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Seit Polizei-Besuch herrscht Angst: Asylbewerber-Familie droht Abschiebung - Bürgermeister schaltet sich ein

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Von: Armin Rösl

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Die Familie Halim auf Afghanistan mit dem ehrenamtlichen Helfer Konrad Weinstock.
Die Familie Halim auf Afghanistan mit dem ehrenamtlichen Helfer Konrad Weinstock (3.v.re.). © Privat

Familie Halim aus Afghanistan, die derzeit in Landsham (Gemeinde Pliening) wohnt, droht die Abschiebung. Sie war über Polen nach Deutschland geflüchtet - und soll nach Polen zurück.

Landsham – Fünf Uhr morgens an einem Tag im September: Vier Polizeibeamte in Zivil und einer in Uniform stehen vor der Wohnung in Landsham, in der die Familie Halim aus Afghanistan untergebracht ist, um sie abzuholen und nach Polen abzuschieben. „Nur aufgrund der Tatsache, dass der Vater in dieser Nacht bei einem Freund übernachtet hatte, ist es zu verdanken, dass die Familie jetzt nicht in Polen in einem dortigen Auffanglager befindet“, sagt Konrad Weinstock. Jetzt herrsche Angst bei der Familie, die sich laut Weinstock seit 23. Februar in Landsham befindet und sich gut integriert habe. Der Plieninger hat den Fall jetzt der Härtefallkommission weitergeleitet.

Asylbewerber-Familie aus Landsham droht Abschiebung: Ehrenamtlicher Helfer betreut Familie

Als 2016 im Zuge der Flüchtlingswelle in Pliening eine Traglufthalle als Massenunterkunft aufgebaut und mit rund 110 Asylbewerbern gefüllt wurde, war Konrad Weinstock schon als Sprecher des Helferkreises Pliening aktiv. Seitdem kümmert er sich um Flüchtlinge, die in der Gemeinde untergekommen sind. Seit Mitte März betreut er als ehrenamtlicher Helfer unter anderem die sechsköpfige Familie Halim (Vater und Mutter, zwei Mädchen und zwei Buben – zwischen sechs und elf Jahre alt, die Frau ist laut Weinstock mit einem weiteren Kind schwanger) aus Afghanistan. Die Familie ist in Landsham in einer Wohnung untergebracht, die vom Landratsamt Ebersberg angemietet ist.

Bruder des Familienvaters von Taliban getötet

Der Ehemann, Abdul Alim Halim, studierter Mathematiker, sei Angestellter des Innenministeriums von Afghanistan gewesen. Wegen dieser Tätigkeit habe für ihn akute Gefahr bestanden, als die Taliban im August 2021 die Macht übernahmen. „Die Angst war nicht unbegründet“, berichtet Konrad Weinstock: „Sein Bruder, der für das Landwirtschaftsministerium gearbeitet hatte, war ein Jahr zuvor von den Taliban mittels einer Autobombe getötet worden. Auch der Ehemann hatte von den Taliban bereits mehrere Warnungen erhalten.“

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In den entscheidenden Tagen vor der Machtübernahme der Taliban versuchte die Familie zu fliehen. Im August 2021 gelang dies, letztendlich landete die Familie Halim in Warschau. Was dort geschah, berichtet Weinstock, habe der Mann aus Afghanistan ihm so geschildert: In Polen angekommen, seien die insgesamt circa 100 Ankömmlinge in einen abgeschlossenen Raum gebracht und von Soldaten bewacht worden. In dieser klaustrophobischen Situation und inmitten all der weinenden Kinder hätten alle Flüchtlinge Formulare in polnischer Sprache unterzeichnen und ihre Fingerabdrücke abgeben müssen. Es habe weder eine Übersetzung der Formulare in Englisch noch in ihrer Landessprache gegeben, noch seien die Flüchtenden auf die Konsequenzen ihrer Unterschrift hingewiesen worden. Klar sei nur gewesen: Wer nicht unterschreibt, darf den Raum nicht verlassen und wird womöglich zurückgeschickt. Die Prozedur habe etwa neun Stunden gedauert.

Asylantrag in Polen gestellt - ohne es zu wissen

Keinem der Geflüchteten sei bewusst gewesen, dass sie mit ihrer Unterschrift einen Asylantrag in Polen gestellt hatten. Ende September 2021 reiste die Familie Halim per Bus nach Frankfurt am Main zu den Eltern der Frau. Dort stellten sie am 6. Oktober einen Asylantrag, berichtet Konrad Weinstock. Beim späteren routinemäßigen Datenabgleich aber stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) fest, dass die Familie bereits in Polen Antrag auf Asyl gestellt hatte und ihr der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde.

Asylbewerber-Familie gut integriert: Kinder in Pliening in Kita und Schule

Aufgrund des Königssteiner Schlüssels kam die Familie Halim zunächst nach Fürstenfeldbruck, dann nach Landsham. Wo sich die Familie schnell integriert habe, berichtet Konrad Weinstock. Die älteren drei Kinder wurden eingeschult und kamen in die Mittagsbetreuung. Das jüngste Kind in eine Kindertagesstätte.

Bereits eine knappe Woche nach der Ankunft in Landsham im Februar habe das BAMF die Familie aufgrund der Dublin-Bestimmungen (völkerrechtlicher Vertrag, der regelt, welcher Staat für die Prüfung eines in der EU gestellten Asylantrags zuständig ist) aufgefordert, nach Polen auszureisen. Gegen diesen Bescheid klagte die Familie vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht, „die Klage wurde ohne mündliche Verhandlung verhandelt und abgewiesen“, berichtet Konrad Weinstock. Auch die Berufung sei gescheitert. Nun hoffen der Plieninger sowie die Familie Halim auf die Härtefallkommission.

Pliening: Bürgermeister schaltet sich ein

Mit eingeschaltet haben sich auch Tobias Vorburg, Vorsitzender des Vereins Seite an Seite (Wegbegleitung für Flüchtlinge) in Markt Schwaben, und Plienings Bürgermeister Roland Frick (CSU). Er sagt: „Rechtlich wird man wohl nichts machen können. Aber es gibt immer mal wieder Ausnahmefälle.“ Darauf hoffe er. Frick berichtet, er habe auch den Landtagsabgeordneten Thomas Huber (ebenfalls CSU) informiert mit der Bitte, sich um den Fall zu kümmern. Die Familie Halim kenne er zwar nicht persönlich, sagt Frick, „aber was ich bislang geschildert bekommen habe, ist die Familie gut integriert und fühlt sich hier wohl“.

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