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...und das Blässhuhn schaut zu: Kerstin und Heiko Vossler trainieren im eiskalten Bergfeldsee für den „Tough Guy“-Lauf.

Training für den „Tough Guy“-Hindernislauf

Poings zähestes Ehepaar

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Poing - Kerstin und Heiko Vossler schwimmen derzeit freiwillig in Poings eiskaltem Badesee. Nicht nur das: Sie laufen hinein, danach wieder hinaus - und joggen weiter. Das Ehepaar trainiert für das härteste Rennen der Welt.

Außentemperatur: minus 6 Grad. Wassertemperatur: plus 4 Grad. Kerstin und Heiko Vossler laufen langsam durch den Schnee zum Ufer des Poinger Bergfeldsees. „Langsam atmen“, sagt Heiko zu seiner Frau. „Zehen bewegen, immer in Bewegung bleiben.“ Die beiden tragen Neopren-Schutzkleidung und tippeln mit kleinen Schritten ins Wasser, bis sie keinen Boden mehr unter den Füßen haben. „Ruhig atmen, ganz ruhig atmen“, wiederholt Heiko Vossler immer wieder. „Denk’ dran: Draußen ist es kälter als hier im Wasser.“ Von hinten schwimmt langsam ein Blässhuhn heran und beobachtet die beiden. „Was sind denn das für Verrückte?“ Ein Gedanke, den nicht nur der Vogel, sondern auch einige Spaziergänger haben dürften, die an diesem kalten Wintermittag gemütlich den See umrunden.

Kerstin und Heiko Vossler sind freilich nicht verrückt. Positiv verrückt, okay, das vielleicht schon. Das Ehepaar nimmt am selbsternannten härtesten und brutalsten Hindernislauf der Welt teil: dem „Tough Guy“ im britischen Wolverhampton. Das Rennen findet am 29. Januar statt – zum letzten Mal nach der Premiere in 1997. Die privaten Organisatoren hören nach 30 Jahren auf.

Rein ins Wasser...

Beim allerletzten Rennen wird Heiko Vossler (44, Beruf: Sachverständiger) zum dritten Mal am Start sein. Für Kerstin ist’s das erste Mal. „Es ist eine Herausforderung, klar. Aber es macht auch Spaß – und die Atmosphäre in Wolverhampton ist einzigartig.“ Zwei Mal hat sie ihren Mann begleitet und an der Strecke angefeuert, nun geht die 41-Jährige, die in einem Labor als Oberflächenbeschichterin arbeitet, selbst an den Start. „Mein Ziel ist es, durchzukommen“, sagt sie.

15 Kilometer ist die „Tough Guy“-Strecke lang. Vom Start bis ins Ziel müssen die Teilnehmer mehr als 200 Herausforderungen bestehen. Herzstück sind die sogenannten „Killing Fields“ (engl.: Schlachtfelder), auf denen die schwierigsten Hindernisse überwunden werden müssen (siehe unten).

...wieder hinaus und weiterlaufen.

Um sich darauf vorzubereiten, trainieren Kerstin und Heiko Vossler fast täglich und legen pro Woche etwa 70 Kilometer zurück. Sie laufen über schneebedeckte Felder und Wege, zwischendurch in den Badesee, schließlich müssen die Teilnehmer beim „Tough Guy“ auch durch Wasser und Matsch. Das alles bei Eiseskälte. „Die Kälte“, sagt Heiko Vossler, „ist das Schlimmste. Vor allem, wenn du in nassen Klamotten vor einem Hindernis minutenlang stehst und warten musst, bis die Läufer vor Dir weg sind.“ Sein Rennziel: Ein Platz unter den ersten 300.

Am „Tough Guy“, der den Beinamen „Die Mutter aller Hindernisläufe“ trägt, nehmen jedes Jahr mehrere Tausend Menschen aus aller Welt teil. Die Höchstzahl ist auf 7000 begrenzt. Das Ziel erreichen nicht alle – jährlich muss ungefähr ein Drittel während des Rennens aufgeben und aussteigen. Die ersten und besten Läufer kommen nach gut eineinhalb Stunden ins Ziel. Die Zeit aber ist für Kerstin und Heiko Vossler zweitrangig, viel wichtiger ist: durchhalten.

„Beweg’ Deine Zehen“, fordert Heiko seine Frau auf, als sie nach ein paar Minuten das kalte Seewasser verlassen und weiterlaufen. „Das Schlimmste ist die Nässe und die Kälte an den Zehen“, sagt Kerstin Vossler. Ob sie denn in den Sekunden, bevor sie bei Minustemperaturen ins Wasser läuft, mal darüber nachdenke, ob sie denn nicht verrückt sei? „Nein, ich konzentriere mich nur auf meine Atmung“, antwortet sie nach dem Training.

Das ist der „Tough Guy“, die „Mutter aller Hindernisläufe“

15 Kilometer, über 200 Herausforderungen 150 Hektar ist das Grundstück groß, auf dem seit 1997 der „Tough Guy“ (engl.: zäher, harter Kerl) durchgeführt wird. Die Strecke ist 15 Kilometer lang, am Ende geht es über die sogenannten „Killing Fields“. Dort gilt es, die schwierigsten Hindernisse des Laufes zu überwinden. Insgesamt sind es über 200 Herausforderungen, denen sich die Teilnehmer auf der Strecke stellen müssen. Beispiele: durch tiefen Matsch robben, unter Stacheldrahtzaun und durch enge Röhren kriechen, in eiskaltem Wasser durch Hindernisse tauchen, klettern und abseilen, unter Elektrozäune durchkriechen und über brennende Heuballen laufen. Die Außentemperatur liegt stets um die Null-Grad-Grenze. Entworfen hat das Rennen Billy Wilson, der früher Trainingscamps für die königlichen Grenadier Guards konzipierte, die zu den fünf Leibregimentern der britischen Königin gehören.

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