Demonstrationsstände
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Die Gemengenlage jeden Donnerstagabend am Poinger S-Bahnhof: Im Vordergrund die Demo gegen Corona-Maßnahmen, im Hintergrund (rot) die Gegendemo. Dazwischen befindet sich ein italienisches Restaurant mit Sonnenterrasse.

Gegner und Gegner-Gegner

Mission Wahrheit: Jede Woche finden in Poing zwei Corona-Demos statt. Ein Besuch.

  • Armin Rösl
    vonArmin Rösl
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Jeden Donnerstag von 18 bis 19 Uhr treffen in Poing zwei Welten aufeinander: die der Gegner der Corona-Maßnahmen und die der Gegner-Gegner. Ein Besuch.

  • Jeden Donnerstag finden am S-Bahnhof Poing zwei Corona-Demos statt
  • Eine Kundgebung der Corona-Maßnahmen-Gegner, eine der Gegner-Gegner
  • Private Organisatorin fordert Meinungs- und Pressefreiheit

Die einen (ohne Mund-Nase-Masken) halten die Presse für die Hauptschuldigen an der Corona-Krise, die anderen (sie tragen Mund-Nase-Masken) schütteln den Kopf über diese und andere Ansichten: In Poing finden jeden Donnerstag von 18 bis 19 Uhr zwei Demonstrationen gleichzeitig statt. An der Nordseite der Unterführung am S-Bahnhof stellt eine Gegnerin der Corona-Maßnahmen ihren Stand auf, circa 100 Meter entfernt der Kreisverband Erding der Satirepartei „Die Partei“ als Gegenveranstaltung. Deren Kreisvorsitzender Kalle Oefele sagt: „Wir machen hier so lange weiter, bis bei denen drüben der Groschen fällt. Ich sehe, dass die Menschen dort keine Rechtsradikalen sind, aber manche sind vielleicht nahe dran.“ Per Mikrofon und Lautsprecher spricht Oefele Sätze wie: „Ich will nicht, dass meine Oma stirbt. Deshalb trage ich eine Maske.“

Wir machen hier so lange weiter, bis bei denen drüben der Groschen fällt.“

Kalle Oefele, Vorsitzender des Kreisverbandes Erding von „Die Partei“.

Hüben wie drüben haben sich etwa 10 bis 15 Leute versammelt, zwischen den beiden Orten liegt ein italienisches Restaurant, auf dessen Terrasse weit mehr Menschen den lauen Sommerabend genießen. An den beiden Infoständen gehen Menschen lediglich vorbei, nur selten bleibt jemand stehen.

Die Organisatorin der Demo gegen Corona-Maßnahmen, eine Frau mit langen grauen Haaren aus Poing, möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, sagt sie. Außerdem rede sie mit der Presse nur im Beisein ihres Pressesprechers, der sich in seiner Rede am Infostand als pensionierter Polizeibeamter vorstellt.

Die Bevölkerung wird in Panik gestoßen.“

Karl Hitz, Redner bei der Demo der Corona-Maßnahmen-Gegner

Sein Name ist Karl Hilz, er sagt mit ruhiger Stimme Sätze wie: „Die Bevölkerung wird verängstigt und in Panik gestoßen“; „Angst führt das Denken auf Reptilienniveau zurück“, das sei Ziel der Politik; er spricht von „Willkürstaat“. Den Verkauf von Mund-Nase-Masken und Corona-Tests setzt er der Organisierten Kriminalität gleich. Aus der Ecke von „Die Partei“ schallt es via Lautsprecher in Richtung Corona-Gegner: „Wenn ihr denkt, Deutschland versinkt in Diktatur, dann schaut bitte mal nach Belarus!“ Dann ertönt Ska-Musik, ein Song mit dem Titel „Bella Ciao“. Am anderen Infostand erklingt später die Hymne der Corona-Gegner „Geh’n Sie nach Hause, Minister Spahn!“. Bei beiden Kundgebungen stehen Polizisten, die dem Treiben ruhig zusehen. Pünktlich um 19 Uhr wird beidseits abgebaut.

Irgendjemand muss ja die Leute informieren.

Poingerin, die die Anti-Corona-Maßnahmen-Demo organisiert, die namentlich aber nicht genannt werden möchte.

Danach erklärt die Veranstalterin, warum sie Woche für Woche demonstriert: „Wir wollen unsere Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit zurückhaben.“ Pressesprecher Hilz berichtet, ihm hätten Menschen erzählt, dass sie sich in DDR-Zeiten zurückversetzt fühlten, als die Medien und der Staat gleichgeschaltet waren. „Wenn man aber im Internet recherchiert, bei Facebook oder Youtube, findet man auch andere Meinungen.“ Auf die Frage, was denn die Wahrheit sei, zählt die Demo-Organisatorin aus Poing eine Handvoll Wissenschaftler auf, darunter den emeritierten Professor Sucharit Bhakdi, die die Corona-Maßnahmen in den sozialen Netzwerken zum Teil scharf kritisieren. Die Frau fragt, warum „wir diesen Lappen im Gesicht tragen müssen“ und erzählt, dass sie Angst habe vor einer Covid-19-Impfpflicht.

Seit dem 15. Mai ist die Poingerin jeden Donnerstag am S-Bahnhof, seit 13. August gesellt sich „Die Partei“ dazu. Es geht weiter, laut Polizei hat die Frau die wöchentliche Kundgebung bis Dezember angemeldet. Wie lange noch? „Bis wir unsere Grundrechte zurückhaben und die Presse ihren Job richtig macht“, antwortet sie. Bis dahin „muss irgendjemand ja die Leute informieren“.

Einen Kommentar zum Thema „Meinungsfreiheit“ finden Sie hier.

Aktuelle Entwicklungen in Sachen Coronavirus lesen Sie hier.

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