Hartmut Thumsers (Mi.) „Die frischen Fische“ und die anderen Bands mühten sich redlich, schafften es aber nicht, das ganz große Publikum ins alte kino zum „Bunt statt Braun“-Konzert zu locken. Foto: jro

Rock'n'Roll gegen den braunen Sumpf

Ebersberg - Nur auf mäßige Resonanz ist das "Bunt statt Braun"-Konzert im alten kino am Wochenende gestoßen. Die Macher wähnen sich dennoch auf dem richtigen Weg.

Hat Kunst, speziell aber die Musik, ausreichend Kraft, um Werte wie Toleranz, Freude und Miteinander zu transportieren? Schafft es die Musik, besonders der Rock and Roll, ein emotionales Sammelbecken für gesellschaftspolitische Solidarität zu schaffen? Oder, anders gesagt: Lässt sich unter dem breiten Dach einer ganz besonderen Musikrichtung eine Gemeinschaft bilden, um gegen einen bundesweit und - leider vielleicht auch - lokal existierenden braunen Sumpf anzusingen?

Mit dem großen Konzertereignis im vergangenen Spätsommer in der Ebersberger Volksfesthalle hatte die Initiative „Bunt statt Braun“ mit live aufgeführten und eigens interpretierten Songs aus der Woodstock-Ära ein klares und beeindruckendes Zeichen gesetzt. Man müsse weiter wachsam sein, hatte einer der Organisatoren, Pfarrer Hartmut Thumser, damals schon ins Auditorium gerufen.

Den Worten folgten Taten, zum Beispiel in Gestalt einer CD mit Livemitschnitten. Und nun in Form einer - deutlich abgespeckten - Neuauflage des Festivals am Samstag im alten kino. Leider erfuhr die Veranstaltung nicht die Resonanz, die man sich gewünscht hatte. Gerade vor dem Hintergrund der rechtsextremen Ereignisse auf Bundesebene und der Nazischmierereien in der vergangenen Woche in Grafing hätte man eine etwas kräftiger ausfallende Gegenbewegung erwarten können.

Ein wenig Frust schien bei Thumser schon mitzuschwingen, als er vor dem Auftritt seiner Band die Frischen Fische in den Raum rief, dass nur Rock and Roll heute leider nicht mehr reiche, um einen brauen Sumpf auszutrocknen, den er offenbar auch im Landkreis Ebersberg ausgemacht hat.

„Grafing war kein Grund zum Lachen“, so der evangelische Pfarrer, zusammen mit Angela Warg-Portenlänger und Martin Knappik Fädenzieher auch der Konzertneuauflage. Nicht wegschauen und nicht schweigen; das war ein Postulat an alle, die den friedlichen Abend im alten kino viereinhalb Stunden lang genossen.

Den musikalischen Auftakt machte die noch recht neue Formation „Stimmt!“ aus Glonn und Umgebung. Die A-cappella-Formation besteht aus Christoph Köberle, Uli Schmid, Regina Gruber, Rita Gerer, Pit Golle und Stefan Geisberger und hatte erst ihren dritten öffentlichen Auftritt. Unter anderem boten sie Interpretationen bekannter Dire Straits-Hits, aber auch Klassiker wie „The lion sleeps tonight“ in einem Zusammenwirken, das eine deutlich längere gemeinsame Zeit des Singens vermuten ließ.

Ruhig, fast besinnlich, ging es mit „Sunny Grove“ weiter, die schon im vergangenen Jahr dabei waren. Auch französische Chansons mischten sich diesmal ins Programm. Anders als bei der Erstauflage war es den Bands freigestellt, was sie ins Programm hoben. An Woodstock orientierte Songs gab es diesmal kaum.

Auch Geoffrey Hammond pflegte im Stile eines Neil Young eher die ruhigeren Töne. Den Geist und die Energie von Woodstock schwor Hartmut Thumser herbei. Darin seien auch Werte versteckt, für die Jesus stehe, bemerkte er, um danach alles an Energie in seine E-Gitarre zu legen. „Wir sind die lauteste Band im Landkreis“, rief er irgendwann einmal ins Auditorium. Was nach seinem Auftritt bewiesen war.

An diesem Abend waren er und seine beiden Mitstreiter aber auch so was wie eine Polit-Rock-Gruppe, obwohl sich die Frischen Fische ansonsten genau so nicht verstanden wissen wollen.

Mit ihrem Repertoire an Rock- und Pop-Hits - und noch immer bemerkenswert energiereich - rundeten die Panzerknacker bis nach Mitternacht das Programm ab. Deutlich gefüllt hatte sich das alte kino, wider einiger Erwartungen, nicht mehr.

„Besser, wir erreichen die, die gekommen sind, als gar keine“, meinte Helmut Zeiler-Dressel, der zusammen mit seiner Frau Anneliese als Kabarettduo „Karli und Anneliese“ sehr humorvoll, teils hintersinnig und mit enorm viel Selbstironie und einer Spur Erotik gefühlvoll und keineswegs aufdringlich durch den Abend gegen Rechts führten.

Von Jörg Domke

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