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„Bin kein Stubenhocker“: Otto Sanktjohanser (100). 

In dieser Poinger Modenschau gehen Senioren auf dem Laufsteg

Er ist 100 und ein gefragtes Model

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Zweimal im Jahr gibt’s im Seniorenzentrum Poing eine Modenschau. Die Models sind zwischen 76 und 100 Jahre alt, die Stimmung ist prächtig. Ein Besuch.

Poing – Ob sie früher auch schon gemodelt habe? Ilse Gürtler antwortet: „Nur im Schlafzimmer.“ Pause. „Im Negligee!“ Die 83-Jährige prustet los vor Lachen. Es ist Modenschau im Seniorenzentrum Poing, wenige Minuten vor dem Start ist die Stimmung bei den Models bestens. Ilse Gürtler, Marianne Gerl (85) und Herbert Weiß (76) bewundern sich gegenseitig in der Kleidung, die ihnen kurz zuvor zum Anziehen gegeben worden ist. Das Hallo ist groß, als Otto Sanktjohanser dazu stößt. Der 100-Jährige ist jedes Mal als Model mit dabei, nur dieses Mal, das erste Mal in acht Jahren Modenschau im Poinger Seniorenzentrum, muss er kürzer treten. „Ich habe turbulente Tage hinter mir und die Knie tun mir weh“, sagt er. Anfang April hatte er seinen runden Geburtstag, es folgten mehrere Feierlichkeiten – und vor Kurzem hat er im Garten Blumen eingepflanzt. Deshalb die Kniebeschwerden.

Trotzdem lässt er sich den Auftritt nicht entgehen. „Weil’s damals keinen gehabt haben“, erzählt er, habe er als Model mitgemacht. Spaß daran hat er bis heute, wie an so vielen Dingen. Gemeinsames Singen mit anderen Senioren zum Beispiel, tanzen – „ich bin kein Stubenhocker“, sagt der 100-Jährige.

Modefirma bringt Kleidungsstücke mit

Zwei Mal im Jahr organisiert Monika Peter, die das Café im Seniorenzentrum ehrenamtlich leitet, eine Modenschau für die Bewohner und alle anderen älteren Menschen in Poing. Das Café ist bis auf den letzten Platz gefüllt, eine Modefirma hat viele Kleidungsstücke mitgebracht. „Die Leute kommen ja so gut wie in keine Geschäfte mehr“, sagt sie. Und übers Internet bestellen ist für viele Senioren nicht so einfach. Deshalb die gute alte Verkaufsveranstaltung im Haus, inklusive vier Models: Ilse Gürtler, Marianne Gerl und Otto Sanktjohanser aus Poing sowie Herbert Weiß aus Markt Schwaben.

Gummibund am Bauch

Hinter den Kulissen, vorm Auftritt, schwärmt Ilse Gürtler von der Stoffhose, die sie gerade trägt, insbesondere vom Gummibund am Bauch. Herbert Weiß feixt: „Da kannst essen, was du willst, die Hose dehnt sich immer mit!“ Wieder lachen alle laut los. Weiß selbst inspiziert sein bunt gestreiftes T-Shirt und kritisiert, freilich nicht ernst gemeint, den Rot-Ton: „Das ist kein FC-Bayern-Rot.“

„Es macht Spaß und ist eine schöne Abwechslung“, sagen alle vier unisono auf die Frage, warum sie freiwillig als Models durch die Reihen im vollbesetzen Café des Seniorenzentrums gehen – und sich sogar anfassen lassen. Schließlich wollen die Besucher, 95 Prozent Frauen, die Stoffe genau inspizieren, bevor sie Kleidungsstücke kaufen. Die Models absolvieren nacheinander jeweils zwei Runden, dazwischen eine Umziehpause. In der verrät die 85-jährige Marianne Gerl, dass sie zum ersten Mal als Model dabei ist. Nervös? Sie lacht: „Nein. Wir haben schon viel genug erlebt in unserem Leben.“

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