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Poings Bürgermeister Hingerl zum Abschied: „Ich habe meinen Beruf gerne gemacht“

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Von: Armin Rösl

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Einer von Albert Hingerls Lieblingsplätzen in Poing ist auf dem Dach des Rathauses. © Johannes Dziemballa

Am 30. April geht die Ära Albert Hingerl als Bürgermeister von Poing zu Ende. Im Interview spricht er über schöne und nicht so schöne Erlebnisse. Und darüber, was er vermissen wird.

Wenn Poings Bürgermeister Albert Hingerl am 30. April nach 20 Jahren im Amt in den Ruhestand geht, wird er etwa 80 Urlaubstage übrig haben. Abbauen geht nicht mehr, auszahlen ist auch nicht möglich. Egal. „Ich schenke sie der Gemeinde“, sagt er. Als Bürgermeister gibt’s quasi eh nie eine echte Freizeit. Das hat der 65-Jährige in den vergangenen 7300 Tagen zu Genüge erlebt. Ab 1. Mai, ein Freitag, hat Hingerl wirklich frei. Als er im Jahr 2000 Bürgermeister wurde, hatte die Gemeinde Poing 11.000 Einwohner. Heute sind es knapp 16.700. 

Herr Hingerl, was machen Sie am langen ersten Mai-Wochenende?

Ich weiß es noch nicht, was ich machen werde. Ein freies Wochenende ohne dienstliche Verpflichtungen, in der Vergangenheit eher eine Seltenheit. Nach 20 Jahren haben die privaten Termine Vorrang.

Wie schwer wird es Ihnen fallen, quasi von heute auf morgen loszulassen?

Es wird mir nicht schwerfallen. Mein letzter Arbeitstag ist der 30. April. Wie es danach sein wird? Sicher auch spannend. Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Gibt es etwas, das Sie vermissen werden?

Ja sicher, zum Beispiel die vielen Schulklassen, die mich im Rathaus besuchten. Ebenso die Bürgersprechstunden. In diesen Gesprächen ist der Bürgermeister persönlich für die Bürger da. Nicht zuletzt meine Mitarbeiter, die mit mir erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Und was werden Sie gar nicht vermissen?

Die dichten Terminpläne. Natürlich auch das eine oder andere Problem, das nicht zu vermeiden war. Oder momentan aktuell das Normenkontrollverfahren der Gemeinde Pliening gegen unser Neubaugebiet. Hier sind Bürgermeister Roland Frick und ich auf einem guten Weg, eine Lösung zu finden, um das Gymnasium zeitgerecht bauen zu können. Es gibt aber keinen Grund sich zu beschweren. Ich habe meinen Beruf als Bürgermeister gerne gemacht.

Für das Bürgermeisteramt kandidieren Sie nicht mehr, als Kreisrat aber schon. Ganz von der Politik loslassen können Sie nicht? Werden Sie sich in die Poinger Gemeindepolitik einmischen?

Ich bin, sollte ich gewählt werden, als Poinger Bürger im Kreisrat und werde mich für den Landkreis und natürlich auch für meine Gemeinde einsetzen. Aber keine Angst: Ich werde nicht zum lästigen Ratgeber.

Herr Hingerl, was waren die drei schönsten Momente in 20 Jahren als Poinger Bürgermeister?

Immer dann, wenn Poingerinnen und Poinger mir sagen, dass es ihnen in der Gemeinde sehr gut gefällt, sie hier alles vorfinden, was sie für sich und ihre Familien brauchen und Poing ihre Heimat geworden ist. Mir gefällt es, Undenkbares wie zum Beispiel den Bau der Realschule und des Gymnasiums möglich zu machen. Einfach Dinge zu tun, die unsere Gemeinde nach vorne bringt. Große Freude machen mir das Volksfest, als der größte Stammtisch in Poing, das Straßenfestival und die Langen Nächte der Kultur.

Und welche die drei Schlimmsten?

Ich war sehr betroffen, als im August 2003 ein Kind im kleinen Weiher im Bergfeldpark ertrunken ist. Oft nicht vermeidbar, aber trotzdem ärgerlich, sind die ständigen Kostensteigerungen der gemeindlichen Bauvorhaben aus verschiedenen Gründen. Unzufrieden bin ich mit der ungleichen Verteilung der Flüchtlinge im Landkreis Ebersberg. Die Hilfsbereitschaft der Gemeinde Poing hat dazu geführt, dass zwei große Einrichtungen mit circa 260 Bewohnern zum Hotspot der Region geworden sind. Einige Gemeinden haben in der Vergangenheit mit Erfolg keine Flüchtlinge aufgenommen, bestehende Einrichtungen werden aufgelöst und die Bewohner unter anderem nach Poing gebracht. Für mich und für meine Gemeinde steht jedoch im Vordergrund, dass wir diesen Menschen aus humanitären Gründen helfen müssen. Das sind wir uns schuldig.

