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Radioaktives Material im Landkreis Ebersberg: Hier darf’s strahlen

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Von: Josef Ametsbichler

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Der Chefradiologe der Kreisklinik, Marco Heinz, zeigt in der Abteilung für Nuklearmedizin eine mit Blei ummantelte Spritze zur Verabreichung von Technetium in der Krebsdiagnostik.
Der Chefradiologe der Kreisklinik, Marco Heinz, zeigt in der Abteilung für Nuklearmedizin eine mit Blei ummantelte Spritze zur Verabreichung von Technetium in der Krebsdiagnostik. © Stefan Rossmann

Sechs Unternehmen im Landkreis haben die Genehmigung für den Umgang mit radioaktivem Material – die Isotope sind für Medizin und Wissenschaft im Einsatz. Es gelten strikte Vorschriften für die sichere Handhabung, das betonen die Behörden.

Landkreis – Das Herzstück der nuklearmedizinischen Abteilung an der Ebersberger Kreisklinik befindet sich hinter einer schlichten, weißen Tür mit gut kopfgroßem Glasfenster. Im sogenannten Heißraum lagert das radioaktive Material, das die Klinik zu Diagnosezwecken nutzt.

Wer hinein möchte, muss dort arbeiten und mehrere Blechschilder mit dem berühmt-berüchtigten schwarzen Flügelrad auf gelbem Grund passieren: „Kontrollbereich – Radioaktiv“ steht darunter. Auf einer Anrichte steht ein Metallbehälter, der in Form und Größe an ein Party-Bierfass erinnert – ein sogenannter Molybdän-Generator, aus dem die Nuklearmediziner Technetium für Untersuchungen entnehmen können.

 Im „Heißraum“ der Klinik lagert unter strikten Sicherheitsvorkehrungen das für die Krebsdiagnostik benötigte Radionuklid.
 Im „Heißraum“ der Klinik lagert unter strikten Sicherheitsvorkehrungen das für die Krebsdiagnostik benötigte Radionuklid. © Stefan Rossmann

Es gibt radioaktive Isotope, aus denen man Atombomben bauen kann, und solche, mit denen sich Strom erzeugen lässt. Und dann gibt es völlig andere, viel, viel harmlosere, die sich für wissenschaftliche Diagnosezwecke eignen und die teils sogar für den medizinischen Einsatz an Menschen oder Tieren zugelassen sind.

Der Begriff Radioaktivität an sich sorgt gern für Alarmstimmung

Mancher Laie neigt dazu, die explosive und die medizinische Kerntechnik in denselben Topf zu werfen. Und der Begriff Radioaktivität an sich sorgt gern für Alarmstimmung. Deshalb ist diese Unterscheidung der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU), ein dringendes Anliegen.

„In regelmäßigen Abständen fanden und finden Vor-Ort-Begehungen statt, bei denen durch uns die Übereinstimmung der Situation vor Ort mit dem Genehmigungsbescheid überprüft wird“, so die Behörde. Die betreffenden Stellen sowie die Transporteure müssten Vorkehrungen zum Strahlenschutz und Schutz vor Diebstahl erfüllen. „Radioaktive Abfälle, die nach einer angemessenen Abklingzeit die Grenzwerte nicht unterschreiten, müssen an die Landessammelstelle für radioaktive Abfälle abgegeben werden“, erläutert das LfU weiter. Diese liegt in der Oberpfalz. Andere, kurzlebige Nuklide, könnten über den normalen Abfallkreislauf entsorgt werden, da sie laut LfU nach der Abklingzeit die in der Strahlenschutzverordnung festgelegten Grenzwerte unterschreiten.

Klinik: Technetium zerfällt schnell in nicht-radioaktive Überbleibsel

Das ist auch der Grund, weshalb Patienten in der nuklearmedizinischen Abteilung der Kreisklinik, nicht in eine Abklingkammer müssen. „Wir führen hier nur Diagnosen durch, keine Therapien“, erklärt Chefarzt Marco Heinz. Das dafür verwendete Technetium zerfalle mit einer Halbwertszeit von rund sechs Stunden sehr schnell in nicht-radioaktive Überbleibsel. Heinz leitet an der Klinik die Radiologie und Nuklearmedizin – zwei verschiedene Disziplinen, wie er betont.

Beim Röntgen und der Strahlentherapie gegen Krebs komme zwar hochenergetische Strahlung zum Einsatz, diese stamme aber nicht aus radioaktivem Quellmaterial. In der Nuklearmedizin dagegen schon. So werde dem Patienten etwa per bleiummantelter Spritze eine niedrige Dosis Technetium verabreicht. Anschließend könne eine „Gamma-Kamera“ die Verteilung des schwach strahlenden Materials im Körper messen – wo es sich konzentriere, könne das etwa auf Tumor-Aktivität hindeuten. „Wir wenden die Strahlung nur in einem Rahmen an, in dem der Nutzen das Risiko aus medizinischer Sicht überwiegt“, sagt der Chefarzt. Die Isotope verteilten sich aufgrund ihrer geringen, weil atomaren, Größe besser im Körper als klassische Kontrastmittel.

