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Durchgestrichen: Diese Zeilen sollten nicht im Pfarrbrief erscheinen.

St. Michael Poing

Aufregung um Zensur im Pfarrbrief

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Poing - Nach der Abberufung von Poings Pfarrer Michael Holzner herrscht Aufregung um einen Beitrag, den Kirchenpfleger Rainer Lauterbach für den Pfarrbrief verfasst hat. Zwei Absätze wurden durchgestrichen. Warum? Schweigen. Wir veröffentlichen den Beitrag unzensiert.

Eigentlich wollte Rainer Lauterbach den Text, den er für die nächste Ausgabe des Pfarrbriefs verfasst hat, beim Abschied von Pfarrer Michael Holzner am Sonntag vortragen – mit Anmerkungen. Nachdem er aber zwei Tage zuvor den Artikel zurückbekommen hat, zwei Absätze durchgestrichen, hat er sich kurzfristig anders überlegt. „Das hätte nicht in diesen feierlichen Rahmen gepasst“, sagt der Kirchenpfleger und Altbürgermeister. In seiner ehrenamtlichen Tätigkeit ist er unter anderem mit zuständig für die Finanzen, die Verwaltung sowie das Personal in der Pfarrgemeinde.

Stellungnahme war den Machern des Pfarrbriefs zu heiß

Aufgrund der überraschenden und abrupten Versetzung von Pfarrer Holzner durch das Erzbischöfliche Ordinariat wollte Lauterbach im nächsten Pfarrbrief eine Stellungnahme platzieren. Nachdem er seinen Artikel mit dem Hinweis zurückbekommen habe, dass die durchgestrichenen Passagen nicht veröffentlicht werden könnten, nahm er davon Abstand. „Ich möchte Herrn Holzner als Verantwortlichen für den Pfarrbrief nicht schaden“, sagt er. Dennoch solle das Schreiben nicht in der Mülltonne verschwinden – dafür sei das Thema zu wichtig. Deshalb hat er unserer Zeitung die Erlaubnis gegeben, den Text unzensiert zu veröffentlichen.

Der Zensor ist unbekannt

Wer die Zensur vorgenommen und den Text an den Kirchenpfleger zurückgeschickt hat, darüber gibt es keinerlei Aussagen. Auf Nachfrage im Pfarrbüro am Montag hieß es lediglich, dass weder das Ordinariat, noch Pfarrer Holzner oder das Pfarramt irgendetwas damit zu tun hätten. Auch Lauterbach weiß eigener Aussage zufolge nicht, wer die Passagen durchgestrichen haben könnte.

Hier die ungekürzte Fassung des Schreibens:

„Mit großem Bedauern mussten wir Ende Januar davon Kenntnis nehmen, dass Herr Pfarrer Michael Holzner unsere Pfarrei St. Michael zum 1. März 2016 nach fast 19 Jahren verlassen wird. Überrascht und verletzt fühlen wir uns von der kurzfristigen Abberufung durch das Erzbischöfliche Ordinariat.

(Hinweis: Es folgen die beiden durchgestrichen Absätze, die Redaktion)

Die genannten Gründe für diese Maßnahme, nämlich ,weil er weit mehr als die vorgegebenen maximal 15 Jahre in unserer Pfarrei tätig ist und zum anderen, weil bei einer routinemäßigen Prüfung formale Unstimmigkeiten bezüglich der ausgereichten Darlehen an Bedürftige festgestellt wurden’, sind nicht nachvollziehbar. Herr Pfarrer Holzner hat in seiner veröffentlichten Stellungnahme ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Fehler ihm unterlaufen und nicht seinen Mitarbeiterinnen im Pfarrsekretariat anzulasten sei. Herr Pfarrer Holzner hat sich in keiner Weise bereichert, er hat vielmehr in Notlagen geholfen und in der Ausübung seines Amtes diskret gehandelt. 

Inwieweit vom Ordinariat ein Verfahren zur juristischen Klärung der in der Revision festgestellten Unstimmigkeiten eingeleitet wurde, ist nicht bekannt. Unabhängig davon würden an mich herangetragene Vorschläge zu Solidaritätsbekundungen (Unterschriftensammlung, Briefe oder ähnliches) für Pfarrer Holzner wegen seiner kurzfristigen Versetzung aufgrund der bereits mit ihm getroffenen einvernehmlichen Einigung keinerlei Änderungen bringen. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass ,die Abberufung’ von Anfang an feststand.

Michael Holzner, seit 1. März Ex-Pfarrer von Poing.

In den vergangenen knapp 19 Jahren hat Pfarrer Holzner unsere Pfarreimitglieder durch alle Stationen ihres Lebens begleitet, mit ihnen gefeiert, und er ist ihnen in dunklen Stunden beigestanden. Alles, was Menschen bewegt und bedrückt, kommt in der Seelsorge zur Sprache. Gemeindemitglieder suchen Rat und Trost bei ihrem Pfarrer. Sie wenden sich an ihn in allen Lebenslagen. Dazu gehören die schönen Momente, wenn sich alles gut fügt, dazu gehören aber auch die schwierigen Situationen, wenn Sorgen, Nöte, Trauer und Verzweiflung das Leben bestimmen. Pfarrer Holzner hat Kinder getauft, sie zur Ersten Heiligen Kommunion und Firmung geführt, Ehen geschlossen und die Verstorbenen zur letzten Ruhe geleitet. Er war der Ansprechpartner für alle Glaubens- und existenziellen Fragen, Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Schöpfung, nach ethischen Normen – sie werden gerade heute wieder oft gestellt. 

Es fällt schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber es soll kein Nachruf sein, denn, Herr Pfarrer Holzner: Sie leben noch! Gott sei Dank! Es kann nur ein dankbarer Rückblick sein auf fast 19 Jahre in der Pfarrei St. Michael in Poing. In diese 19 Jahre fallen unter anderem auch der Neubau des Rupert-Mayer-Hauses, die Sanierung des Pfarrheims St. Michael und jetzt aktuell der Neubau der zukünftigen Kirche ,Seliger Pater Rupert Mayer’ und der Kindergarten-Neubau am Endbachweg. Wir alle hätten uns gewünscht, dass Herr Pfarrer Michael Holzner die Fertigstellung des Kirchenneubaus begleiten darf. 

Nun müssen wir mit der Tatsache leben, dass Pfarrer Holzner ab dem 1. März nicht mehr unser Pfarrer ist. Kommen und Gehen bestimmen unser Leben. Nach vielen gemeinsamen Jahren gilt es nunmehr Abschied zu nehmen und danke zu sagen. Danke für die unaufdringliche Spiritualität und die Fähigkeiten, Menschen durch persönliche Begleitung in eine nähere Gottesbeziehung zu führen. Danke für die große Toleranz und Menschenfreundlichkeit gegenüber Andersdenkenden und anderen Lebensentwürfen und -formen. Danke für alles, lieber Michael. Wir sagen ,Pfüadi Gott’ und wünschen Dir für Deinen neuen Wirkungskreis alles Gute und Gottes reichen Segen.“

Rainer Lauterbach Kirchenpfleger.

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