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Stolz auf die erste Ernte: Friseurinnen und Friseure mit Gärtnerei-Chef Florian Böck (Mitte, hinten). 

Corona-Krise

Friseure als Erntehelfer: Tomaten abschneiden statt Haare

  • Armin Rösl
    vonArmin Rösl
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Normalerweise frisieren und schneiden sie Haare, jetzt aber sind es Tomatenstauden: Friseurinnen und Friseure aus Poing und Umgebung sind als Erntehelfer tätig. 

Neufarn/Poing – Slavenka Vidovic sagt: „Ich habe ab sofort Respekt vor jeder Tomate.“ Das meint sie nicht lächerlich, sondern ernst. Sie hat am 1. April (KEIN Aprilscherz!) zum ersten Mal in ihrem Leben im großen Stil Tomaten geerntet. Vidovic ist Friseurin, seit Mittwoch schneidet sie Tomaten ab, statt Haare. Zusammen mit 15 anderen Friseurinnen und Friseuren, die in den nächsten Tagen und Wochen in der Großgärtnerei Böck in Neufarn helfen. Wie im ganzen Land, fallen auch dort wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Ausgangs- und Reisebeschränkungen die Erntehelfer aus Osteuropa aus. „Normalerweise würden jetzt etwa 25 bis 30 kommen und bei uns arbeiten“, erzählt Juniorchef Florian Böck vom gleichnamigen Familienunternehmen mit etwa 150 Mitarbeitern.

Poing: Spontane Aktion als Erntehelfer

Zwei Kilometer weiter, in Poing, betreiben die Friseurmeister und Eheleute Kathrin und Johannes Mittermeier drei Friseursalons. Weil diese derzeit geschlossen sein müssen, sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit dem 1. April in Kurzarbeit. „Ich habe mir überlegt, wie wir dem Florian Böck helfen können, und gleichzeitig auch unseren Leuten“, erzähltJohannes Mittermeier. Er hat seinen Spezl von der Gärtnerei angerufen und ihm von der Idee erzählt, dass seine Mitarbeiter ihm doch bei der Ernte helfen könnten. Böck sagte zu, er zahlt den Friseuren die Differenz zwischen Kurzarbeitergeld (60 Prozent des Gehalts) und dem vollen Gehalt. Somit hat niemand eine Einbuße.

Gärtnerei zahlt Differenzbetrag 

Die Aktion ist freilich freiwillig, Mittermeier hat seine Teams vor ein paar Tagen informiert. Slavenka Vidovic hat sich sofort gemeldet: „Das ist eine super Sache, wir kommen raus und können was tun“, sagt sie und fügt augenzwinkernd hinzu: „Und im Schneiden sind wir ja Profis.“

Friseure arbeiten in zwei Schichten

Jeden Tag arbeiten die Friseurinnen und Friseure in zwei Schichten. 

Die neuen Helferinnen und Helfer arbeiten aufgeteilt in zwei Schichten: von 7.30 bis 12.30 Uhr und von 13 bis 18 Uhr. Einsatzort sind die riesigen Gewächshäuser, wo auf einer Fläche von insgesamt 1,8 Hektar (entspricht etwa zweieinhalb Fußballfelder) Tomaten aller Art angebaut und aufgezogen werden. Die erste Schicht hat am Mittwochvormittag pro Kopf etwa 250 Kilogramm Tomaten geerntet. Laut Florian Böck werden normalerweise in seiner Gärtnerei pro Woche etwa 25 bis 30 Tonnen Tomaten geerntet.

Fachkundige Einweisung

Bevor es losging, erhielten die neuen Hilfskräfte eine fachkundige Einweisung vom Gärtnerei-Chef. Nach der ersten Schicht ist der 42-Jährige voll des Lobes: „Sie haben alle ihre Sache sehr gut gemacht. Für mich ist es super und ein Glücksfall, dass Johannes Mittermeier auf mich zugekommen ist und mir den Vorschlag unterbreitet hat.“

Wohlfühlpflege für Tomaten

Die Friseurinnen und Friseure werden in den nächsten Wochen (solange die Friseursalons geschlossen bleiben müssen) täglich bei der Ernte helfen: Tomaten von den Sträuchern schneiden, außerdem Blätter schneiden und Zweige stutzen. Die komplette Wohlfühlpflege – ausnahmsweise in diesen Zeiten nicht für den Kopf, sondern für Tomatenstauden. Egal. „Das macht total Spaß“, sagt Slavenka Vidovic. Und: „Wenn ich künftig beim Einkaufen bin, kenne ich den Lebensweg einer Tomate bis ins Regal. Vor dieser Arbeit habe ich jetzt Respekt.“

Was in der Gärtnerei Böck alles angebaut wird, lesen Sie hier. 

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