Schlafstörungen, Herzrasen, Schweißausbrüche

Brummton in Steinhöring: Wie die Anwohner leiden

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Steinhöring - 100 Steinhöringer hören ein mysteriöses Brummen. Sie haben Schlafstörungen, Herzrasen, Schweißausbrüche. Noch schlimmer ist aber: Manche halten die Opfer für Spinner. Ein Besuch.

Josef Huber, 66, sitzt in der Küche, hinter ihm der Jesus im Herrgottswinkel. Vor ihm auf dem Holztisch das „Protokoll über Brummen und Vibrieren in unserem Haus“. Er hat das nämlich mal aufgeschrieben, die Sachen, die er und seine Frau fast Tag für Tag erleben, vor allem aber Nacht für Nacht. Die Sachen, die sie hören und fühlen. Die Sachen, die sie fast wahnsinnig machen. Es ist nämlich so: Ihr altes, auf einer kleinen Anhöhe gelegenes Bauernhaus in Sensau, einem Ortsteil von Steinhöring, vibriert. Es brummt. 100 Menschen in der Gemeinde im Kreis Ebersberg mit seinen 4000 Einwohnen geht es genauso, heißt es. Sie alle hören einen mysteriösen Ton.

Böse Zungen nennen den Ort: „Das Dorf der Schlaflosen.“ Symptome, unter denen Josef Huber leidet: Schweißausbrüche, Herzrasen und eben Schlaflosigkeit.

So wird der Ton beschrieben: Wie das dauernde Surren eines Kühlschranks, der neben einem steht. Wie ein Lkw im Kopf.

„Wegziehen kommt nicht in Frage. Wir sind zuerst da gewesen. Das ist unsere Heimat.“ Brummtonopfer Josef Huber.

Es ist unerträglich, sagt Huber, der früher Volksschullehrer und auch Gemeinderat in Steinhöring war. Heute ist er vor allem ein durchaus bekannter Zitherspieler. „Weinberg Zithermusi“ heißt seine Gruppe. Manchmal brennt er auch Schnaps. Aber irgendwie macht das alles keinen Spaß mehr, seit er nachts nicht mehr schlafen kann. Huber blättert in den engbeschriebenen Seiten. 26. März 2014, steht da: „Bei Nacht ist Ruhe wegen Schlaftablette Zolpidem 5mg, jedoch Brummen ab 7 Uhr, starkes Brummen ab 14.30 Uhr nachmittags.“

Am Tag darauf hat er in sein Protokoll geschrieben: „Schwächeres Brummen und Vibrieren um ca. 3.30 Uhr. 5 Uhr, kaum mehr Brummen.“

Übernächster Tag: „Leichtes Vibrieren ab 5 Uhr, schweres Brummen und heftiges Vibrieren ab 8.05 Uhr, ist wie 10 000 Ameisen über den Körper krabbeln, Schwindelgefühle.“

So geht das viele Seiten und Monate weiter. So geht es den Hubers, seit Frau Huber eines nachts vor vier Jahren aufgewacht ist und und ihren Josef gefragt hat: „Sag amoi, läuft da die Hauswasserpumpn?“

Viele Steinhöringer glauben, dass sie die Ursache für den mysteriösen Brummton kennen

Die Hubers sind aufgestanden, haben nach der Pumpe geschaut, aber die war mucksmäuschenstill. Seitdem ist der Brummton in ihren Leben. Josef Huber hat es mit Ohropax versucht. „Aber das war Wahnsinn“, sagt er. „Weil der Ton über den Körper aufgenommen wird.“ Er hat dann zwar nichts mehr gehört, dafür hat er vibriert. Auch in Pfaffing, dem Nachbarort im Landkreis Rosenheim, hören manche den Brummton.

Steinhöring hat 4000 Einwohner. Das Dorf liegt an der B 304. Nach Wasserburg sind es 16 Kilometer.

Es ist ein Drama. Aber keiner weiß, woran es liegt. Wenigstens nicht richtig. Vermutungen, Gerüchte und auch Anschuldigungen gibt es reihenweise. Eine Vermutung, die viele haben, geht so: In der Gemeinde stehen Öltanks, sie gehören dem Mineralölkonzern OMV. Steinhöring ist ein Zwischenlager. Zähflüssiges Rohöl aus der ganzen Welt wird seit fast 50 Jahren im Hafen von Triest in die Transalpine Ölleitung eingespeist, von Italien über Österreich gelangt es nach 300 Kilometern in die oberbayerische Gemeinde mit dem Brumm-Problem. Von dort wird es weitergeschickt nach Karlsruhe. Und zur Raffinerie in Burghausen, Fließgeschwindigkeit 150 Liter pro Sekunde. Die Transalpine Ölleitung GmbH und der Mineralölkonzern OMV brauchen dazu Hochleistungspumpen.

Die gigantischen Öltanks von Steinhöring: Manche meinen, dass es einen Zusammenhang mit dem Brummen gibt.

