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Schnee und Eis bis in den Mai. Tobias Bauer (36) und seine Tochter Ida (9) fühlen sich in ihrem Häuschen am Stadtrand von Luleå pudelwohl – auch wenn sie mehr Winterjacken als T-Shirts im Schrank haben dürften. 

Ausgewandert! Servus Bayern

Tobias Bauer fährt 2008 nach Nordschweden und kommt nicht wieder zurück

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Einmal um die ganze Welt. In unserer neuen Serie erzählen wir die Geschichten von Auswanderern der Region. Tobias Bauer (36) aus Pliening ist einer. Er forscht und lebt im Eis in Nordschweden. 

Luleå/Pliening – Es geht schnell. Sehr schnell! Ostern 2008: Tobias Bauer stopft sein Leben in einen VW-Bus mit Alpenaufklebern an der Seite: Kleidung, viel warme Kleidung, Unterlagen der Universität, zwei Klappstühle und Campinggeschirr. Er fährt mit seinem weißen T4 VW-Bus und seiner schwangeren Freundin 2700 Kilometer von Pliening 72 Stunden nach Nordschweden.

Der 26-jährige Plieninger mit den dunkelblonden, langen Haaren und dem fülligen Bart hat sich für eine Doktorandenstelle an der Technischen Universität in Luleå beworben, weil in München, wo er Geologie studierte, die Berufsaussichten schlecht sind.

Minus 40 Grad! Tobias Bauer ist glücklich

Zwei Wochen nach der Bewerbung bekommt Tobias Bauer Post. Die schwedische Universität nimmt ihn. Sie bietet ihm eine gut bezahlte Stelle. Mehr oder weniger ab sofort. Er muss entscheiden: Sein Leben in Deutschland, in München, in Pliening aufgeben? Seine Freundin, 29, Schleswig-Holsteinerin, auch Geologin ist „Feuer und Flamme“. Entscheidung gefallen. Beide gehen. Bald werden sie zu dritt sein.

Schweden soll für das junge Paar nur ein Zwischenstopp werden. Solange die Promotion eben dauert. Ein paar Jahre. Danach wollen beide wieder nach Deutschland. Doch daraus wird nichts.

Seit zehn Jahren leben sie seither in Luleå. Eine Stadt mit 76 000 Einwohnern an der Ostsee. Von Oktober bis Mai hat es Schnee. Es gibt Monate, da schafft es die Sonne keine zwei Stunden über den Horizont. Manchmal auch gar nicht. Bis zu minus 40 Grad sind möglich, im Landesinneren sogar bis zu minus 50 Grad. Tobias Bauer ist glücklich. Er sagt: „Wenn ich aus meinem Leben erzähle, sagen andere, dafür müssten wir einen Urlaub buchen und Geld bezahlen, um das zu erleben.“ Promoviert hat er längst. Er ist Wissenschaftler an der Universität. Er will Juniorprofessor werden.

Mit dem Auto auf eine Insel in der Ostsee und in die Sauna

Der heute 36-Jährige erzählt uns seine Geschichte am Telefon – während in seinem Vorgarten am Rande der Stadt Luleå ein halber Meter Schnee liegt und im Landkreis Ebersberg es die Menschen bei 25 Grad in die Biergärten treibt. „Es ist eine andere Welt in Schweden“, sagt er. Kulturell gar nicht so unterschiedlich – aber die Winter seien sehr, sehr lang. An das müsse man sich gewöhnen. Monatelang seien Straßen vereist. Man fährt viel mit dem Schneemobil durch die Gegend, zum Einkaufen oder, um Freunde zu treffen. „Im Winter ist das Meer gefroren, dann fahren wir auf Inseln und gehen dort in die Sauna“, erzählt er und lacht. Vielleicht nickt er, weil er weiß, dass er alles richtig gemacht hat, vor zehn Jahren.

Zwei Kinder haben Tobias und Susanne Bauer, Ida (9) und Erik (5). Beide sind in Schweden geboren und kennen nur diese Welt – abgesehen von den zwei vielleicht drei Besuchen im Jahr in Deutschland bei Oma und Opa in Pliening.

Die Sache mit dem Eisen...

Familie Bauer ist glücklich, trotz der Kälte und dem Schnee. Und der Abgeschiedenheit. Zwar leben in Luleå viele Menschen, dennoch sei es ein riesiger Unterschied zur Metropolregion München. Weniger Stress und Verkehr. Bauer ist viel unterwegs, in Schweden und auf der ganzen Welt. Als promovierter Geologe reist er oft tagelang mit einem Zelt durch Wald- und Gebirgszüge in Nordschweden, wo es mehr Rentiere als Menschen gibt. „Um zu erforschen, wie sich Rohstoffe wie Eisen bilden“, erklärt er.

Bauer ist Weltenbummler. Mit seinem weißen VW-Bus, der ihn und seine schwangere Freundin nach Schweden brachte, fuhr er zehntausende Kilometer quer durch Europa, zum Bergsteigen in die Alpen, zum Campen nach Schottland und Richtung Nordkap am nördlichen Zipfel von Norwegen an der Barentssee am Polarkreis, um eine Gesteinsprobe abzuholen.

Brezn gegen das Heimweh

Vor sieben Jahren wurde das Alpenaufklebermobil geklaut. „Ja, es gibt auch solche Ecken in Schweden“, sagt Bauer. Jugendliche knackten den VW-Bus in Luleå. Nach ein paar Tagen fand Bauer den T4 als Stück Schrott in einem Waldstück.

In solchen Momenten wird die Sehnsucht nach Bayern nicht aufdringlich. „Ich vermisse Bayern immer dann, wenn ich dort war“, erzählt der 36-Jährige. Um sich ein Stück Heimat nach Nordschweden zu holen, bäckt er gemeinsam mit seinen Kindern Brezn. „Die gibt es hier nirgends zu kaufen.“ Bier dagegen schon. Spaten. „Augustiner leider nicht“, sagt Bauer und lacht so, dass es durchs Telefon rauscht.

Inzwischen hat er einen neuen VW-Bus. Im Juli wird er gemeinsam mit seiner Familie nach Österreich fahren. 3000 Kilometer. Noch weiter, als vor zehn Jahren, als er Servus zu Pliening sagte und Hey zu Luleå.

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