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Katharina Stöckl (66) ist sauer auf die Leitstelle.

Poingerin wählte den Notruf

„Ich hatte Angst, dass er stirbt“

Katharina Stöckl (66) wählt die 112, weil ihr Mann keine Luft bekommt. Sie wirft nun der Rettungsleitstelle in Erding vor, keine Hilfe bekommen zu haben. Die dementiert und schildert den Fall ganz anders. 

Poing – Als Katharina Stöckl (66) morgens aufwacht, bekommt sie einen gewaltigen Schock. Ihr Mann Ludwig (75) neben ihr im Bett kriegt kaum Luft. Sein Gesicht ist blass, seine Augen sind gläsern. „Ich hatte Angst, dass er stirbt“, sagt die Poingerin.

Um 6.53 Uhr an einem Montag Anfang März wählt sie den Notruf. Ein Mann habe abgenommen, dem Stöckl, geschildert habe, dass ihr Mann eine akute Lungenentzündung gehabt habe, schwer herzkrank sei, einen Herzschrittmacher mit Defibrillator trage und eben Atemnot habe.

Die Antwort, die Stöckl am anderen Ende der Leitung bekommen habe, habe sie „völlig perplex“ gemacht und „schockiert“: Ihr solle, wie sie unserer Zeitung sagt, mitgeteilt worden sein, ein Rettungsdienst würde erst kommen, wenn ihr Mann „blau“ sei. Sie solle zum Hausarzt gehen. Die Praxen würden um acht Uhr aufmachen, der Hausarzt solle sich darum kümmern, in welches Krankenhaus ihr Mann könne. Katharina Stöckl sagt, Hilfe hätte sie am Telefon nicht zugesagt bekommen, ein Rettungsdienst sei nicht losgeschickt worden. „Mir wurde ganz anders“, erzählt die 66-Jährige.

Die Ebersberger Klinik ist überfüllt, also muss ein Platz in Erding her

Wer die 112 bei einem Notfall im Kreis Ebersberg wählt, kommt bei der Rettungsleitstelle in Erding heraus. Gegen die richten sich nun Vorwürfe einer Frau aus Poing. Sie ist schockiert davon, wie sie behandelt wurde.

Katharina Stöckl macht sich um 7.30 Uhr auf den Weg zum Hausarzt ihres Mannes in Poing. Ihren Mann lässt sie zu Hause zurück. „Ich hatte Angst, dass er währenddessen zusammenbricht“, sagt sie. Der Hausarzt organisiert einen Platz für Ludwig Stöckl im Erdinger Klinikum, da die Ebersberger Kreisklinik überlastet sei. Katharina Stöckl fährt ihren Mann mit dem Auto nach Erding. „Ich habe versucht, mich zusammenzureißen. Ich hatte Angst, dass mein Mann im Auto erstickt.“

Die Fahrt dauert eine halbe Stunde. Ludwig Stöckl ist ruhig. Er habe sich auf das Atmen konzentrieren müssen. Im Klinikum Erding erhält der Rentner Sauerstoff. Er muss eine Woche stationär behandelt werden. Für Katharina Stöckl ist die Geschichte nicht zu Ende. Sie möchte sich nicht bieten lassen, wie sie am Telefon behandelt wurde. Sie hat in der Rettungsleitstelle in Erding nach dem Anrufprotokoll gefragt, um den Namen des Disponenten, mit dem sie gesprochen hat, zu erfahren. Bekommen habe sie nichts.

Unterlassende Hilfeleistung?

Eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung will sie nicht ausschließen. „Ich habe mich immer wieder gefragt, was passiert wäre, wenn mein Mann auf der Fahrt gestorben wäre“, sagt sie. Es könne doch nicht sein, dass man bei einem Notfall so behandelt werde. Gerhard Erdmann, Rechtsanwalt aus Ebersberg, sieht, sollte das Gespräch so abgelaufen sein, wie es Katharina Stöckl schildert, rechtliche Schritte als absolut angemessen an. Ein solches Verhalten gegenüber der Frau gehe nicht. Der Anwalt sehe es als gerechtfertigt an, zu prüfen, ob unterlassene Hilfeleistung vorliege. Das Landratsamt Erding als Betreiber der Rettungsleitstelle erklärt auf Anfrage, dass sich der Fall anders zugetragen habe. Claudia Fiebrandt-Kirmeyer, Sprecherin des Landratsamtes, sagt, dass man die Frau nicht abgewiesen habe. „Jeder, der Hilfe braucht, bekommt Hilfe bei der 112.“

Das Landratsamt Erding dementiert und schildert den Fall anders

Vielmehr sei mit der Anruferin besprochen worden, dass „sie sich umgehend mit dem Hausarzt in Verbindung setzen solle“. Der solle entscheiden, ob er in ein Krankenhaus müsse. Sollte das der Fall sein oder sich die Lage des Mannes verschlimmern, könne sie jederzeit erneut die 112 anrufen, habe es geheißen. Dass der Mitarbeiter gesagt hätte, dass erst jemand komme, wenn der Mann „blau“ sei, „können wir so nicht bestätigen. Das stimmt nicht“, sagt die Sprecherin des Landratsamts. Man habe das Telefonat von Stöckl, das protokolliert wurde, geprüft. Einsicht in das Protokoll sei „aus rechtlichen Gründen“ nicht möglich, sagt Fiebrandt-Kirmeyer auf Anfrage unserer Redaktion.

Die Sprecherin kündigt an, sollte Katharina Stöckl rechtliche Schritte erwägen, „würden wir uns entschieden dagegen wehren“. Stöckl bleibt bei ihrer Darstellung. Dass ihr Mann erst „blau“ werden müsse, sei so gesagt worden, wiederholt sie mehrmals. Das würde sie „beschwören“.

Von Christoph Hollender und Julia Roll

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