Alte und junge Beamte der Polizeiinspektion Poing
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Alt trifft jung: v.l. Kurt Tschauner, Anton Kapsner, Bianca Nahodyl, Simon Barnerßoi und Helmut Hintereder, ehemalige und amtierende Polizisten in Poing.

Polizeiinspektion Poing wird 50 Jahre alt

Mit Fahndungsbuch und Schreibmaschine auf Verbrecherjagd

  • VonJörg Domke
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Vieles hat sich geändert in der örtlichen Polizeiarbeit zwischen 1971 und 2021. Manches aber ist fast gleich geblieben. Die Polizeiinspektion Poing wird 50 Jahre alt. Ein großes Fest kann es heuer nicht geben wegen Corona. Aber dafür gab es einen munteren Kollegenaustausch. Wir waren dabei.

Kurt Tschauner ist, wie oft in seinem langen beruflichen Leben, gut vorbereitet. Eine alte, schwergewichtige Triumph-Schreibmaschine hat er eigens aus seiner privaten „Reservatenkammer“ ausgekramt und mitgebracht nach Poing. Dort, wo er sich dieser Tage mit amtierenden Kollegen der Polizeiinspektion zu einem lockeren Gespräch über die Geschichte der Dienststelle traf. Jene Dienststelle, die am 1. Dezember 1971 offiziell in Betrieb ging; also vor genau 50 Jahren.

Mit dabei hat der 72-Jährige auch noch ein paar andere Polizei-Utensilien seiner Zeit. Einen Gummi-Schlagstock beispielsweise, dessen Gebrauchsspuren nicht zu übersehen sind. Oft, versichert der im gesamten Landkreis bekannte und geschätzte, inzwischen aber längst ausgeschiedene Polizeibeamte, sei er nicht zum Einsatz gekommen. Längst gehört so ein Teil auch nicht mehr zur Standardausrüstung bayerischer Polizisten. Mit dem Gerät habe man einem Gegenüber ganz erhebliche Verletzungen zufügen können, so Tschauner.

Kurt Tschauner (72) bringt alte Utensilien wie Gummischlagstock oder Lederjacke mit

Neben noch zwei alten Dienstmützen hat der Tschauner Kurt, der gleich hinter der Landkreisgrenze in der Gemeinde Pfaffing wohnt, noch eine original Polizei-Lederjacke dabei. Seine. Ein wirklich schweres Teil. So schwer, dass junge (aktuelle) Kollegen wie Simon Barnerßoi oder Bianca Nahodyl ein wenig ungläubig schauen. Irgendwie scheint es ihnen schwer vorstellbar, damit den Dienst zu verrichten.

Ganz viele Erinnerungen im Gepäck hat dagegen Anton Kapsner. Am 7. März 1966 trat er einst seinen Dienst in Ebersberg an. Und bekam, selbst noch ein junger Mann, mit, wie gerade eine Truppe zusammengestellt wurde, die in der neuen Dienststelle in Poing starten sollte. Poing, weil es einst die Gemeinde gewesen sei, die der Polizei einen Neubau als Unterkunft zur Verfügung stellen konnte im Gegensatz zu Parsdorf oder Markt Schwaben, wie sich der 77-Jährige erinnert.

Seine Einarbeitungszeit und die vieler Kollegen, die Anfang Dezember 1971 dann wirklich den Job in Poing antraten, war nicht sehr lang. Kapsner war damals 27, Polizeimeister und schon Dienstgruppenleiter, was im Polizeijargon kurz und knapp DGL genannt wird. „Ich war wohl damals der Jüngste mit einer solchen Funktion weit und breit“, so Kapsner, der lange in Landsham lebte, seine Heimat aber zwischen Wasserburg und Rosenheim in der Gemeinde Schechen hat. Enge Kollegen waren zum Beispiel Erich Spitzl oder Rudi Hochhardt, Letzterer viele Jahre lang Dienststellenleiter und unmittelbarer Vorgänger des augenblicklichen PI-Chefs Helmut Hintereder.

Junge Leute die irgendwie ins kalte Wasser geworfen wurden

Hintereder ist auch der, der diese redselige Kollegentruppe dieser Tage zusammengebracht hat. Zusammengebracht zu einem lockeren Austausch zwischen zwei Generationen Polizisten, alt und jung, die eines gemeinsam haben: Eine direkte Verbindung zur PI Poing.

