Eine Frau und ein Mann sitzen in einem leeren Gastraum.
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Nie mehr Publikum, nie mehr Konzerte: Diana Terlicher und Wirt Andreas Otten machen das Bistro und die Kulturbühne „Zum Andal“ zu.

Schließung

Wegen Corona: Poings einzige Kulturbühne schließt - „Wir können nicht mehr“

  • Armin Rösl
    vonArmin Rösl
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Aus und vorbei: Das Bistro „Zum Andal“ inklusive Kulturbühne schließt Ende November für immer. Der zweite Corona-Lockdown ist der Todesstoß.

  • Acht Jahre war das Bistro „Café-Station“ bzw. „Zum Andal“ Poings erste und einzige Kulturbühne.
  • Der zweite Corona-Lockdown hat Wirt Andreas Otten und seine Frau Diana Terlicher zur Schließung bewogen.
  • Die Bühne war für viele Kleinkünstler und Musiker wie ein Wohnzimmer.

Der Kleinkunst eine Bühne geben, Menschen zusammenbringen, aus Poing-Süd und Poing-Nord, Musik- und Kabarettveranstaltungen, Stammtische, Aktionen wie Kartenspielturniere, Faschingspartys, die Möglichkeit, sich ein Tattoo stechen zu lassen: Das alles und mehr war das Poinger Bistro „Zum Andal“ (besonders bekannt unter dem ersten Namen „Café-Station“). Acht Jahre nach der Eröffnung, acht Jahre voll leidenschaftlicher, manchmal nervenaufreibender Arbeit, sitzen Wirt Andreas Otten und seine Frau Diana Terlicher an einem Tisch im leeren Bistro und sagen: „Wir können nicht mehr.“ Der zweite Lockdown, bei dem alle Gastronomie- und Kulturbetriebe schließen müssen, hat ihnen die letzte Kraft geraubt. Das „Zum Andal“ macht Ende November offiziell zu, für immer. Wegen des Lockdowns ist schon jetzt kein Betrieb mehr in dem Gebäude an der Hauptstraße 11.

Für den November waren wir voll ausgebucht.

Wirt Andreas Otten

„Für den November waren wir voll ausgebucht“, erzählt Andreas Otten. Mehrere Kulturveranstaltungen und Konzerte waren im Nebenraum, der als Kleinkunstbühne diente, geplant, einige schon ausverkauft. Der Dezember hätte unter normalen Umständen, wie jedes Jahr, zahlreiche Weihnachtsfeiern im Bistro bzw. im Nebenraum bedeutet. Nichts. Keine Reservierungen. Wie auch. Die Corona-Pandemie und die weitreichenden Gegenmaßnahmen und Verbote haben es für Diana Terlicher und Andreas Otten unmöglich gemacht, ihre kleine, feine Oase in Poing aufrecht zu erhalten.

Mit seinen „Open Stage“-Veranstaltungen gab Wirt Andreas Otten (re.) Nachwuchsmusikern eine Bühne. Er selbst sang ebenfalls. (Archivbild)

Schon kurze Zeit nach der Eröffnung hatte sich die „Café-Station“ (so der erste Name bis vor gut einem Jahr) schnell zum Treffpunkt gemausert. Insbesondere für Künstler aus Poing und Umgebung. Andreas Otten hat die ehemalige Backstube, die sich im hinteren Teil des Gebäudes befand, zu einem Veranstaltungsort umfunktioniert. Mit der Reihe „Open Stage“ (Offene Bühne“) gab er Musikern die Möglichkeit, aufzutreten. Für viele war es das erste Mal, es folgten weitere „Open Stage“-Veranstaltungen, später dann im umgebauten Nebenraum. Poings erste und einzige Kulturbühne. Anfangs fragte Otten bei Musikern, Kabarettisten und Bands nach, ob sie bei ihm auftreten wollen. Mit der Zeit kamen die Künstlerinnen und Künstler von selbst, fragten an, ob sie bei ihm auftreten dürften. Das heimelige Ambiente, das stets aufmerksame und mitgehende Publikum, die immer tolle Atmosphäre hatten sich in der Kleinkunstszene herumgesprochen.

Klein und fein war der Nebenraum als Kulturbühne. (Archivbild)

„Von Kleinkunst allein kannst du nicht leben“, sagt Andreas Otten. Das Bistro lief freilich weiter, hier hatten Stammtische ihren festen Platz, für die Sommermonate errichtete Otten einen kleinen Biergarten. Durch den ersten Corona-Lockdown seien sie gut durchgekommen, erzählen er und seine Frau Diana Terlicher. Dank der großen Unterstützung von vielen Gästen, von denen einigen zu Freunden geworden sind. Das Essensangebot zum Mitnehmen sei gut angenommen worden.

Poing: Einzige Kulturbühne verschwindet

Doch jetzt das Ganze erneut durchzustehen, ohne zu wissen, wie es nach dem Lockdown weitergeht? Hierfür haben sie keine Kraft mehr, sagen die beiden. Die sei in den vergangenen Wochen schon mehr und mehr ausgegangen. Andreas Otten und Diana Terlicher nennen Beispiele: Hygienekonzept umgesetzt, hierfür Investitionen getätigt, doch alle Vorgaben tatsächlich umzusetzen – wie soll das gehen, fragen sie. Die Türklinke jedes Mal, nachdem sie benutzt worden ist, desinfizieren. Gäste ermahnen, doch bitte die Mund-Nasen-Maske aufzusetzen. Das zusätzlich zur normalen Arbeit, das sei zermürbend. „Dafür müsste man eigentlich extra jemanden einstellen“, sagen Terlicher und Otten, der hauptberuflich seit Kurzem beim MVZ-Labor in Poing arbeitet.

Stammgäste: das Punk-Akustik-Duo Shots. (Archivbild)

Als vor einer Woche das letzte Konzert mit Live-Publikum stattfand, als Musikerinnen und Musiker wie Raffael Scherer, Ludwig Stadler (als Duo „Shots“) und Thomas Steinbrunner das letzte Mal spielten und sangen, konnte Andreas Otten seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Jene Musiker (darunter auch das Jonas-Frank-Trio und Ein-Mann-Band Thomas Schuh) hatten während des ersten Lockdowns Benefizkonzerte via Live-Stream gespielt und Spenden für den Erhalt der Kleinkunstbühne gesammelt. Sie alle waren zu einer Poinger Kleinkunstfamilie geworden. Für sie und viele andere ist das Lokal zum Wohnzimmer geworden.

Poing: Letztmals Konzerte via Live-Stream

„Es waren unglaublich schöne und intensive acht Jahre, für die wir sehr dankbar sind“, sagen Diana Terlicher und Andreas Otten. Bis zum endgültigen, offiziellen Ende werden nochmals Konzerte via Live-Stream stattfinden. Konzerte, die vor Publikum geplant und ausverkauft waren. Konzerte mit Musikern, die schon bei den ersten „Open-Stage“-Veranstaltungen in der alten Backstube dabei waren. „Ohne Andi wären wir nicht die Musiker, die wir heute sind“, sagte Thomas Steinbrunner im Juni stellvertretend nach der Benefizaktion während des ersten Lockdowns.

Das Akustik-Punk Duo Shots spielt noch zwei Konzerte auf der Bühne von „Zum Andal“, die via Live-Stream im Internet übertragen werden. Am Samstag, 7. November, und am Freitag, 13. November; jeweils ab 19 Uhr. Zu sehen und hören auf den Facebook-Seiten von Shots und „Zum Andal“ sowie auf dem Youtube-Kanal von Shots.

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