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Nach Unwetterwalze vor einem Jahr Landwirte „im Hagel stehen gelassen“

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Von: Robert Langer

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So sah es vor einem Jahr (2021, 22. Juni) auf einem Maisfeld bei Tulling aus.
So sah es vor einem Jahr auf einem Maisfeld bei Tulling aus.  © Stefan Rossmann

„Land unter bei den Landwirten“, hieß es vor genau einem Jahr im Landkreis. Entlang der B 304 hatten Hagel und Platzregen am Dienstag, 22. Juni 2021, Felder niedergebügelt. Ein Jahr später fragte die Ebersberger Zeitung nach.

Landkreis – „Das war mal Mais, das war mal Soja, sieht aus wie zermahlen“, sagte damals Josef Winkler, Geschäftsführer des Maschinen- und Betriebshelferrings Ebersberg/München Ost bei einem Ortstermin. Mit dabei waren auch die Landtagsabgeordneten Doris Rauscher (SPD) und Thomas Huber (CSU). Haben die Landwirte Hilfe bekommen und wie sieht die Situation heute aus?

Enttäuschung beim Maschinenring

Enttäuschung bei Winkler. „Von CSU und FW wurde damals kein entsprechender Antrag auf Unterstützung gestellt“, sagt er heute. Ein von der SPD-Landtagsabgeordneten Doris Rauscher gestellter Antrag auf Unterstützung sei hingegen von CSU und Freien Wählern abgelehnt worden. Auch habe keine Nachfrage durch die Abgeordneten der Regierungsparteien stattgefunden, wie es den Landwirten ohne Unterstützung weiter ergangen sei, „wie mir mehrere Landwirte im Gebiet um Tulling berichteten“, so Winkler. Nachdem die Aufmerksamkeit bei dem Pressetermin damals sehr groß gewesen sei, „wäre das zumindest eine moralische Unterstützung gewesen“. So fühlen sich die Betroffenen nach seinem Eindruck „im Hagel stehen gelassen“.

Nach der Hagelwalze 2021. Dasselbe Feld bei Tulling ein Jahr später (Juni 2022) .
Dasselbe Feld ein Jahr später. © Stefan Rossmann

Bewertungen gehen auseinander

Warum es so wenig Unterstützung gab, darin sind sich die beiden Landtagsabgeordneten einig. In der Bewertung gehen die Ansichten allerdings weit auseinander.

SPD-Antrag angelehnt

„Ich habe mich zum einen direkt im Anschluss an den Vor-Ort-Termin mit einem Brief an die bayerische Landwirtschaftsministerin gewandt und Hilfen für die betroffenen Landwirte gefordert, beispielsweise analog der Hilfsmaßnahmen für Winzer und Obstbauern nach den damaligen Frostschäden“, so Doris Rauscher. Zum anderen habe sie mit ihrer Fraktion im Landtag einen Antrag eingebracht und ein Liquiditätsprogramm für Landwirtinnen und Landwirte gefordert, „um die Existenz der Betriebe zu sichern, die infolge der starken Hagelschäden im Juni 2021 enorme Ernteausfälle zu erwarten hatten“. Der Antrag sei durch die CSU- und Freie Wähler-Mehrheit im Landtag abgelehnt worden. Auch das Schreiben an die Ministerin bekam eine Absage.

Fakt ist: Seit einem Kabinettsbeschluss 2019 werden keine staatlichen Ad-hoc-Hilfen mehr gewährt, wenn sich Geschädigte gegen das jeweilige Risiko hätten versichern können, dies aber nicht getan haben. Die betroffenen Landwirte hätten leider seitens des Freistaats „keinerlei zusätzliche unbürokratische Unterstützung erhalten“, sagt Rauscher (Ausnahme: Einzelfälle beim Futtermittel-Anbau). „Diese Haltung finde ich schwierig. Gerade die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe kämpfen ohnehin mit vielfachen Herausforderungen, zu denen durch den Hagelschaden eine wirklich dramatische Situation hinzugekommen ist.“