Das Schöne dabei: Von der Dienstgruppe um Anton Kapsner leben noch alle; anders als bei anderen Teams. Etwas, weshalb Kurt Tschauner und Co. sehr froh sind. Noch immer, berichtet Tschauner stolz, gebe es regelmäßig Stammtische und gemeinsame Unternehmungen. Fast so wie einst, als man gemeinsam zum Skifahren unterwegs war, Betriebsausflüge unternahm, Sommerfeste im Ebersberger Forst feierte und zusammen Fußball spielte. Auf einem, man muss es so glauben, angeblich nicht schlechtem Niveau. Für die A-Klasse hätte es jedenfalls gereicht, heißt es.

Jung war die Truppe damals, die im Dezember 1971 die Arbeit in der Markomannenstraße antrat. In Ebersberg, sozusagen so etwas wie die Mutterdienststelle der Poinger PI, war es normal, dass die jungen Hüpfer stets an der Seite eines erfahrenen Kollegen in den Außendienst geschickt wurden. „In Poing waren wir plötzlich auf uns alleine gestellt“, erinnert sich Kurt Tschauner. Ebenso wie an einige, wie er sagt, heftige Einsätze gleich zu Beginn.

Tschauner hat Zeichen gesetzt als Verkehrserzieher. Geschätzte 25 000 junge Leute haben unter seiner Regie im Landkreis das ABC der Straßenverkehrsregeln gelernt. Mit 26 Jahren übernahm er diese Sondertätigkeit, am Schluss war er einer der ältesten Verkehrserzieher im Freistaat.

Hoher Bekanntheitsgrad bedeutete auch hoher Respekt

Einen großen Vorteil brachte diese Tätigkeit Tschauner immer ein: Es war bei vielen bekannt. Und wurde respektiert. Zwei Dinge, die offenbar wechselseitig miteinander zu tun haben. Dazu kam, dass seine Generation Polizei noch die Art Schutzmann zu verkörpern wusste, der man mit einem gewissen Respekt begegnete.

Dazu kam aber auch, dass es früher im Außendienst noch viel einfacher war, mit einer lockeren Art und mit Schaffung einer gewissen entspannten Atmosphäre Konflikte zu lösen, bevor sie sich zu auch handfesten Auseinandersetzungen entwickelten. Heute, so der 72-Jährige, sei das aus seiner Sicht alles viel komplizierter. Seien Respektlosigkeit, Beleidigungen oder gar körperliche Angriffe auf Beamte alltäglicher geworden. Eine Einschätzung, die Bianca Nahodyl teilt. Die Dachauerin ist noch nicht sehr lange in Poing, hat aber in den paar Monaten in Poing schon vieles diesbezüglich erlebt. Zum Beispiel, dass erst am Tag vor dem Alt-trifft-Jung-Event im Feuerwehrgerätehaus in Poing (wegen Corona war man hierher ausgewichen) jemand versuchte, Gespräche mit den Kollegen mit einem Tonband verbotenerweise aufzuzeichnen.

Auch dass Polizeieinsätze gerne mal von Protagonisten gefilmt und ins Netz gestellt würden, sei längst nichts Besonderes mehr. Um hier für alle Beteiligten mehr Sicherheiten zu bekommen und auch, um im Streitfall Abläufe neutral und ehrlich dokumentieren zu können, ist schließlich die sogenannte Bodycam angeschafft worden. Etwa 80 Prozent der Kollegen nutzten sie auch, schätzt Barnerßoi, der als Poinger seit nunmehr sechs Jahren in Poing auch Dienst tun darf. Als Einheimischer im Team zu agieren, sei nach seiner Einschätzung übrigens weder ein Vor-, aber auch kein Nachteil. Dass die Bodycam eine gewisse abschreckende Wirkung habe, sei nach seiner Erfahrung unbestritten, so der 32-Jährige.