Blicken wir kurz auf die Kommunalpolitik. Hätte der Gemeinderat, aus heutiger Sicht, bei der Entscheidung, nur den ersten Abschnitt des Bürgerhauses zu bauen, nicht mutiger sein und doch gleich das Bürgerhaus komplett realisieren sollen?

Mut hin oder her, es gab keine Mehrheit im Gemeinderat. Das Familienzentrum brauchte dringend neue Räume, um ihre für die Gemeinde wichtige Integrationsarbeit der Neubürger erfolgreich fortsetzen zu können. Zusätzlich wurden weitere Vereinsräume und ein Hort geschaffen. Mehr war nicht drin.

Warum ist Poing gewachsen und wächst weiter, ohne ein entsprechendes Verkehrskonzept, ohne zusätzliche Straßen?

Das ist so nicht richtig. Die Gemeinde Poing hat vorausschauend und von Anfang an den Straßenausbau mit der Einwohnerentwicklung koordiniert und umgesetzt. Die großen Durchgangsstraßen wie die Gruber Straße und die Plieninger Straße sind Kreisstraßen, zuständig dafür sind das Landratsamt Ebersberg und das Staatliche Bauamt Rosenheim. Von diesen Behörden kam bislang nie die Forderung nach einem Ausbau. Wir haben in den vergangenen Jahren die Straße Am Hanselbrunn und die Verlängerung des Westrings/Bergfeldstraße und die Münchner Straße zur Parsdorfer Straße gebaut. Wir bauen aktuell die Verlängerung der Anzinger Straße und für den Kreuzungsbereich Westring/Plieninger Straße ist ein Kreisverkehr geplant, ebenso im Bereich Kirchheimer Allee/Bergfeldstraße.
Der Berufsverkehr ist in den Stoßzeiten das größte Problem. Mit dem attraktiven kommunalen PPA-Busangebot (Poing-Pliening-Anzing, die Redaktion) sowie dem Radwegeausbau in alle Nachbargemeinden hat die Gemeinde entsprechende Alternativen geschaffen.

Ein weiterer Baustein ist die Erstellung eines überregionalen Verkehrs- und eines gemeindebezogenes Mobilitätsgutachtens, um die großen Herausforderungen und Belastungen des individuellen motorisierten Fahrzeugverkehrs mit attraktiven öffentlichen Angeboten zu bewältigen. Ein Verkehrsplaner hat einmal gesagt, wenn wir die geforderten Straßen bauen würden, die alle Stoßzeiten abdecken, dann würde keiner mehr hier wohnen wollen.

Teilweise erhebliche Bauverzögerungen beim Neubau der Grundschule Karl-Sittler-Straße, die jahrelangen Diskussionen um den Bau der neuen Unterführung am S-Bahnhof: Wie sehr frustrieren Dinge wie diese?

Das beste Beispiel für Bürokratie ist die Bahnunterführung. Fast 30 Jahre sind vergangen, bis der Bau begonnen werden konnte. Die Grundsatzentscheidung über den notwendigen viergleisigen Ausbau ist aber immer noch offen. Das versteht kein normaler Mensch. Das Verhalten von Vertragspartnern, das man seit geraumer Zeit auch von anderen Großprojekten kennt, nimmt derzeit einen Umfang an, der nicht mehr nachvollziehbar ist. Wenn am Beispiel des Ersatzneubaus der Karl-Sittler-Grundschule der Wille zu einer Einigung fehlt und in Folge der Architekt sowie die Rohbaufirma kündigen, sind Zeitverzug und Kostensteigerung vorprogrammiert.

Herr Hingerl, wieder weg von der Kommunalpolitik: Werden Sie, der aus Winkl, Gemeinde Taufkirchen an der Vils, stammt, in Poing alt?

Poing ist meine Heimat.

Welche Wünsche wollen Sie sich noch erfüllen?

Es gibt noch so viele andere interessante Dinge im Leben.

Was wünschen Sie Poing für die nächsten 20 Jahre?

Das Poing sich weiterhin so erfolgreich und zukunftsträchtig entwickelt und seinen Charakter als familienfreundliche, tolerante und weltoffene Gemeinde erhält.

Einen Überblick über die Kommunalwahlen im Landkreis Ebersberg und über alle Kandidatinnen und Kandidaten haben wir in einer eigenen Online-Rubrik zusammengefasst. 

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