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Am E-Piano: Peter Bachmann hat sich zurück gekämpft.

Mit starkem Willen und viel Disziplin

Der Mutmacher

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Vaterstetten Peter Bachmann (79) spielt  mit  Parkinsonerkrankung und nach Schlaganfall wieder Klavier und lernt Russisch

Die Hände fliegen über die Tasten, die Läufe kommen exakt. Peter Bachmann sitzt voll konzentriert am E-Piano, so wie er früher am Klavier saß. Im Februar wird Bachmann 80 Jahre alt. Seit 2001 leidet er an Parkinson, 2007 traf ihn ein Schlaganfall. Seine Schwester Gabriele Brückner fand ihn damals erst am nächsten Morgen in der Wohnung. „Er war nicht ans Telefon gegangen“, berichtet sie.

Die nächsten Stationen für Bachmann waren die Kreisklinik Ebersberg, fünf Monate Reha in Bad Aibling, nochmals vier Wochen Krankenhaus. Dann der GSD-Seniorenwohnpark in Vaterstetten. „Mein „Bruder konnte sich nur mit Hilfe im Bett aufsetzen“, erinnert sich Brückner. Doch Bachmann kämpfte sich zurück, mit starkem Willen und viel Disziplin. Dass es Sinn hat, das will er anderen zeigen, er will Mut machen.

Bachmann war Professor für Arabistik in Göttingen, ein umfassend gebildeter Mann, sprach mehrere Sprachen. Mit der Parkinsonerkrankung kamen Depressionen. „Das war schlimm“, erzählt er heute. 2006 zog er in die Nähe seiner Schwester nach Vaterstetten. Dann der Schlaganfall. „Ich spürte meine linke Seite nicht mehr. Wenn ich etwas greifen wollte, griff ich ins Leere. Auch der Kopf funktionierte nicht richtig. Vieles war wie ausgeblendet.“

Aber in Bachmann erwachte der Kampfgeist. Mit Unterstützung und viel Eigeninitiative wurde es langsam besser. „Es war ein tolles Gefühl, als ich einen Finger der linken Hand wieder bewegen konnte.“ Bachmann erinnerte sich an seine alten Fähigkeiten, baute darauf auf, trainierte sein Gehirn. Im GSD-Seniorenwohnpark  gibt es Personal aus unterschiedlichen Ländern. Der ehemalige Professor nutzt die Gelegenheiten. „Mit der Logopädin spreche ich Englisch, mit der Physiotherapeutin Französisch.“ Auch in Kroatisch oder Bulgarisch kann er sich verständigen. Zudem in Italienisch. „Ausreichend für das Restaurant und für die Oper“, wie er humorvoll erklärt. 

Vor einem Jahr hat Bachmann begonnen, wieder Russisch zu lernen. In seiner Schulzeit hatte er bereits damit angefangen. „Ich habe aber wieder aufgehört, es war zu schwer.“ Inzwischen kann er nicht nur lesen, sondern auch ganze Passagen aus der Literatur rezitieren. Er lernt meistens morgens aus Büchern, wenn es im GSD noch ganz ruhig ist und er sich besser konzentrieren kann. „Ich stehe um fünf Uhr auf.“ Seine Kenntnisse überprüft er. „Es gibt hier eine Russin, Deutschlehrerin aus St.-Petersburg, die im GSD ein soziales Praktikum macht. Wenn ich vorher weiß, um welches Thema sich das Gespräch dreht, dann verstehe ich schon sehr viel.“

Nach dem Schlaganfall dauerte es einige Zeit, bis sich Bachmann wieder erinnern konnte, bis sein Kopf wieder funktionierte. Sein Körper brauchte länger. „Es war wie in einem Käfig.“ Auch heute sitzt er noch viel im Rollstuhl. Aber er kann aufstehen, kann mühsam gehen. „Es klingt banal, aber auch kleine Schritte sind ein Fortschritt“, sagt er und lächelt. Wenn Gäste kommen, steht er höflich auf und schüttelt den Besuchern die Hand. Ohne Hilfe setzt er sich an den Stuhl am Klavier. Wenn er Musik macht, ist das unkontrollierte Zittern seine Hände, eine Folge der Parkinsonerkrankung, nicht mehr zu bemerken. „Es ist, als wäre das, was ich früher gelernt habe, einfach stärker.“

Gemeinsam mit der Frau eines Dirigenten organisierte Bachmann im GSD Klassik-Veranstaltungen. Werke verschiedener Komponisten werden gemeinsam angehört. Bachmann erklärt Hintergründe und Details. „Ich spiele auf dem Klavier Motive vor, Wagner eignet sich da besonders gut.“ Der ehemalige Professor hat immer noch Probleme mit der Sprache, manchmal komme die Worte nur stockend. Aber im Laufe eines Gesprächs wird es immer besser. Er verfolgt die Entwicklung in der arabischen Welt, hat klare Ansichten zum Krieg in Syrien. „Da geht es auch um Clans, um Warlords. Wir liefern Waffen dort hin und wissen nicht, was damit passiert.“ Bachmann hält Vorträge am Vaterstettener Humboldt-Gymnasium mit anschließender Gesprächsrunde. „Da will dann keiner nach Hause gehen, nicht einmal der Hausmeister“, meint er mit einem leichten Grinsen.

„Man muss sich beschäftigen, darf nie aufhören“, betont Bachmann. „Mir wurde hier von anderen Bewohnern Mut gemacht, immer Schritt für Schritt weiter zu gehen. Ich will auch anderen Mut machen. Man sollte nicht nur darüber reden, man muss es auch zeigen. Und das tue ich."

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