Fürchtet um seine Vorbereitungsklassen: Michael Pollak, Schulleiter in Aßling. Foto: sro

Spätzünder-Projekt droht das Aus

Landkreis - Mittlere Reife: Weil das Kultusministerium eine Noten-Grenze einführt, fürchten Rektoren um den Bestand des beliebten Angebots.

Eltern sauer, Schüler sauer, Lehrer sauer, Schulleiter sauer. Dem erfolgreichen „Spätzünder-Projekt“ an Mittelschulen im Landkreis Ebersberg, bei dem Jugendliche nach dem Quali in zwei Jahren zur Mittleren Reife geführt werden, droht das Aus. Grund: Eine neue Zulassungsvoraussetzung.

Das Projekt war vor zwei Jahren auf Initiative des Aßlinger Rektors Michael Pollak an seiner Schule im Mittelschul-Verbund Ebersberg-Süd angesiedelt worden. Seit diesem Schuljahr gibt es es auch an der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing. Pollak wollte Schülern eine Chance geben, bei denen der Knoten erst spät geplatzt war. „Dieser zweijährige Bildungsgang hat den großen Vorteil, dass für die Bearbeitung des Unterrichtsstoffs und damit die Prüfungsvorbereitung die doppelte Zeit verfügbar ist“, weiß Pollak. Und der Rektor spricht deshalb auch ganz bewusst davon, dass so den Schülern „Zeit für Reife und Zeit für Entwicklung gegeben werden soll“.

Im Moment besuchen 23 Schüler in Aßling die sogenannte Vorbereitungsklasse „10V1“, in Poing sind es 20. Sie wurden anhand ihrer Leistungen beim qualifizierenden Hauptschulabschluss, vor allem aber mit Hilfe eines persönlichen Gesprächs mit Pädagogen und Schulleitern ausgewählt. Künftig, so der Beschluss des bayerischen Kultusministeriums, dürfen nur noch Jugendliche ins Spätzünder-Programm, die eine Durchschnittsnote von mindestens 2,5 hingelegt haben. „Damit können wir die Schüler nur noch aus einem engen Korridor rekrutieren, da denjenigen, die einen Quali von 2,33 oder besser haben, ohnehin der M-Zug der Mittelschulen offen steht, wo sie ihre Mittlere Reife machen können“, sagt Pollak auf Anfrage der Ebersberger Zeitung. Er wird in diesen Tagen die Eltern über die Neuerung informieren.

Und die sind aufgebracht. Viele haben sich auf das zusätzliche Angebot verlassen, haben ihre Kinder genau deswegen nicht in den M-Zweig geschickt und fürchten nun, ihrem Nachwuchs werde der Weg zur Mittleren Reife verbaut. Pollak hat Verständnis, sagt aber: „Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich kann über die Gründe für die Neuerung nur spekulieren. Wir müssen sie aber vollziehen.“

Simone Fleischmann, Rektorin der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing, berichtet, dass ihre derzeitigen Schüler in der Vorbereitungsklasse sehr „heterogen“ seien. Da seien schon manche dabei, die „viel, sehr viel Förderung“ brauchten. Aber gerade für diese Schüler sei das Spätzünder-Projekt ja eingeführt worden, das Fleischmann für eine „exzellente Ergänzung“ im Bildungsangebot hält. Sie spricht sich dagegen aus, künftig nur noch Noten als Maßstab für die Aufnahme in die Vorbereitungsklasse zu nehmen. „Noten sind nur ein Kriterium, es gibt noch viele andere, die wir doch auch sehen müssen.“

Als Mitglied des Landesvorstands des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) meint Fleischmann: „Das Kultusministerium sagt immer, es wolle eigenverantwortlich handelnde Schulen. Es soll dazu stehen, was es sagt.“ Kein Schulleiter werde „ein totes Pferd reiten“ und an den Vorbereitungsklassen festhalten, „wenn er feststellt, dass zu wenige Kinder die Mittlere Reife am Ende auch wirklich schaffen.“

Genau das sieht aber das Kultusministerium in München. Zu viele der Schüler seien am Ende der Vorbereitungsklassen überfordert“, sagt Sprecherin Julia Lindner, und würden den Abschluss nicht schaffen. Sie hätten zwei Jahre „in den Sand gesetzt“. Zudem gebe es noch andere Möglichkeiten für Mittelschüler, zur Mittleren Reife zu gelangen, etwa auf Wirtschaftsschulen.

Hier werde aus nicht nachvollziehbaren Gründen ein rentabler und gut besetzter Zug in voller Fahrt ausgebremst, kritisieren dagegen bayerische Schulleiter. Keine einzige der jetzigen Vorbereitungsklassen im Freistaat hätte nach der neuen Regelung Bestand, so ihre Kritik.

Michael Acker

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