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Nachbetrachtungen am Computer: Berfin Sahin und Prof. Rüdiger Lange.

Junge Herzpatientin aus Poing

Tapfere Kämpferin

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Die elfjährige Poingerin Berfin Sahin leidet an einer seltenen Herzkrankheit, der Ebstein-Anomalie. Im Deutschen Herzzentrum konnte ihr geholfen werden, die entscheidende Operation dauerte acht Stunden. Jetzt macht die junge, tapfere Poingerin Schritt für Schritt in ein neues Leben.

Poing – München wird zur Hauptstadt der Hoffnung für schwerkranke Kinder und ihre Familien: Im Deutschen Herzzentrum ist jetzt ein bundesweites Spezialzentrum für Patienten eröffnet worden, die an einer Ebstein-Anomalie leiden. Bei diesem seltenen angeborenen Herzfehler ist die Klappe der rechten Herzkammer (Fachbegriff: Trikuspidalklappe) missgebildet. Je nach Schweregrad drohen oft bereits im Säuglings- und Kindesalter dramatische Folgen – von Herzschwäche mit Luftnot, Müdigkeit, Ödemen und Leberschäden über Herzrhythmusstörungen bis hin zum plötzlichen Herztod. „In solchen besonders schweren Fällen ist eine Operation leider unumgänglich“, weiß Professor Dr. Rüdiger Lange. Er ist einer von wenigen Herzchirurgen, die den komplizierten Eingriff beherrschen. Für seine meist sehr jungen Patienten bietet die OP die Chance auf ein neues Leben. So wie für die elfjährige Berfin Sahin aus Poing.

Sie ist der lebenslustige Beweis dafür, wie sehr sich der Mut zur Operation lohnen kann: Berfin ist zwar erst im Juli operiert worden, kann aber schon wieder fast alles machen, was andere Kinder in ihrem Alter auch tun. „Vor der OP war ich immer schlapp und müde, ich konnte nicht rennen, das Atmen ist mir so schwer gefallen“, erzählt sie. „Jetzt fühle ich mich viel besser. Bald darf ich sogar wieder Sport machen.“

Die elfjährige Poingerin ist eine unglaubliche Kämpferin. Bereits vor der schweren, in ihrem Fall achtstündigen Operation hat sie viel durchgemacht. Erst Probleme in der Familie, dann die nervenaufreibende Vorbereitung auf den Eingriff. „Ich wusste ja: Es kann sein, dass ich nicht mehr aufwache. Das hat mir schon Angst gemacht. Aber ich habe versucht, nicht daran zu denken.“

Als Berfin auf der Intensivstation wieder zu sich kam, konnte sie sich vor Schmerzen zunächst kaum bewegen. „Trotzdem war ich einfach nur froh, dass alles vorbei ist.“ Ihr einziger Wunsch: „Ich hatte so großen Durst und wollte unbedingt etwas Saures und Sprudelndes zu trinken haben.“ Überhaupt weiß Berfin solche vermeintlich kleinen Dinge zu schätzen. Nach ihrer Entlassung aus dem Herzzentrum hatte sie daheim „einfach nur Lust auf ein Spiegelei“.

Inzwischen geht die Elfjährige längst wieder zur Schule und freut sich auf die nächsten Sommerferien. „Dann darf ich in die Türkei fahren, Oma und Opa besuchen, das ging ja dieses Jahr wegen meiner OP leider nicht“, erzählt sie. Und weitere Zukunftspläne hat sie auch schon geschmiedet: Früher wollte sie immer Rechtsanwältin werden, jetzt vielleicht doch lieber Ärztin. „Am besten Herzchirurgin, um anderen Kindern das Leben zu retten. So wie der Herr Lange.“

„Die sogenannten Cone-Operationen gehören zu den schwierigsten, die ich in meiner Laufbahn gemacht habe“, berichtet der erfahrene Herzchirurg Prof. Rüdiger Lange. Die OP-Bezeichnung hat folgenden Hintergrund: Cone bedeutet aus dem Englischen übersetzt so viel wie Eistüte oder Trichter. „Bei der Cone-OP muss man die missgebildeten Segel der Trikuspidalklappe zerschneiden und aus den einzelnen Teilen eine trichterförmige Ersatzklappe formen. Dazu braucht man ein gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen.“

Die extrem schwierige Technik hat Lange bei einem brasilianischen Spezialisten erlernt und weiterentwickelt. Mehrfach war er – gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Stellvertreter Prof. Dr. Christian Schreiber – nach Sao Paolo gereist, um dort an der Seite von Prof. Dr. Juan Pedro Da Silva zu operieren. Er gilt als Pionier dieser Cone-Technik bei Ebstein-Anomalie. Inzwischen sind damit im Deutschen Herzzentrum München bereits über 40 Kinder erfolgreich operiert worden.

Für Laien mag diese Zahl recht klein klingen. Tatsächlich ist sie aber beachtlich groß vor dem Hintergrund, wie selten dieser Herzfehler auftritt. Nur etwa jeder 200 000ste Mensch kommt mit einer Ebstein-Anomalie auf die Welt. „Eine Diagnose der Erkrankung ist bereits im Mutterleib möglich. Sie wird mithilfe einer pränatalen Ultraschalluntersuchung gestellt“, erläutert Prof. Dr. Peter Ewert, der Chef der Kinderkardiologie im Herzzentrum.

Sein Team gilt als sehr erfahren in der Diagnostik und Behandlung des Herzfehlers – ein Plus, das den Patienten im neuen bundesweiten Spezialzentrum zugutekommen soll. „Gerade bei seltenen Erkrankung geht es darum, Wissen zu bündeln. So haben die Patienten die besten Behandlungschancen“, betonen die Klinikdirektoren Ewert und Lange.

In der Medizin-Hauptstadt München ist dieser Schritt jetzt einmal mehr gelungen – auch dank der finanziellen Unterstützung der Werner-Reichenberger-Stiftung, einer der größten gemeinnützigen Stiftungen Bayerns. Umso mehr freuen sich die Münchner Herzspezialisten, dass sie Kindern wie Berfin Sahin aus Poing eine Zukunft geben können.

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