Huber (CSU): Wenig politischer Handlungsspielraum

Wenig weitergekommen ist auch CSU-Abgeordneter Thomas Huber. Auf EZ-Anfrage betont er: „Ich habe das Thema und die Herausforderungen, vor denen die Landwirte stehen, sowohl mit dem Amt für Landwirtschaft in Ebersberg und direkt mit Landwirtschaftsministerin Kaniber besprochen und dann in der CSU-Landtagsfraktion geschildert.“ Hubers Ergebnis: „Nachdem die Kompensation von Hagelschäden allerdings in erster Linie über die Hagelversicherungen abläuft, gab es hier wenig politischen Handlungsspielraum.“ Daher habe es bei Hagelschäden – anders als bei Dürre oder Hochwasser – noch nie staatliche Hilfsprogramme gegeben. Lediglich steuerliche Erleichterungen der Finanzverwaltung, so Huber.

Da aufgrund des Klimawandels vermehrt Schadensereignisse zu erwarten seien, werde die Staatsregierung künftig alle bayerischen Landwirtschaften stärker bei der Eigenvorsorge unterstützen, so Huber. Ein mit Landesmitteln finanziertes Angebot gebe es derzeit nur für Spezialkulturen, insbesondere Obst. Mit Blick auf die neue, kommendes Jahr beginnende EU-Förderperiode, sollen auch andere landwirtschaftliche Kulturen profitieren und das Hagel-Risiko mit einfließen.

Preissteigerung durch Ukraine-Krieg: Anbau von Weizen fördern

Und Huber betont: In Deutschland würden nur rund 20 Prozent der Ackerfläche für die direkte Nahrungsmittelerzeugung verwendet. Knapp 70 Prozent entfielen auf den Futtermittel-Anbau und Bioenergie. Hinzu kommen Preissteigerungen durch den Ukraine-Krieg. „Deswegen halte ich es für wichtig, dass der Anbau von Weizen in Deutschland gefördert und die von der Ampel-Regierung festgelegte Flächenstilllegung ausgesetzt wird.“

Thema Klimaschutz

„Und natürlich müssen wir beim Klimaschutz alle Möglichkeiten nutzen, die wir regional haben“, so Huber. Energie sparen und den Bedarf nachhaltig erzeugen. „Ersteres gelingt uns, wenn wir in unserem täglichen Verhalten und unseren Konsumentscheidungen nachhaltige Optionen wählen“. Um Energie zu erzeugen, müssten die erneuerbaren Energien auch in der Region ausgebaut werden. Neben Strom aus Sonne, Biomasse und Wind brauche es Wärme aus Sonne, Biomasse und Erdwärme.

Ausrichtung der Landwirtschaft

SPD-Frau Rauscher betont: „Starkregen, massive Hagelschäden und Hochwasser sind Begleiterscheinungen des Klimawandels.“ Grundsätzlich brauche es „endlich eine Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik, die umweltfreundliche Bewirtschaftung fördert“. Es sei erfreulich, dass die Bundesregierung daran arbeite. Die Umstellung werde jedoch dauern. Vorschlag von Rauscher: als Übergangslösung Landwirte zu unterstützen, eine Elementarversicherung abzuschließen, etwa Versicherungspolicen zu bezuschussen, wie es durch den Freistaat bereits modellhaft für Obst- und Weinbauern der Fall sei. „Dann wären die Landwirte unabhängig von der staatlichen Entscheidung zu Ad-hoc-Hilfen im Schadensfall und nicht direkt in ihrer Existenz gefährdet.“

Kritik an Staatsregierung

Und dann kommt von Rauscher noch ein Seitenhieb in Richtung Staatsregierung: „2021 gab es ja leider einige Hochwasserereignisse mit großen Zerstörungen beispielsweise im Berchtesgadener Land oder in Hof.“ Die Staatsregierung habe sich an Hilfen des Bundes beteiligt – allerdings nur für bestimmte Landkreise und nicht für Hagelschäden. „Hier wurden, bei aller Zustimmung zu Hilfen für Hausbesitzer, in den betroffenen Gebieten leider andere Maßstäbe angesetzt als bei den Landwirten“, so Rauscher. „Nachdem sich die Bundesförderung ausschließlich auf Hochwassergeschädigte bezogen hatte, war Bayern immer noch nicht bereit, eigene Gelder für die Hagel-Geschädigten in die Hand zu nehmen.“

Reaktion des Landwirtschaftsamtes

Tätig wurde damals das Landwirtschaftsamt Ebersberg (AELF). „Wir haben alle Mehrfachantragsteller des Dienstgebietes per E-Mail über die förderrechtlichen Auswirkungen von Änderungen in Fruchtart/Fruchtfolge informiert und persönliche Beratung dazu angeboten“, sagt Bereichsleiterin Katharina Binsteiner. Zum Teil sei ja nicht mehr das nachgesät worden, was im Antrag ursprünglich angegeben war.

