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Polizeihauptmeisterin Christine Fritsch ist seit zehn Jahren in der Ermittlungsgruppe „Häusliche Gewalt“ der Polizeiinspektion Poing. 

Häusliche Gewalt

In die Lage des Opfers versetzen

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Christine Fritsch ist seit zehn Jahren in der Ermittlungsgruppe „Häusliche Gewalt“ der Polizeiinspektion Poing. Immer wieder hat sie es mit Wiederholungstätern zu tun.

Poing – Ja, häusliche Gewalt kommt in allen Gesellschaftsschichten vor, unabhängig von Nationalität und Berufsstand. Ja, es gibt Fälle, bei denen Frauen, die von ihrem Partner geschlagen oder missbraucht worden sind, die Anzeige später wieder zurückziehen. Weil sie an das Gute glauben und er versprochen hat, dass es nicht mehr vorkommt. Bis die Frau beim nächsten Mal erneut die Polizei alarmiert. So erzählt es Polizeihauptmeisterin Christine Fritsch.

Polizei Poing: Zwei Frauen im Ermittlungsteam

Bei entsprechender Mitteilung fahren die Schichtbeamten der Polizei zum Ort des Geschehens, nehmen den Vorfall auf, leiten bei Bedarf Sofortmaßnahmen ein wie Kontaktverbot, Platzverweis oder kurzzeitige Festnahme des Täters, schreiben später einen Bericht und übergeben den Vorgang an die Sachbearbeitung „Häusliche Gewalt“ der Polizeiinspektion Poing. Das Team: Eva Geckisch (53, Polizeioberkommissarin) und Christine Fritsch. Die 45-Jährige bearbeitet seit gut zehn Jahren ausschließlich Fälle von häuslicher Gewalt. Per polizeilicher Definition handelt es sich hierbei um „Straftaten, die innerhalb ehelichen oder nichtehelichen Lebensgemeinschaften stattfinden“, erläutert sie.

In über 90 Prozent ist der Täter ein Mann

Insbesondere fallen darunter Nötigungs-, Bedrohungs- und Körperverletzungsdelikte – „auch, wenn sie sich nach einer Trennung ereignen, aber noch im direkten Bezug der früheren Lebensgemeinschaft stehen.“ Gewalttaten gegen Kinder werden von den beiden Polizeibeamtinnen ebenfalls bearbeitet. Die Aufgabe der Polizei, so Fritsch, sei es, ein Ermittlungsverfahren gegen den Täter einzuleiten. In über 90 Prozent der Fälle handelt es sich um den Mann.

Landkreis Ebersberg: 153 Fälle in 2018

Laut Poings Polizeichef Helmut Hintereder wurden im Jahr 2018 im Landkreis Ebersberg 153 Fälle von häuslicher Gewalt bei der Polizei gemeldet, 2017 waren es 157, 2016 betrug die Zahl 173. In jedem einzelnen Fall werden bei der Übergabe vom Schichtdienst an die Ermittlungsgruppe „Häusliche Gewalt“ Prognosezahlen angekreuzt, wie die Polizisten die Gefährdungsgefahr einschätzen. „Anhand dessen prüfen wir bei den Gesprächen mit dem Opfer und den Vernehmungen des Täters die Risikofaktoren“, erläutert Fritsch. Sollte es sich um einen Hochrisikofall handeln, werde er an das Polizeipräsidium weitergeleitet. Beispielsweise, wenn ein Mord angedroht wird. Dann werde besprochen und entschieden, ob und welche Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Opfers erforderlich sind, zum Beispiel Zeugenschutz, elektronische Fußfessel.

„Meistens stimmt‘s in den Beziehungen nicht“

„In den meisten Fällen von häuslicher Gewalt sind keine fremden Partner im Spiel und der Grund für Übergriffe, sondern meistens stimmt’s in der Beziehung nicht“, berichtet Christine Fritsch von ihren Erfahrungen. Bei den Gesprächen versuche sie sich in die Lage des Opfers zu versetzen, „ich habe eine gewisse Empathie“, sagt sie über sich. Deshalb, und weil sie das Thema „Häusliche Gewalt“ generell interessant fand, habe sie sich vor zehn Jahren entschieden, die Sachbearbeitung zu übernehmen. Auch wenn es manchmal nicht leicht falle: „Ich versuche, den Job nicht mit nach Hause zu nehmen.“ Selbst dann, wenn eine Frau wiederholt geschlagen wird, Anzeige erstattet und diese dann wieder zurückzieht.

Manchmal bleibt Kontakt bestehen

Nichtsdestotrotz bleibt mit manchen der Kontakt bestehen. Fritsch selbst ruft während der Dienstzeit ab und zu bei Opfern an und erkundigt sich, wie es geht und ob sich die Situation geändert bzw. verbessert hat. Und sie überwacht, ob der Täter die Anordnungen, die gegen ihn verhängt worden sind, einhält. Die beiden Sachbearbeiterinnen der Polizeiinspektion Poing sind auch mit Wiederholungsfällen befasst. „Das schafft bei den Opfern Vertrauen und dem Täter wird bewusst, dass ihn die Polizei kennt“, sagt Christine Fritsch. Für Ehe- oder anderweitige Beratungen sind sie und ihre Kollegin Eva Geckisch allerdings nicht zuständig.

Hilfe beim Frauennotruf

Von Gewalt jeglicher Art betroffene Frauen und Mädchen bekommen anonym und kostenlos Beratung und Hilfe beim Frauennotruf Ebersberg, unter Telefon (08092) 88110; per E-Mail:
info@frauennotruf-ebe.de; www.frauennotruf-ebersberg.de.

Lesen Sie auch: Ein Jahr Sicherheitswacht in Poing - die Bilanz.

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