Viele Steinhöringer glauben, das sei der Auslöser des tieffrequenten Brummtons. Die beiden Firmen widersprechen. „Es gibt bis dato keine Hinweise auf die OMV als Verursacherquelle“, so das Unternehmen. Es gab bereits mehrere Messungen in dem Ort, zuletzt hat ein Expertenbüro in München drei Wochen lang Luftschall- und Schwingungsemissionen aufgezeichnet. Das Landratsamt ist längst eingeschaltet und auch der Landrat – aber das Rätsel konnte trotzdem nicht gelöst werden. Steinhöring brummt weiter. Und auch schräge Vögel melden sich zu Wort: Manche meinen, man höre in Steinhöring einen Ur-Ton, der bei der Entstehung der Erde entstanden sei. Im Internet gibt es dutzende Seiten von Brummtonopfern. Ein selbsternannter Experte rät in Notfällen zu chirurgischen Maßnahmen: nämlich der Durchtrennung einer Sehne im Ohr.

Das alles zermürbt die Opfer, denn sie müssen sich auch immer wieder Unverfrorenheiten anhören. Manche sagen, auch Menschen aus dem Ort: Die Brummopfer spinnen – oder machen sich wichtig. Josef Huber, der übrigens nur gut 300 Meter von der Transalpinen Ölleitung entfernt wohnt, sagt: „Viele Leute trauen sich gar nicht mehr raus.“ Sie trauen sich nicht mehr zu sagen, dass es bei ihnen brummt.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum manche plötzlich sagen, dass es bei ihnen doch nicht mehr so arg brummt – Geld. Denn inzwischen haben die Behörden einen neuen Plan: Es soll ein weiteres aufwendiges Lärm-Gutachten geben, das bis zu 90 000 Euro kosten könnte. Der Landkreis will die Hälfte zahlen, die Gemeinde Steinhöring ein Viertel, ein Viertel sollen die Brummopfer selber zahlen, also alle zusammen bis zu 22.500 Euro. Ein Aufreger in dem eh schon geplagten Dorf.

„Am Ende der Weisheit.“ Bürgermeister Hofstetter.

Bürgermeister Alois Hofstetter (CSU), der den Ton selbst nicht hört, sitzt in seinem Amtszimmer und sagt: „Wenn ich das Problem hätte, dann würde ich die 200 Euro zahlen.“ So eine Messung sei keine Pflichtaufgabe einer Kommune. Trotzdem sind viele Opfer enttäuscht, sie hätten sich die Solidarität der Gemeinde gewünscht. Aber der Bürgermeister sagt: „Wenn man was umsonst kriegt, dann ist es nichts wert.“ Er sagt aber auch: „Es ist erwiesen, dass es dieses Phänomen gibt. Das steht in einem der letzten Gutachten. Es ist was da, aber wir wissen nicht was.“ Von offizieller Seite ist man sich jedenfalls sicher, dass das Brummen kein Hirngespinst ist. Inzwischen hat Hofstetter angekündigt, dass das neue Gutachten nicht an ein paar Euro scheitern wird.

Wenn alles gut geht, dann soll in den nächsten Wochen wieder gemessen werden. „Ich glaube, ich wäre der Glücklichste, nach den Betroffenen, wenn man endlich was findet“, sagt Hofstetter. Im Dorf erzählt man sich, dass die Grundstückspreise in den Brumm-Gebieten angeblich schon fallen. Die ersten Makler haben zum Bürgermeister gesagt: „Es wird schwieriger, bei Euch zu vermieten.“

In Piding im Berchtesgadener Land gab es jahrelang ein ähnliches Problem. Auch dort war die Verzweiflung groß. Denn es hat immer wieder gestunken – faulig und stechend. Geruchsexperten sind in dem Dorf ein- und ausgegangen. Keiner hat was gefunden. Noch heute rätseln die Bewohner, was sie da heimgesucht hat. „Aber wir sind nicht hysterisch geworden“, sagt der Pidinger Bürgermeister Hannes Holzner. Seit August stinkt’s nicht mehr. Das ging wie von Geisterhand.

So lange will Heinrich Hufnagel, 73, nicht warten. Und auf Geister schon gar nicht. Hufnagel ist Diplom-Ingenieur; er wohnt im Steinhöringer Ortsteil Abersdorf. Er hört das Brummen zwar nicht. Aber es treibt ihn um. Am liebsten würde er selber messen und analysieren. „Der Landkreis soll sich eine eigene Messapparatur kaufen“, sagt er. „Das kostet unter 1000 Euro.“ Er würde die Messung ehrenamtlich betreuen, vielleicht zusammen mit der „Fachschaft Energie“ im Kreis Ebersberg, die er mitbegründet hat. Aber bisher darf er nicht.

Das Thema hat Steinhöring deutschlandweit bekannt gemacht. Darauf hätte Josef Huber gerne verzichtet. Der Mann mit dem gezwirbelten Bart sitzt in seinem Bauernhaus in Sensau. Er blättert ein letztes Mal durch sein Brumm-Protokoll. Vor zwei Jahren hat er geschrieben: „Verspüre Druck in den Ohren, wie bei der Abfahrt von einem Gebirgsberg, Ohrenschnackeln, der ganze Körper wird mit einem pulsierenden Vibrieren durchzogen, Kopfschmerzen.“

Die letzten Jahre waren manchmal furchtbar. Auch heute ist es nicht viel besser. „Aber wegziehen“, sagt er, „kommt nicht in Frage: Wir waren zuerst da. Das ist unsere Heimat.“ Er hat dem Brummton den Kampf angesagt. Soll er doch wieder kommen. Die Hubers sitzen das aus. Alles andere wär’ ja noch schöner.

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