Die Hagelversicherung sei eine private freiwillige Versicherung, die der Landwirt nach eigner Risikoabwägung abschließt, so Binsteiner. „Ein Großteil der Landwirte bei uns ist allerdings hagelversichert.“ Staatliche Entschädigungen für Ernteausfälle habe es in der Region nicht gegeben. Die betroffenen Landwirte hätten den Ausfall vor allem beim Silomais unter anderem durch Nachsaat versucht auszugleichen. „Aufgrund der guten Niederschlagssituation 2021 in unserer Region entstand kein Futtermangel.“ Das Ereignis 2021 habe gezeigt: „Gegen das Wetter ist man machtlos, einen Schutz davor gibt es einfach nicht“.

Vor-Ort-Termin Juni 2021 bei Tulling nach der Hagelwalze
Vor-Ort-Termin vor einem Jahr. © Stefan Rossmann

Kreisobmann des Bauernverbandes: „Klimawandel in der Gesellschaft noch nicht angekommen“

Franz Lenz. Kreisobmann des Bauernverbandes aus Zorneding, ist ziemlich nachdenklich. „Hilfe bekamen wir damals nicht“, sagt er. Die Landwirte hätten aber gelernt, dass eine Versicherung nicht unbedingt falsch sei, sagt er. Grundsätzlich aber: „In weiten Teilen der Gesellschaft ist der Klimawandel noch nicht angekommen.“ Die Gewitter würden häufiger und heftiger werden. Und im Blick zurück auf den Sturm vor einem Jahr meinte er: „Jetzt stehen wir wieder da und harren der Dinge.“ Er sei im intensiven Kontakt mit der Kreisklimamanagerin. „Ich weiß auch nicht, wie die Politik reagieren soll.“ Eines ist für Lenz allerdings klar: „Wir müssen uns bewusst werden, dass sich manches ändert wird.“

Ein Maisfeld Juni 2021 bei Tulling nach der Hagelwalze.
Ein Maisfeld vor einem Jahr nach dem Hagel.  © Stefan Rossmann

EIN JAHR DANACH: DIE FOLGEN DES STURMS

Vom Unwetter des 22. Juni 2021 war ein Streifen von rund 200 Kilometern Länge und einer Breite von 30 Kilometern betroffen. In den am stärksten mitgenommenen Regionen wie im Gebiet um Tulling (Gemeinde Steinhöring) lagen bei Getreide und Mais die Schäden rückblickend bei 80 bis 100 Prozent, so Josef Winkler vom Maschinenring. Auf manchen Flächen sei Mais nachgesät worden, der jedoch einen deutlich geringeren Ertrag und verminderte Futterqualität erreicht habe. Auch die Futterqualität auf Grünland habe unter dem Hagel gelitten. „Ein Teil der Landwirte konnte über abgeschlossene Versicherungen einen anteiligen finanziellen Ausgleich erhalten.“ Unabhängig von der finanziellen Frage musste zur Versorgung der Tiere von den Landwirten Futter aus anderen Regionen zugekauft werden.

Schäden auch an Bäumen

Die indirekten Folgen für Lohndienstleister in der Region, also beispielsweise Anbieter von Maishäckslern oder Strohpressen, waren bis zu 40 Prozent Umsatzeinbußen, so Winkler. Im Wald seien die Folgen an angehagelten Bäumen sehr wahrscheinlich auch in Jahrzehnte noch festzustellen, etwa indem Fäulnis vermehrt auftreten könne. Landwirte ohne Versicherungen hätten versucht, durch Rückstellung von Investitionen, Verlängerung der Zahlungsziele bei Lieferanten und den Rückgriff auf eigene Reserven die finanziellen Folgen abzumildern.

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