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Dank Homeoffice: Immer mehr haben Rücken

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Von: Raffael Scherer

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Leitender Physiotherapeut Daniel Sturm zeigt eine Trainingsmethode für die Hüfte.
Training für daheim: Daniel Sturm zeigt eine Übung für bessere Hüft-Beweglichkeit. © Johannes Dziemballa

Den ganzen Tag am Tisch, auf der Couch oder im Bett: Immer mehr arbeiten im Homeoffice. Das verursacht oftmals Rückenschmerzen. Wirbelsäulenexperten klären auf.

Landkreis - Seit Beginn der Homeoffice-Ära häufen sich die Beschwerden über Rückenschmerzen, das beobachten die Spezialisten. Ralf Baumann (48), Geschäftsführer und Wirbelsäulenspezialist der gleichnamigen Physiotherapie in Poing und Forstinning, sagt am Telefon: „Ich sehe ganz klar, dass die Patienten mit Rückenbeschwerden mehr geworden sind.“ Allein die Anmeldungen für das therapeutische Gerätetraining auf Rezept hätten sich seit dem ersten Lockdown verdoppelt. Den Grund dafür sieht der Physiotherapeut darin, dass die Menschen zu Hause keine geeigneten Büromöbel nutzen. Auf harten Küchenmöbeln, unbeweglichen Wohnzimmerstühlen oder der Couch sei kein wirbelsäulengerechtes, ergonomisches Arbeiten möglich.

Petra Schüller, Vize-Geschäftsleiterin der Physiotherapie Baumann
Petra Schüller, Vize-Geschäftsleiterin der Physiotherapie Baumann © Johannes Dziemballa

Das geht laut seiner Kollegin und Vize-Geschäftsleiterin Petra Schüller (46) schon beim fehlenden Arbeitsweg los: „Die Leute gehen nicht mehr zu Fuß zum Bahnhof oder fahren mit dem Rad in die Arbeit.“ Im Homeoffice falle das alles weg – keinerlei Bewegung. Ralf Baumann behandelt die Rückenschmerz-Patienten mit einem Drei-Schritte-Programm: Dehneinheiten, Kräftigen des „Muskel-Gegenspielers“ und schließlich Ausdauertraining. Je nach Fall dauere die Behandlung wenige Tage bis hin zu mehreren Wochen.

Schulter- Nacken- und Kopfschmerzen

Ähnlich verhält es sich bei dem Physiotherapeuten Silvester Senger (28) von Sengers Physiotherapie in Grafing. Zu ihm kämen ebenfalls rund zehn bis 15 Prozent mehr Patienten mit Rückenbeschwerden seit dem ersten Lockdown. Die falsche Arbeitsplatzgestaltung – meistens in Form eines zu niedrig aufgestellten Laptops – führt laut ihm wegen des ständigen Blickes nach unten vermehrt zu Schmerzen in Schulter und Nacken. Die Folge seien häufig Kopfschmerzen.

„Oft kommen die Patienten mit einem Rezept vom Arzt für sechs Stunden Krankengymnastik“, sagt Senger. „Damit allein erreicht man zu wenig.“ Deshalb leite er vermehrt seine Kunden mit täglichen Übungen für das Homeoffice an. „Wir versuchen, die Patienten so zu unterstützen, dass sie die Eigeninitiative ergreifen können“, sagt der 28-Jährige. Gern empfiehlt er dafür eine „Black Roll“, eine kleine Schaumstoffrolle, mit der sich viele verschiedene Dehnübungen durchführen lassen.

Krankenkassenangebot: Cyberfitness

Bernhard Niggl, Geschäftsführer der Barmer Krankenkasse in Ebersberg, hofft genauso, dass sich die Leute daheim bewegen. Die Krankenkasse bietet ihren Mitgliedern kostenlose „Cyberfitness“, also Videos im Internet zum Nachmachen sowie Trainingsapps an.

Dass die Zipperlein mehr werden, habe er im Datenbestand der Krankenkasse noch nicht feststellen können. „Aber wir kennen die Dunkelziffer noch nicht, wie viele Menschen zwar Rückenprobleme haben, sich aber noch nicht geoutet haben“, so Niggl. Er wirbt für die für viele Versicherte kostenlose Rücken-App „Kaia“, die das Trainieren unter Anleitung vom Smartphone ermöglicht. Mit ihr habe der Krankenkassen-Mann selbst gute Erfahrungen gemacht, als er sich beim Schneeschaufeln den Rücken verrissen hatte.

Übungen zum Nachmachen für daheim

Daniel Sturm, leitender Physiotherapeut von der Physiotherapie Baumann verrät eine Übung für die Erweiterung des Funktionsbereiches der Wirbelsäule zum Nachmachen daheim: „Die Hände auf die jeweils gleiche Seite in den Nacken legen, die Ellenbogen zeigen nach vorne. Nun zeichnen die Ellenbogen einen gedachten Kreis in die Luft. Die Bewegung erfolgt dabei möglichst aus der Wirbelsäule. Bei den zehn bis 20 Kreisen darf der Radius mit der Zeit größer und die Richtung gewechselt werden. Die Rückenmuskulatur lernt, den Oberkörper im neuen Funktionsbereich gegen die Schwerkraft zu stabilisieren.“

Daniel Sturm bei der Übung zur Erweiterung des Funktionsbereiches der Wirbelsäule
Daniel Sturm bei der Übung zur Erweiterung des Funktionsbereiches der Wirbelsäule © Johannes Dziemballa

Und eine Übung für bessere Hüft-Beweglichkeit: „Den Vorfuß hinter dem Körper auf einer Sitzfläche ablegen. Das Becken nach vorne schieben, bis eine Dehnung an der Oberschenkelvorderseite oder in der Leiste zu spüren ist. Dann mit dem vorderen Standbein zehn bis 20 Kniebeugen ausführen. Die Muskulatur des hinteren Beines lernt dabei, die Hüfte auch in dieser neuen Position zu stabilisieren. Bevor die zweite Seite drankommt, ein paar Schritte gehen um den Unterschied zwischen den Beinen zu bemerken.“

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