1. Startseite
  2. Lokales
  3. Ebersberg
  4. Steinhöring

50 Jahre Einrichtungsverbund Steinhöring: Pionierarbeit für Menschen mit Behinderung

Erstellt:

Von: Josef Ametsbichler

Kommentare

Zwei Generationen, ein Ideal: Anton Karl, 78, baute den Einrichtungsverbund Steinhöring in den 1970ern in dem ehemaligen Steinhöringer Kinderkrankenhaus auf. Heute leitet Gertrud Hanslmeier-Prockl den Verbund.
Zwei Generationen, ein Ideal: Anton Karl, 78, baute den Einrichtungsverbund Steinhöring in den 1970ern in dem ehemaligen Steinhöringer Kinderkrankenhaus auf. Heute leitet Gertrud Hanslmeier-Prockl den Verbund. © Stefan Roßmann

In den 50 Jahren, seit in Steinhöring Arbeit für Menschen mit Behinderung geschieht, hat sich der Sektor völlig verändert. Der Einrichtungsverbund hat die Entwicklung nicht nur mitgemacht, sondern auch gestaltet.

Steinhöring – Als Anton Karl 1971 in Steinhöring ein stillgelegtes Kinderkrankenhaus übernahm und in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung umbaute, funktionierte Behindertenarbeit weitgehend noch nach dem Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Wer nicht „normal“ war, landete in einer Anstalt, so hieß das damals, oder wurde von der eigenen Familie versteckt, um nicht als Dorfidiot herhalten zu müssen. Falls sie oder er das Dritte Reich überlebt hatte.

Gründerjahre: Anton Karl vor einem Schild, das die verschiedenen Einrichtungen listet.
Gründerjahre: Anton Karl vor einem Schild, das die verschiedenen Einrichtungen listet. © EVS Steinhöring

Karl, ausgebildeter Sozialarbeiter, machte es bei der Gründung des Betreuungszentrums Steinhöring (BZ) anders. Er ließ die Kette mit dem Vorhängeschloss am Einfahrtstor entfernen. Und das Tor gleich mit. Und die Zäune und dichten Fichtenhecken ums Gelände, teils ohne Rücksicht auf behördliche Vorgaben. „Wir hatten damals das Glück, ganz neu anfangen zu können“, erinnert sich der heute 78-Jährige. Für ihn und sein Team der ersten Stunde bedeutete das: Ab durch die Hecke, auf die Menschen außerhalb der Einrichtung zugehen.

Gründungs-Chef: „In Steinhöring hat sich damals keiner über uns gefreut“

„In Steinhöring hat sich damals keiner über uns gefreut, behaupte ich“, sagt der erste BZ-Chef heute, 50 Jahre später. Das halbe Jahrhundert dazwischen feiert das BZ, das heute Einrichtungsverbund Steinhöring heißt, nun als Jubiläum. An diesem Wochenende mit allen Bewohnern aller Einrichtung, von Eglharting über Ebersberg bis zum Fendsbacher Hof im Nachbarlandkreis Erding. Ausnahmsweise unter sich – wegen des Coronavirus.

Das Kinderkrankenhaus in den 1950er-Jahren.
Das Kinderkrankenhaus in den 1950er-Jahren. © EVS Steinhöring

Normalerweise wackelt der ganze Ort, wenn es im Einrichtungsverbund etwas zu feiern gibt – der EVS und Steinhöring scheinen stellenweise miteinander verschmolzen. Das liegt an dem Ansatz, den Anton Karl geprägt hat und den die heutige EVS-Chefin Gertrud Hanslmaier-Prockl (49) weiterführt. „Es ist normal, verschieden zu sein“, steht im einrichtungseigenen Café Wunderbar in großen Kreidelettern über der Theke. Den Bedenken, die in den Siebzigern vor Ort herrschten, begegnete die Einrichtung mit totaler Offenheit, lud die Steinhöringer zu Sportfesten, Musikabenden und Gottesdiensten ein, teilte Schwimmbad und Kegelbahn mit den Vereinen und Bürgerinnen und Bürgern. Hemmschwellen einreißen, wo es geht. „Seid’s freundlich zu den Nachbarn“, gab Karl nach eigener Erzählung den Bewohnern mit auf den Weg, als der EVS, damals noch BZ, immer mehr Wohngruppen aus dem Kerngelände in den Ort verlagerte.

Einrichtungen für alle Lebensabschnitte

Der EVS Steinhöring von oben im Jahr 2018.
Der EVS Steinhöring von oben im Jahr 2018. © EVS Steinhöring

Das Wachstum, das die Einrichtung über die vergangenen Jahre hingelegt hat – auf fast 1000 Mitarbeiter und rund 1500 Menschen, denen die Einrichtung Hilfestellung leistet, ist noch lange nicht zu Ende, vermutet die aktuelle Chefin. „Die Idee war nie, größer zu werden, sondern immer, dem Bedarf gerecht zu werden“, betont sie. So umfasst der EVS heute von der Frühförderung über Kita und Schule, Werkstatt, Wohn- und Pflegebereich sowie Seniorentagesstätte alle Lebensabschnitte. „Wir sind miteinander alt geworden“, frotzelt Senior-Chef Karl, der sich das „Wir“ auch nach 15 Jahren Ruhestand nicht abgewöhnen will. „Beim Geist und der Atmosphäre hat sich nicht viel geändert, aber die Bürokratie hat schlimm zugenommen“, diagnostiziert Karl und seine Nachfolgerin nickt vorsichtig-diplomatisch.

Noch mehr Nachrichten aus der Region Ebersberg lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare