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Karin Seyfert, Mutter von drei schulpflichtigen Kindern, zieht Bilanz zu drei Monaten Homeschooling.

Offener Brief

Mutter zu Homeschooling: „Bildung höchstes Gut? Von wegen!“

  • Armin Rösl
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Nach drei Monaten Homeschooling zieht eine Mutter von drei Schulkindern Bilanz: „Die vergangenen drei Monate waren verlorene Lebenszeit, Bildungschancen sind unwiederbringlich verloren.“

Poing – Karin Seyfert aus Poing geht es nicht darum, einzelnen Schulen oder Lehrerinnen und Lehrern Vorwürfe zu machen in Bezug auf deren Wirken bzw. Nicht-Wirken während der Corona-Krise. In Bezug auf Homeschooling. Die Mutter von drei schulpflichtigen Kindern will vielmehr generell auf ein Problem aufmerksam machen, das ihr nach drei Monaten Homeschooling aufgefallen ist: Immer, insbesondere in der Politik, sei die Rede davon, dass Bildung das höchste Gut ist. „Von wegen“, sagt Karin Seyfert.

Poing: Mutter zieht Bilanz

Die vergangenen drei Monate sowie das Fehlen von Konzepten für die Schulen, wie es weitergehen soll, erwecke bei ihr den Eindruck, dass Bildung nichts wert ist. „In den ganzen öffentlichen Diskussionen scheint mir, dass die Öffnung von Biergärten wichtiger ist als die Zukunft der Bildung“, so die 50-jährige Bilanzbuchhalterin. Sie und ihr Mann, beide berufstätig, haben drei Kinder: 17, 14 und 11 Jahre alt. Nach drei Wochen Homeschooling kann Karin Seyfert nicht nachvollziehen, warum Eltern nicht schon längst auf die Barrikaden gegangen sind, insbesondere wegen immer noch fehlender Konzepte für Schulen und in der Bildungspolitik. Die Strukturen müssten dringend verbessert werden, denn: „Gute Bildung ist wichtig.“ Davon sei in der Homeschooling-Zeit nicht all zu viel zu spüren gewesen. „Ich finde, es ist an der Zeit, auf die Problematiken im Bildungssystem einzugehen“, sagt sie. Klar sei es wichtig, dass die Politik in bzw. nach der Krise auch die Wirtschaft fördere. „Aber letztendlich sind es unsere Kinder, die die Schulden ausbaden müssen.“

Offener Brief einer Mutter aus Poing

Karin Seyfert hat einen offenen Brief an unsere Redaktion geschrieben, in dem sie ihre Erfahrungen der vergangenen drei Monate und ihre Eindrücke schildert – und am Ende die nüchterne Bilanz zieht: „Die vergangenen drei Monate waren verlorene Lebenszeit, Bildungschancen sind unwiederbringlich verloren.“

Der Wortlaut:
„Vor über drei Monaten wurde das Gymnasium, das unsere drei Kinder besuchen, wegen Corona geschlossen. Seitdem beobachte ich Tag für Tag, wie das so funktioniert mit demHomeschooling. Bei unserem Ältesten in der 11. Klasse, also ein Jahr vor demAbitur, bei unserer Tochter in der 8. Klasse mit drei Fremdsprachen, und unserem Jüngsten in der 5. Klasse.

Unsere Kinder haben für das Lernen zu Hause Voraussetzungen, von denen viele nur träumen können: jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, ausgestattet mit eigenem Laptop, jedes besitzt ein Handy mit eigenen Klassenchats. Lediglich den Drucker müssen sie sich teilen, aber immerhin besitzen wir einen. Ob Mebis, Homeworker oder E-Mail: dank guter Ausstattung sollten wir keine Probleme mit Homeschooling haben. Eigentlich.

