Lernen macht Spaß: Kinder der Vorschule und der Klassen eins und zwei mit Schulleiterin Anna Kiseleva (hinten links) und OHA-Leiterin Edith Fuchs. Foto: Stefan Rossmann

Russisch für Mama, Papa und Kind

Vaterstetten - Während sich im Wahlkampf die Parteien in Vaterstetten um die Zukunft der gemeindlichen Schulen streiten, ist beinahe unbemerkt eine neue Schule gegründet worden. Der Name der Bildungseinrichtung: „Gramotey“. Untergebracht ist sie im Offenen Haus der AWO.

Derzeit hat „Gramotey“ rund 15 Schüler. Das Wort stammt aus dem russischen und heißt so viel wie „Gelehrte“. Hinter dem Projekt steckt die Baldhamerin Anna Kiseleva. Ihrer Initiative liegen persönliche Erfahrungen zugrunde. Die gebürtige Russin ist mit einem Deutschen verheiratet. Ihre Tochter Mascha ist sieben Jahre alt.

Kiseleva suchte für das Mädchen eine Einrichtung, in der die Tochter mit russischen Kindern sprechen und spielen sowie später auch lernen könnte. Das gab es zwar in München. Aber das dortige Angebot entsprach nicht ganz den Wünschen von Kiseleva. Und immer nach München zu fahren „ist auch nicht so bequem“, erzählt sie. Also wurde die Baldhamerin selbst aktiv, gründete ihre eigene Schule. Einen Raum gab es zunächst in der Firma ihres Mannes Hans Joachim Seidel in Baldham-Dorf zwischen ausgestellten Sonnenschirmen und Markisen. Jetzt ist die Schule umgezogen, ins Offene Haus der Arbeiterwohlfahrt (OHA) am Sportgelände. Dessen Leiterin Edith Fuchs freut sich über das zusätzliche Angebot, passt es doch in ihr Konzept von einer breit gefächerten Palette von Aktivitäten (siehe Kasten).

Kiseleva und Fuchs kennen sich noch aus der Zeit, in der Fuchs einen Kindergarten leitete und Kiselevas Tochter Mascha diesen besuchte. „Wir sind in Kontakt geblieben“, berichtet Fuchs. „Und als ich wegen der russischen Schule gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt.“

Um das Projekt umzusetzen, waren einige Vorbereitungen notwendig. „Eine Genehmigung vom deutschen Schulamt brauchte ich nicht“, erzählt Kiseleva. Sie musste jedoch die Schule als Gewerbe anmelden und eine Versicherung abschließen.

Einen Lehrplan gibt es bereits mit Schulstunden vor allem am Nachmittag und am Samstag. Doch weil erst wenige Kinder eingeschrieben sind, kann noch nicht alles unterrichtet werden, was vorgesehen ist. „Die entsprechenden Lehrer sind aber schon da“, sagt die Schulleiterin. Sie selbst hat Ökonomik und Pädagogik an der staatlichen Universität im heutigen St. Petersburg studiert. Nach der Promotion arbeitete sie als Dozentin und war stellvertretende Dekanin. In Deutschland lebt sie seit 2005. Andere Lehrerinnen haben ebenfalls Hochschulabschlüsse. Darunter ist Olga Denisov, die schon eine russische Spielgruppe im Familienzentrum Purzelbaum in Baldham geleitet hat.

Kiseleva wünscht sich ein umfangreiches Bildungsangebot, beginnend im Kindergartenalter mit der Vorschule. Es geht auch darum, dass in Deutschland lebende Kinder, deren Eltern russische Wurzeln haben, richtig russisch sprechen, lesen und schreiben lernen können. Das kann auch spielerisch geschehen, beispielsweise mit Malen, Musik oder Mathematik.

Zudem soll sich der Unterricht an den russischen Lehrplänen orientieren. „Das ist wichtig für russische Familien, die nur begrenzte Zeit in Deutschland leben“, erklärt Kiseleva. Wenn die Familien dann in ihre russische Heimat zurückkehren, sollen die Kinder gut auf die dortige Schule vorbereitet sein. Die entsprechenden Schulbücher hat die Schulleiterin bereits besorgt.

Gestartet wurde inzwischen auch ein Angebot für Erwachsene. Dabei geht es einerseits um „Deutsch für Mütter - Deutsch als Fremdsprache“, andererseits um „Russische Sprache für Väter - Russisch als Fremdsprache“. Angesprochen werden sollen dadurch russische beziehungsweise deutsche Verwandte der Schüler sowie alle anderen Interessierten.

Kiseleva geht es aber um noch mehr. Sie will rund um die Schule Angebote für russisch-deutsche Begegnungen schaffen. Geplant sind unter anderem Feste zu speziellen Anlässen, wie zum russischen Silvester mit „Väterchen Frost“. Vorstellen könnte sich Kiseleva auch einen russisch-deutschen Verein. „Und vielleicht gibt es es ja auch einmal eine Partnerschaft zwischen dem Gymnasium Vaterstetten und einer russischen Schule“, hofft die Baldhamerin. „Aber das muss sich erst noch entwickeln, Schritt für Schritt.“

Ein Anfang könnten Gesprächsrunden im OHA sein. Dort wird derzeit im Eingangsbereich ein Café eingerichtet. „Hier könnten sich beispielsweise die Eltern, deren Kinder Unterricht haben, untereinander unterhalten, aber auch mit anderen Besuchern des Hauses treffen“, so Kiseleva. OHA-Leiterin Edith Fuchs lässt sich derzeit schon mal über Grundlagen der russischen Alltagskultur informieren. Und zum ersten Fest der Schule will sie auch kommen.

Robert Langer

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