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René Dorfmann ist Polizist aus Leidenschaft: Er weiß, dass sein Job gefährlich sein kann. „Angriffe auf Polizisten werden mehr“, sagt er. 

Riskanter Alltag eines Polizisten

René Dorfmann riskiert jeden Tag sein Leben

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Bayern rüstet auf. In den kommenden Jahren sollen mehr Polizisten eingestellt werden, Amoklagen oder Terror seien präsent. Wir haben René Dorfmann, Hauptkommissar der Polizei in Poing begleitet. 

Poing – Als René Dorfmann mit seinen Kollegen am 22. Juli 2016 mit dem Auto von Poing nach München rast, weiß er: Dort sterben Menschen. Ganz Deutschland hält an diesem Freitagabend den Atem an. Es ist der Abend, an dem David S. am und im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) neun Menschen mit einer Pistole erschießt. Weitere werden verletzt, nicht zuletzt durch die in der Stadt ausgebrochene Panik. Menschen verbarrikadieren sich. Es wird Nacht.

René Dorfmann sitzt im Streifenwagen, in wenigen Minuten wird er da sein, am OEZ, er hat ein ungutes Gefühl. Der Hauptkommissar der Polizei Poing telefoniert mit seiner Frau. Er müsse da hin, habe er gesagt. In der Stadt würden Menschen getötet. Ein Amoklauf? Ein gezielter Anschlag? Ein Terrorakt? Niemand weiß, was wirklich los ist. Die Medienlage eskaliert. „Ja, ich hatte auch Angst“, sagt Dorfmann. Er habe sich von seiner Frau verabschiedet, das Handy über Stunden aus. Um 4.30 Uhr kommt er nach Hause, am Leben, unverletzt, David. S., der Amokschütze, ist tot. Deutschland in Schockstarre. René Dorfmann, 52, Dienstgruppenleiter und leidenschaftlicher Polizist, wie er sagt. München sei eine Grenzerfahrung gewesen, etwas, das mit seinem Polizeialltag nichts zu tun habe. Aber: „So etwas kann passieren.“ Im Hinterkopf hätten die Beamten in Poing so etwas. 

Und natürlich müssten er und seine Kollegen handeln, noch bevor Spezialeinheiten eintreffen. Seine Haare hat Dorfmann kurz rasiert, eigentlich lacht er gerne, bei dem Thema wird er ernst. Bei einem Amoklauf an einer Schule würde ich hineingehen, sagt er. Dorfmann würde handeln.

Auf einen Menschen zu schießen...

So wie im Mai 2016, als Paul H. mit einem Messer wahllos im Wahn in Grafing-Bahnhof auf Menschen einsticht, ein 56-Jähriger stirbt. Dorfmann rückt mit Kollegen aus Poing an, er leitet den Einsatz. Dorfmann und seine Kollegen müssen schießen, wenn sie müssen. Dafür werden sie ausgebildet. Auf der Polizeiinspektion Poing arbeiten knapp 50 Beamte; 65 ist eigentlich das Soll, aber es fehle schlichtweg an Personal, es sollen aber mehr werden.

Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier: „Danke für den Deal!“

Dorfmann musste bereits auf einen Menschen schießen. In seiner Zeit, als er in München stationiert war. Ein Einbrecher eröffnete unvermittelt das Feuer mit einer Pistole auf Dorfmann. Dorfmann zog seine Dienstwaffe, eine Walther P7, und feuerte auf den Schützen. Er verletzte ihn am Bein, Kollegen kamen und nahmen ihn fest. Es präge, sagt Dorfmann, auf einen Menschen zu schießen. Nach dem Schuss musst du viel reden.

Alltag heißt für einen Schutzpolizisten, wie Dorfmann, ein Allrounder sein zu müssen – nicht nur zu schießen, wenn es nötig ist. 365 Tage, 24 Stunden gibt es Schichten, in denen die Beamten von der einfachen Anzeige auf der Inspektion, über Verkehrsunfälle bis hin zu Körperverletzungen draußen alles Mögliche erleben. Sie sind die Ersten, die gerufen werden, wenn es einen tödlichen Unfall gibt, sie sind es, die für Schutz bei großen Festen sorgen, und bei zu wilden privaten Partys für Ruhe sorgen.

