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Von RTL hintergangen fühlen sich ( v. l.) Elternbeiratsvorsitzende Andrea Rauscher, Schulleiter Georg Bauer und Gesamtleiterin Gertrud Hanslmeier-Prockl.

Einrichtungsverbund Steinhöringer Werkstätten betroffen

Behinderte Menschen heimlich für „Team Wallraff“ gefilmt

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Der Schock sitzt tief in der St. Nikolaus-Schule. Getarnt als Praktikantin schleicht sich eine Investigativ-Reporterin in die Einrichtung für geistig und mehrfach behinderte Kinder des Einrichtungsverbunds Steinhöringer Werkstätten ein.

Steinhöring/Erding - Die junge Frau – da sind sich die Verantwortlichen inzwischen sicher – filmt heimlich mit einer Kamerabrille. Monate später kommt ein Fragenkatalog von InfoNetwork, einem Tochterunternehmen von RTL. Schnell reimen sich Schulleiter Georg Bauer und seine Mitarbeiter zusammen: Die angebliche Studentin der Erziehungswissenschaften ist eine Enthüllungsjournalistin von der RTL-Sendung „Team Wallraff“.

Die nächste Ausstrahlung ist am Montagabend. Ob ein Beitrag mit Szenen aus der Erdinger Schule gezeigt wird, ob er die Arbeit der St. Nikolaus-Schule verreißt oder nicht – die mit versteckter Kamera gefilmten Mitabeiter wissen es nicht. Sind sie erkennbar? Oder als überforderte Pädagogen dargestellt? Mit der Angst davor leben sie seit Wochen.

Verantwortliche sind ratlos

Der Einrichtungsverbund Steinhöring, zu dem die Erdinger Schule gehört, hat eine Medienrechtskanzlei aus Berlin eingeschaltet. „Wir sehen die Persönlichkeitsrechte der Schüler und Mitarbeiter eingeschränkt“, begründet Gesamtleiterin Gertrud Hanslmeier-Prockl diesen Schritt. Auch wenn ihre Bilder verpixelt werden, seien gerade behinderte Menschen durch ihre besonderen Körperhaltungen weiter gut erkennbar. Eltern behalten sich rechtliche Schritte vor. Vom Dachverband wisse sie von drei weiteren Behinderteneinrichtungen, alle in Nordrhein-Westfalen, die ebenfalls Besuch von Team Wallraff hatten. Warum gerade die St. Nikolaus-Schule Ziel dieser Undercover-Recherche wurde, darüber wird in Steinhöring gerätselt. Sie wisse nichts von irgendwelchen Beschwerden, sagt Hanslmeier-Prockl „Wir sind ratlos, warum wir im Fokus stehen.“

Einrichtungsverbund sucht die Öffentlichkeit

Nun geht der Einrichtungsverbund mit seinen 1600 Betreuungsplätzen an die Öffentlichkeit. Er hat am Freitag alle Eltern und gesetzlichen Betreuer schriftlich informiert, deren Angehörigen an einem der fünf Standorte in den Kreisen Ebersberg und Erding betreut werden. Die RTL-Fragen hat der Sozialträger laut Hanslmeier-Prockl nicht direkt beantwortet. Schon gar nicht habe man sich auf ein Interview eingelassen – „weil wir nicht davon ausgehen konnten, dass fair mit uns umgegangen wird“, sagt die Sozialpädagogin. „Das ist ein Format, das auf Sensation aus ist. Die Fragestellungen sind für uns absurd. Sie unterstellen, dass pädagogische Mängel vorliegen.“ Das Gegenteil sei der Fall. Der Personalschlüssel sei eingehalten, sagt die Gesamtleiterin. Das habe auch die Regierung von Oberbayern als Aufsichtsbehörde bestätigt. Alle Stellen seien besetzt gewesen. In einer Klasse mit maximal zehn Kindern seien in der Regel drei pädagogische Mitarbeiter.

Unschöne Situationen in der Betreuung

In der Betreuung behinderter Menschen komme es immer wieder zu unschönen Situationen, sagt Elternbeiratsvorsitzende Andrea Rauscher. Sie selbst müsse ihre behinderte Tochter auch zum Trinken bringen, manchmal sogar zwingen. Sonst erleide das Mädchen wegen der Medikamente eine Vergiftung. Eine ähnliche Szene – das Festhalten eines behinderten Schülers – könnte der ungebetene Gast mit der Kamerabrille gefilmt haben. Das befürchten Pädagogen, die damals im Klassenzimmer waren. „Das kann man auch im falschen Licht darstellen“, meint Rauscher. Sie habe ihre Tochter seit elf Jahren hier, erzählt sie, „und es gab nie eine Beschwerde von Eltern“, dass Kinder grundsätzlich schlecht behandelt würden.

Den Schulleiter und seine Mitarbeiter ärgert auch, dass die Reporterin durch ihr „auffälliges Verhalten“ Unruhe in der Klasse der Berufsschulstufe provoziert habe. „Sie hat den Unterricht durch unentwegtes Nachfragen gestört“, erzählt Bauer. Daher habe einmal eine Mitarbeiter die Praktikantin „angeschrien, dass sie endlich ruhig sein soll“. Das aus dem Kontext gerissen könne ein negatives Bild auf die pädagogische Arbeit werfen, vermutet der 59-Jährige, der die Schule seit zehn Jahren leitet.

Auffällige Kurzzeit-Praktikantin

Drei Tage war „Stefanie Sott“, wie sich die junge Frau nannte, kurz nach Schuljahresbeginn im September 2016 im Haus. Sie hatte vorgegeben, ein zweiwöchiges Praktikum machen zu wollen. Dann schickte Praktikantin Sott eine E-Mail: Sie werde aus persönlichen Gründen nicht mehr kommen. Am 19. Januar traf laut Hanslmeier-Prockl das Schreiben von InfoNetwork ein. Darin standen Fragen zur Personalsituation in der Schule und zu konkreten pädagogischen Szenen. „Seitdem ist die Verunsicherung sehr groß“, erzählt Bauer von seinem Team.

Die Mitarbeiter erinnern sich an die auffällige Kurzzeit-Praktikantin. Einer identifiziert sie bei einer Recherche im Internet als die Undercover-Reporterin Caro Lobig, die bereits für „Team Wallraff“ tätig war. Das Schreiben von InfoNetwork nennt den 2. Februar als Frist zur Beantwortung der Fragen. Daher blickt die Schule besorgt auf den Sendetermin von „Team Wallraff“ am Montag. 20. Februar, um 21.15 Uhr.

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