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Gratulation: Jubilar Otto Sanktjohanser mit Tochter Christine Pellegrini und Bürgermeister Albert Hingerl.  

Otto Sanktjohanser in Feierlaune

Mit 100 Jahren auf dem Laufsteg: Das ist Deutschlands ältestes Topmodel

Otto Sanktjohanser aus Poing ist 100 Jahre alt, rundum fit und das Topmodel bei Modenschauen für Senioren. Sein Fazit zum runden Geburtstag: „Ich hatte Glück in meinem Leben.“

Poing – Als Otto Sanktjohanser am 8. April 1918 in Burgheim im Landkreis Neuburg/Schrobenhausen geboren wurde, war der Erste Weltkrieg noch nicht zu Ende. „Wir wuchsen in sehr ärmlichen Verhältnissen auf“, erinnert er sich an seine Kindheit. Als 100-Jähriger blickte er an seinem Geburtstag in einer Feier mit Freunden und Angehörigen im Senioren-Café Poing dennoch auf ein erfülltes und insgesamt schönes Leben zurück.

Nach der Schule fand der Jubilar eine Lehrstelle als Bäcker. „Die hatten eine Landwirtschaft dabei und ich musste auch auf den Feldern arbeiten“, erzählt Sanktjohanser, „da waren Wochenarbeitszeiten bis zu 100 Stunden ganz normal!“ Er ging später nach Nürnberg und Bayreuth, schließlich landete der junge Mann in München. „Im November 1938 wurde ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, danach wollte ich zu den Fliegern“, berichtet er vom Zweiten Weltkrieg.

Sanktjohanser: „Ich hatte Glück in meinem Leben“

Man bildete ihn zum Bordwart aus, sein Einsatzort war eine Flugschule bei Breslau (Schlesien). „Als aktiver Flugbegleiter übte ich mit den Schülern Starts und Landungen“, berichtet der Jubilar. „Zwei Mal konnte ich eine gefährliche Bruchlandung verhindern.“ Der ersehnte Pilotenschein war ihm trotzdem verwehrt, weil bei der Untersuchung erhöhte Blutzuckerwerte festgestellt wurden. So wurde er vom Wehrkreiskommando Ende 1941 in den Zivildienst entlassen. „Ich hatte Glück in meinem Leben“, betont Sanktjohanser immer wieder. Weil es im Krieg an Fachkräften mangelte, wurde der er von BMW mit Handkuss genommen. „Ich wurde zum Schleifspezialisten für Pleuelstangen ausgebildet“, berichtet der Jubilar weiter, „nach nur einem Jahr war ich Gruppenleiter“.

Wegen der Bombardierungen wurde die Arbeitsstätte nach Allach und später an den Bodensee verlegt. Mit Kriegsende ging Otto Sanktjohanser zurück nach München. Er kehrte in seinen Beruf als Bäcker zurück, es gab wegen der Hungersnot gute Gründe dafür. „Als Ausfahrer baute ich ein besonderes Organisationsnetzwerk auf“, schildert der Jubilar die Situation. „Brot und Mehl für Eier und Schmalz.“

Erinnerungen an eine schwere Zeit

In dieser Zeit lernte er auch seine Ehefrau kennen, geheiratet hat er die junge Hermine 1946. Bereits ein Jahr später kam Tochter Christine zur Welt. Seine Stimme gerät ins Stocken, als der Jubilar davon erzählt. „Da war diese ausgebombte Wohnung in der Edelweißstraße in Giesing“, erinnert er sich. „Ich musste allerlei Baumaterial organisieren und das Dach dichtmachen. Vieles davon mit Brot bezahlt, andere Sachen einfach besorgt.“ Es war eine glückliche, aber sehr schwere Zeit und das junge Paar wollte deshalb keine weiteren Kinder mehr. Enkel hat der Jubilar nur einen, leider keine Urenkel. Bis in die Zeit um 1960 arbeitete Otto Sanktjohanser beim Bäcker als Ausfahrer und im Betrieb, er lieferte Ideen für besondere Brote und Backwaren. „Ich kündigte und erhielt ein Superzeugnis“, berichtet er weiter, „dann kaufte ich zusammen mit meiner Frau ein Milchgeschäft in Laim“.

Nebenbei verdingte er sich für einen Discounter als Verkaufsfahrer. Er war mit einem Kleinlaster unterwegs, der ein Sortiment von rund 100 unterschiedlichen Waren mitführte. Dann baute EDEKA den „Super 2000 Markt“, Otto Sankjohanser wurde von der Firma Reiter (Inhaber) als Geschäftsführer eingestellt. „Ich hatte erstmals im Leben mit 42 Wochenstunden eine geregelte Arbeitszeit“, betont er. Bis 1981 blieb der Jubilar im Dienst, danach ging er in Rente und kehrte mit seiner kleinen Familie zurück nach Burgheim. 

Späte Berufung als Senioren-Model

„Sie können nicht alles schreiben, ich habe so viel erlebt“, lacht der 100-Jährige. Er schwärmt vom Münchner Wohnwagenclub, wo er 1959 Gründungsmitglied war, von den unzähligen Reisen auch mit dem Wohnmobil, von seinem damaligen Motorrad Horex mit der von ihm selber entworfenen Sitzbank und weiteren Erlebnissen.

Erst 2005 zogen die Sanktjohansers nach Poing. Der Jubilar versorgt sich trotz seiner 100 Jahre alleine und pflegt gute Beziehungen zum benachbarten Seniorenzentrum. „Leider ist meine Hermine nur wenige Wochen vor unserer diamantenen Hochzeit verstoben“, erzählt er traurig. Gefeiert hat Otto Sanktjohanser seinen 100. Geburtstag mit Freunden im Senioren-Café, dort tritt er hin und wieder als Model auf und führt neueste Kleidung für Senioren vor. Am heutigen Dienstag, 17. April, ab 14 Uhr, kann der Jubilar mit aktueller Kleidung bewundert werden. 

Lesen Sie auch: Im Seniorenheim: Altenpflegerinnen auf dem Laufsteg

dul

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