Damit spricht er zugleich ein Thema an, das für Tschauner und Kapsner so was wie Science-Fiction ist: Es geht um die immer weiter entwickelte Technik. Anton Kapsner erzählt, dass seine früheren Hilfs- und Arbeitsmittel eine Schreibmaschine waren, dazu später ein Fernschreiber (anfangs nur in Ebersberg), oftmals störungsanfällige Funkgeräte, ein Notruf-Telefon, ein Alarmtelefon mit direktem Zugang zu einigen örtlichen Banken und eine Einbruchmeldeanlage, an die einige Firmen angeschlossen waren. Bis 2009 liefen Notrufe noch direkt auf die jeweiligen Polizeidienststellen auf, seither geht alles direkt nach Ingolstadt.

Bodycam ein Schutz für alle

Größter Unterschied von 1971 auf 2021: Eine gewöhnliche Unfallaufnahme war vor 50 Jahren noch mit bis zu sechs Durchschlägen verbunden. Berichte mit Tippfehlern raubten dem einen oder anderen Kollegen derweil schon mal die Nerven morgens um 5 Uhr. Viele der erstellten Kopien landeten in der Statistik, erinnert sich Kapsner weiter. Kurt Tschauner pflegte dagegen eine sogenannte Unfallsteckkarte, auf der mit farbigen Nadeln die besonderen Verkehrsereignisse im Dienststellenbereich markiert wurden. Die blaue Nadel stand übrigens für einen alkoholbedingten Unfall.

Das mit der Auswertung von Unfalldaten ist dagegen heute nicht viel anders. Nur ist sie dank digitaler Technik sehr viel einfacher und zielgerichteter geworden. Heute, berichtet Helmut Hintereder, könne man mit ein paar Mausklicks bereits Dinge herausfiltern, wofür früher viel mehr Zeit benötigt wurde. Simon Barnerßoi jedenfalls ist froh, statt der alten Triumph heute einen PC einsetzen zu können.

Besonders erleichtert scheint Polizeiarbeit, wenn es um Fahndungen geht. Die Generation Kapsner und Tschauner, Spitzl und Hochhardt kennt zum Beispiel noch das Fahndungsbuch. „Das sah fast so aus wie ein Telefonbuch, war aber eine Auflistung gesuchter Personen“, so Tschauner. Vierteljährlich wurde es aktualisiert und war oftmals mit dabei, wenn die Kollegen auf Streife fuhren und Personen kontrollierten. Die Fahndungstreffer waren, gemessen an heutigen Standards, eher gering, traut sich Kapsner einen vorsichtigen Vergleich zu.

Die Polizeidienststelle in Poing heute

Damals, erzählt er, sei es schon mal möglich gewesen, die Fahndungsbücher abzugleichen mit dem Register einer ortsansässigen Krankenkasse. Etwas, was heute aus Datenschutzgründen völlig unmöglich ist. Das Fahndungsbuch jedenfalls hat so, wie es 1971 noch existierte, nicht überlebt. Die Methoden, Gesuchten auf die Spur zu kommen, sind sehr viel ausgereifter geworden. Mit seinem Dienst-I-Phone sei es möglich, Führerscheine oder Personalausweise einzuscannen und rasch die Infos aus einer Datenbank zu bekommen, die direkt an Ort und Stelle wichtig seien, so Barnerßoi. Künftig, wagt sein Chef Hintereder schon mal einen Ausblick in die Zukunft, werde es womöglich nicht mal mehr den klassischen Strafzettel geben, sondern würden selbst Ordnungswidrigkeiten elektronisch erstellt. Wie auch die Einsatzwagen immer mehr digitalisiert werden.

Poings Polizeigebäude aus der Anfangsphase in den 70ern

Was sich gewaltig verändert hat über 50 Jahre, ist die Bereitschaft zur Gewalt gegenüber Beamten. Kapsner, der 16 Jahre in Poing verbrachte und später in Erding Dienst tat: „Angriffe auf die Polizei waren früher ein Tabu, heute scheint es ein Problem nicht nur der Jugend zu sein, sondern der gesamten Bevölkerung.“ Mit ein Hauptgrund, warum die beiden Polizeiveteranen, könnten sie es sich noch einmal aussuchen, lieber in ihrer Zeit nochmals als Polizist arbeiten als heute.

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Erinnerungen an frühere Zeiten: Erich Spitzl, Kurt Tschauner und Rolf Hochhardt bei einer Weihnachtsfeier

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