Nachwuchsmangel im hausärztlichen Bereich wird nicht spurlos an uns vorbeigehen“, sagt Werner Klein, Chef des Ärztlichen Kreisverbands Ebersberg. Bereits in fünf Jahren rechnet er mit einer deutlich spürbaren Zahl von Praxen, die ohne Nachfolge geschlossen werden. „40 Prozent der Ärzte im Landkreis sind über 60. Was in sechs Jahren passiert, wenn nicht im gleichen Rahmen Nachwuchs ausgebildet wird, kann sich jeder ausrechnen“, erklärt der Poinger Facharzt für Allgemeinmedizin, Bernhard Lutz (59). Er bildet seit 17 Jahren Nachwuchsärzte aus und beobachtet, dass Mediziner oft ins Ausland gehen, statt hier in Praxen zu arbeiten.

Allgemeinarzt Eugen Balthasar Tremmel, seit 26 Jahren in Moosach ansässig, wird bald 60. Frühestens in fünf Jahren will er in den Ruhestand gehen. Nächstes Jahr wird die Nachfolger-Suche beginnen. Seine Fühler hat er bereits ausgestreckt. „Der Ärzte-Nachwuchs ist vor allem weiblich. Viele wollen auf Teilzeit gehen, was hier draußen meist nicht möglich ist“, sagt Tremmel. In Gemeinden wie Glonn, Aßling, Grafing oder Moosach sieht er für die Zukunft Probleme, den Ärztemangel aufzufangen. Woran das Ärzte-Defizit liegt? „Die Honorierung ist seit Jahren gleich. Das Eröffnen oder die Übernahme einer Praxis ist teurer geworden und bedeutet einen gewaltigen Gang in die Schulden.“

Dass vor allem ältere Menschen unter dem Mangel an Hausärzten leiden werden, erklärt Neurologe Klein: „Die Infrastruktur im Landkreis ist suboptimal. Wer nicht selbst fahren kann und auf Hilfe angewiesen ist, dessen Versorgung wird leiden.“ Durch den ländlichen Charakter werde das im südöstlichen Landkreis besonders spürbar werden. Zusätzlich verschärfen könnte sich die rückschreitende Ärztezahl durch den frühzeitigen Renteneintritt einiger Kollegen. „Ein Trend geht dahin, die Praxis früher abzugeben, wenn man es sich leisten kann. Das geschieht auch aus Frustration, weil einige niedergelassene Ärzte zunehmend von ihrer Tätigkeit zermürbt werden“, sagt Klein. Der Mehraufwand durch Behandlungsdokumentation und Bürokratie führe zu verlängerten Wartezeiten für Patienten und weniger Behandlungszeit der Ärzte.

„Die Bedingungen werden immer schlechter. Wir sind die Verwaltungsdeppen der Kassen, es findet eine regelrechte Versklavung statt“, schimpft Lutz. Wie seine Kollegen sieht auch er den Trend zu größeren Ärzteverbünden und medizinischen Versorgungszentren. „Ich habe den Eindruck, junge Ärzte wollen eher angestellt sein, als eine Praxis eigenverantwortlich zu führen. Durch die Vergütung kann nicht immer abgesichert werden, dass man eine eigene Praxis auch über Wasser halten kann.“

In seiner Hausärztlichen Praxisgemeinschaft arbeiten derzeit vier Vollzeitkräfte und eine Teilzeitärztin. Seit April ist mit Nicole Fornoff eine gleichberechtigte und vor allem junge Partnerin in die Gemeinschaftspraxis eingestiegen. „Wir hatten Glück“, sagt Lutz. Für einige Kollegen wird dieses ausbleiben. „Und die Menschen, die weit draußen am Land leben, werden von der medizinischen Versorgung abgeschnitten.“

Von Johannes Markmann

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