Doch ganz so unkompliziert ist es leider nicht: unsere Tochter, 8. Klasse Gymnasium, letzter Jahrgang des so gefürchteten G8, hat seit drei Monaten keine Schule von innen gesehen. Zu Beginn fand sie es spannend, nicht mehr in die Schule zu müssen, Fahrzeit zu sparen und sich die Arbeitszeit einteilen zu können. Aus der Anfangseuphorie wurde Lethargie. Ihre Wochenarbeitsaufträge hat sie bereits am Mittwoch erledigt. Dann hat sie frei. Sie chillt. Sitzt stundenlang in ihrem Zimmer. An meinen freien Tagen wecke ich sie gegen 9.30 Uhr, versuche, für ein bisschen Struktur zu sorgen. Wenn ich arbeiten muss, weiß ich nicht, wann sie aufsteht. Manchmal kocht sie für die ganze Familie. Darüber freuen wir uns.

Dann sind zur Abwechslung Ferien. Wieder keine Schule. Unser Jüngster, 5. Klasse, geht inzwischen wenigstens jede zweite Woche in den Präsenzunterricht. Dazwischen bekommt er seine Aufgaben über das Schülerportal. Ebenso die Lösungen. Er macht die Aufgaben, die er machen muss. Dann korrigiert er seine Aufgaben selbst. Er bekommt kein Feedback von den Lehrerinnen und Lehrern. Kein Lob, kein Tadel, keine Verbesserungsvorschläge. Eventuell vorhandeneLücken werden so sicher nicht erkannt. Er sagt, er mache wenige Fehler, verstehe alles, habe keine Fragen, alles bestens. Freiwillige Aufgaben macht er selten. Wozu auch. Es gibt keine Schulaufgaben, keine Stegreifaufgaben, keine mündlichen Abfragen. Also wird nichts vertieft, nichts wiederholt.

Seit diesem Jahr lernt er Englisch, unsere Tochter das erste Jahr Italienisch. Sprachen, die man sprechen muss, um sie effektiv zu lernen. Anfangs konnte ich meine Kinder dazu motivieren, mir Texte und Vokabeln vorzulesen. Im Laufe der Wochen wurde das immer schwieriger. Ich gebe zu, dass es mir nicht gelang, meinen Vorsatz konsequent umzusetzen. Ich empfinde es als sehr anstrengend, die Kinder freiwillig zum Lernen anzuregen. Eigentlich ist es ja auch nicht meine Aufgabe, ich bin kein Ersatz für Lehrerinnen und Lehrer, tröste ich mich.

Unser Großer, ein Jahr vor dem Abitur, trifft sich ab und zu mit einem Freund zum Lernen, seitdem das wieder möglich ist. Er sagt, es sei frustrierend, immer alleine am Schreibtisch zu sitzen, der Austausch mit einem Klassenkameraden schaffe Abwechslung. Durch den wochenweisen Wechsel im Präsenzunterricht, unterbrochen durch erneuteteilweise Schulschließungen wegen der Abiturprüfungen, fehlen ihm Unterrichtsstunden, die andere Klassenkameraden wiederum hatten. Ob er sich um den entgangenen Stoff selbst kümmern muss, weiß er nicht.

In erster Linie hängt es vomFleiß, dem Organisationstalent und der technischen Versiertheit der Lehrer/-innen ab, wie gut das digitale Lernen gelingt. Manche Lehrkräfte geben sich große Mühe, den Stoff zu vermitteln, schalten Videokonferenzen mit der ganzen Klasse, erkundigen sich zwischendurch nach dem Befinden ihrer Schüler/-innen. Andere wiederum geben einfach Aufgaben mit Terminen, die weit in der Zukunft liegen, lassen wochenlang nichts von sich hören und kommentieren nie die von den Schülern eingereichten Arbeiten.

Ich hoffe sehr, dass ab Herbst tatsächlich endlich wieder regulärer Präsenzunterricht stattfinden wird. Die vergangenen drei Monate waren verlorene Lebenszeit, Bildungschancen sind unwiederbringlich verloren.“

Hier beschreibt eine andere Mutter ihren Alltag während des Corona-Homeschoolings. 

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