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Der Kampf gegen Betrug mit Kreditkarten ist das Standardgeschäft von Polizeihauptmeister Johannes Stürzer.

Unglaubliche Lügengeschichten

Lottogewinn und große Liebe: Poinger „Cyber-Cop“ berichtet aus dem Alltag

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Die große Liebe oder der große Lottogewinn: Johannes Stürzer hat beide Fälle schon auf dem Tisch gehabt. Was der Polizist erzählt, klingt unglaublich – ist aber wahr.

Poing  Da gibt es den Fall einer 83-jährigen Frau zum Beispiel, die ihr gesamtes Erspartes geopfert hat in der Hoffnung auf einen hohen Lottogewinn. Die nach Aufforderung immer wieder Geld in die Türkei überwiesen hat, am Schluss hat sie sogar Bargeld in einem Briefumschlag per Post verschickt. Am Ende war sie gut 50 000 Euro los. Den Lottogewinn hat es nie gegeben.

„Manche Menschen sind so fixiert und glauben einfach daran“, sagt Stürzer. Und überweisen das Geld. Der 36-Jährige ist bei der Polizeiinspektion Poing Schwerpunkt-Sachbearbeiter für Internetkriminalität. Monatlich bearbeitet er etwa 20 Fälle, Standardgeschäft ist Kreditkartenbetrug. Manchmal kommen Gewinn- und Liebesbetrügereien hinzu.

Ermittler müssen Geduld haben

Bei der 83-jährigen Frau begann es mit einem Anruf, danach gab es zahlreiche Telefonate, in denen die Stimme (auf Deutsch) am anderen Ende der Leitung vom großen Lottogewinn gefaselt hatte. Um diesen zu erhalten, müsse die Dame allerdings Notarkosten bezahlen. Das hat sie getan, immer und immer wieder. Die Überweisungen laufen stets über versteckte Kanäle und Konten, für die Polizei oftmals schwer nachzuvollziehen. Aber: „Selbst der größte Profi macht mal einen Fehler“, sagt Polizeihauptmeister Stürzer. Man müsse als Ermittler nur Geduld haben und dranbleiben.

In Sachen Liebe erzählt er, dass es Banden gebe, hauptsächlich in Westafrika angesiedelt, die sich ihre Opfer über Internet-Datingportale suchen. Wochen-, monatelang werde gechattet, auch telefoniert. Manchmal erhalten die Damen sogar Blumen, bezahlt mit einer fremden Kreditkarte. Auch hier ist die Nachverfolgung schwierig. „Und irgendwann ruft der vermeintliche Liebhaber an und erzählt, dass er am Flughafen feststeckt und dringend Geld benötigt.“ Weil Liebe blind machen kann, wird das Geld überwiesen. Das war’s dann mit dem Flirt.

Im Hinterhof gackern die Hühner

Auch so einen Fall hatte der 36-Jährige schon, der vermeintliche Liebhaber stammte aus Ghana. Bei einem Telefonat, das vom Opfer aufgezeichnet wurde, hörte man im Hintergrund Hühner gackern. „Der Mann hat auf Nachfrage behauptet, er sei gerade in einem Hotelzimmer und im Hintergrund laufe ein Fernseher.“

Jetzt zum Alltagsgeschäft: Wenn der Polizeihauptmeister erzählt, wie mit Kreditkartendaten im Darknet („dunkles Netz“) gehandelt wird, kann einem angst und bange werden. Auf geheimen Internetplattformen werden Kreditkartennummern, Adressen und auch Postfächer gehandelt wie auf einem Basar. Mit einer fremden Kreditkarte wird beispielsweise über einen Fake-Account in einem Online-Shop eine Kaffeemaschine bestellt, die wiederum an ein Postfach geliefert wird. Freilich ohne Absender- und Empfängeradresse. Der Kunde erhält eine Nummer für den Zugang zum Postfach – zack, hat er seine neue Kaffeemaschine. Bezahlt von irgendeiner Kreditkarte.

Datenklau auf ganz unterschiedliche Art und Weise

Die Betrüger gelangen auf unterschiedliche Wege an Daten, erzählt Johannes Stürzer. Entweder hacken sie bestimmte Internetseiten, oder sie fangen die Daten bei Bezahlungen auf Reiseplattformen oder auf dem Weg vom Kreditkarteninstitut zur Bank ab. „Manchmal wird von einer Kreditkarte etwas abgebucht, obwohl der Besitzer sie noch gar nicht benutzt geschweige denn sie überhaupt schon erhalten hat.“

Die schlechte Nachricht: „Einen kompletten Schutz gibt es nicht“, sagt Stürzer. Oftmals können die Täter lediglich nach langer Recherche ausfindig gemacht werden, wenn überhaupt. Wie, das verrät der Polizist freilich nicht. Die gute Nachricht: Wer bemerkt, dass vom Kreditkartenkonto unbefugt etwas abgebucht worden ist, erhält den Betrag in der Regel vom Kreditinstitut erstattet. Voraussetzung: „Zur Polizei gehen und Anzeige erstatten“, sagt Johannes Stürzer.

Immer sichere Passwörter verwenden

Und sonst? Der Polizeihauptmeister rät generell zur Vorsicht, bei aller Art von Internetgeschäften. Wer in einem Online-Shop kauft, sollte sich zuvor darüber informieren. Gibt es Dinge ganz besonders günstig und/oder wird Vorauskasse verlangt, sollte man vorsichtig sein. Niemals, so betont der Internet-Sachbearbeiter, dürfe man seinen Personalausweis oder auch nur das Foto davon abfotografieren und online irgendwo hin senden. Auch wichtig bei allen Internetaktivitäten und -konten: Sichere Passwörter verwenden.

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Und dann sind da noch die Spam-E-Mails: „Wer per Mail einen Anhang oder Link bekommt, den er nicht erwartet, sollte ihn nicht öffnen. Stammt er von einer Person, die man kennt, sollte man vorher nachfragen, ob die Mail tatsächlich von ihr stammt“, rät Stürzer.

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Aktuell mache per E-Mail das sogenannte „Sexpressing“ die Runde: E-Mails, in denen behauptet wird, man habe den Empfänger über die Computer-Kamera bei sexuellen Handlungen beobachtet und gefilmt. Wer nicht bezahlt laufe Gefahr, dass der Film veröffentlicht wird. „Im Endeffekt ist das Erpressung“, sagt Stürzer. Auch hier gelte: Nicht auf die Forderung eingehen und Anzeige erstatten. Und auf eine derartige oder anderweitig abstruse E-Mail nicht antworten. Selbst dann nicht, wenn sie einen Lottogewinn oder die große Liebe verspricht.

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