Gewalt gegen Polizisten steigt

Dass die Lage gefährlicher werde, auch im Landkreis Ebersberg, kann Dorfmann aus seiner Erfahrung bestätigen. Die Nähe zu München, Amokläufe, Terrorgefahr, immer mehr Menschen, die nach Oberbayern ziehen; das Schutzbedürfnis steige, die Einsätze werden mehr, sagt er. Andere Kollegen würden es weniger drastisch formulieren – einig sind sich aber fast alle, dass sich etwas in der Gesellschaft verändert. Gewalt gegen Polizisten steige.

Auch die Ausrüstung ändert sich. Schutzwesten tragen viele der Beamten ständig, sogar auf dem Revier. Man wisse nie. Die Fenster der Inspektion sind kugelsicher, wer rein möchte, muss durch eine Schleuse, wird erst per Videokamera gemustert. In den Fahrzeugen haben die Polizisten Maschinenpistolen und zusätzliche etwa 20 Kilogramm schwere Schutzwesten, die einem Beschuss automatischer Waffen standhielten.

Die Gefahr, in einem einfachen Einsatz verletzt zu werden, sei präsent. Es könne immer sein, dass jemand im Wahn, weil er betrunken ist, auf die Beamten losgehe. Mit einer Bierflasche, einem Messer. Wie sehr es auf jedes Detail ankommt, zeigt sich bei einem Routine-Einsatz von René Dorfmann und seinem Kollegen. Sie werden nach Markt Schwaben gerufen, in ein Arbeiter-Wohnheim. Ein Bewohner weigere sich, ein Zimmer zu verlassen, er zahle keine Miete, bedrohe die Hausverwalterin. Das Wohnheim ist ausgebucht, verschiedene Nationalitäten, auf den Gängen stehen Mülleimer, es riecht nach Essen, Kinder plärren. Dorfmann steht vor der Tür des Mannes, der gehen soll. Seine schwarzen Handschuhe hat er angezogen, seine Pistole hat er kontrolliert. Er klopft: „Polizei, bitte öffnen Sie die Tür.“ Ein Mann, Mitte dreißig, öffnet, fragt in gebrochenem Deutsch, was los sei. Dorfmann erzählt, was los ist, langsam tritt er in den Raum, sein Kollege hinter ihm. 

„Wir sind alle Menschen“

Ein Messer, das auf einer Ablage liegt, schiebt Dorfmann unter die Mikrowelle, die dort steht. Ob der Mann aggressiv wird, können die Polizisten nicht ausschließen. Selbstschutz. Die Hand hat Dorfmann am Gürtel, nicht weit weg von seiner Waffe weg. Es wird geredet, diskutiert. Es geht um Geld, darum, dass der Mann nicht zahlen kann, er habe keine Arbeit, werde obdachlos. Dorfmann erklärt mehrmals, dass es falsch sei, was er mache, dass er das Zimmer verlassen müsse, es sei gekündigt worden, andernfalls komme die Tage der Gerichtsvollzieher. Der Mann verspricht, am nächsten Tag zu gehen.

„Wir sind alle Menschen“, wird Dorfmann später sagen. Er und seine Kollegen wollen niemanden Unrecht tun, wie ihnen auch mal unterstellt werde. „Wir sind dazu da, dass es unserer Gesellschaft gut geht.“ Schwarze Schafe gebe es freilich. So sei das. In Poing laufe alles gut. Der Einsatz dauert eine Stunde, es ist kurz nach 19 Uhr. Vor über 30 Minuten hatte Dorfmann Feierabend. Überstunden – ein täglicher Deal, an den sich auch die Familie Dorfmanns, seine Frau und Kinder, gewönnen musste. Das Wichtigste sei aber, dass er gesund nach Hause komme, auch an diesem Tag. „Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, verabschiede ich mich anders als andere“, sagt Dorfmann. Ich versuche, alles geklärt zu haben, nicht im Streit zu gehen. Dorfmann weiß, dass draußen Menschen sterben können.

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