Fingerring gibt Auskunft über Strahlung, der man ausgesetzt war

Wer sich nun vorstellt, dass die Nuklearmediziner an der Kreisklinik in dicken Schutzanzügen herumlaufen, überschätzt die Gefährlichkeit des Materials. Pflicht ist aber, Schuhsohlen und Handflächen beim Verlassen des Heißraums an einem Kontaminationsmessgerät auf Strahlung zu prüfen, um versehentliches Ausschleppen des Technetiums zu verhindern. Außerdem tragen die Mitarbeiter einen Fingerring, über den regelmäßig ausgelesen werden kann, wie viel Strahlung sie ausgesetzt waren. Alles radioaktive Material werde durch eine Spezialfirma angeliefert und auch wieder abgeholt, sofern es nicht ohnehin nach dem Zerfall gefahrlos im Restmüll landen dürfe, erklärt Chefmediziner Heinz.

Geheimniskrämerei und Drohung am Telefon

So transparent wie die Kreisklinik äußert sich übrigens längst nicht jede Stelle im Landkreis Ebersberg, die mit radioaktivem Material umgehen darf. So braucht es bei der Recherche der EZ den eindringlichen Hinweis auf den gesetzlichen Auskunftsanspruch der Presse, um den Behörden Anzahl und Namen der betreffenden Betriebe abzuringen. Auf eine Anfrage an alle sechs folgt viel besorgte Geheimniskrämerei am Telefon und eine lautstarke Drohung mit dem Anwalt für den Fall einer Veröffentlichung des Firmennamens.

Am Ende antwortet neben der Kreisklinik nur ein weiteres Unternehmen inhaltlich: Das Anzinger Lebensmittel-Labor ILAU erläutert, es nutze einen „Elektroneneinfangdetektor“, der unter Einsatz des Nickelisotops 63Ni bestimmte möglicherweise schädliche Stoffe in Lebensmitteln nachweisen kann.

Steinhöringer Firma: „Das könnte zu Missverständnissen führen“

Das Labor des Pharmakonzerns Nuvisan in Grafing verweigert eine Auskunft mit dem Verweis, es handle sich um Firmeninterna, zu denen man sich nicht äußere. Die Ushio-Gruppe, die in Steinhöring den Leuchtenhersteller BLV als Marken-Standort betreibt, verweigert eine Auskunft mit Verweis auf die Komplexität des Themas: „Bei Lesern würden viele Dinge möglicherweise auf Missverständnisse stoßen“, schreibt eine Sprecherin.

Gänzlich ohne Antwort verbleiben:

- Die TAL-Gruppe, die Betreibergesellschaft der Transalpinen Ölleitung, die durch den Landkreis verläuft.

- die Gesellschaft für Bohrlochmessungen mit ihrem Standort in Poing.

- die GbR für Nuklearmedizin bei Tieren, Zorneding.

Weitere Unternehmen, die über eine strahlenschutzrechtliche Genehmigung verfügen, gibt es laut LfU im Landkreis nicht. Das Amt lässt durchblicken, dass die Sicherheitsbestimmungen seinen Überprüfungen standhalten: „Bisher musste noch keinem Genehmigungsinhaber die Genehmigung wieder entzogen werden.“

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Kommentar: „Sorry, dafür sind Sie leider zu blöd“

2015, Sie erinnern sich vielleicht, musste wegen Terrorgefahr ein Fußball-Länderspiel in Hannover kurzfristig abgesagt werden. Der damalige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gab sich bei einer eilends anberaumten Pressekonferenz zu den Hintergründen schmallippig – und erklärte das so: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“

Ein Satz für die Geschichtsbücher, der für alles Mögliche sorgte, nur nicht für weniger Verunsicherung bei der Bevölkerung. Eine solche de-Maizière-Dämlichkeit jenseits bloßer Zugeknöpftheit begeht die Ushio Group. Sie will nicht verraten, welche radioaktiven Materialien sie warum in Steinhöring handhabt.

An einem Geschäftsgeheimnis ist zunächst nichts Verwerfliches. Aber die Begründung des Unternehmens ist arrogant: „Bei Lesern würden viele Dinge möglicherweise auf Missverständnisse stoßen.“ Den Satz hätte man auch knackiger formulieren können: „Für diese Auskunft, liebe Leser, sind Sie leider zu blöd.“

Sehr beruhigend, oder? Vielleicht sollte sich der Weltkonzern Ushio in Sachen Transparenz ein Beispiel an der Kreisklinik Ebersberg nehmen. Die hat nicht lange rumgeeiert, sondern die Tür aufgemacht. So schafft man Vertrauen und sorgt für Klarheit – so blöd, wie manche Pressesprecher anscheinend meinen, sind Leser nämlich nicht.

Josef Ametsbichler

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