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Theaterclub des Einrichtungsverbunds Steinhöring
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Um das Ungeheuer Nessy drehte sich ein Stück, das die Theaterleute des Einrichtungsverbunds gerne spielen. Ein zweiter Teil folgt im nächsten Jahr - hoffentlich.

Arbeit mit behinderten Menschen

Eine große Familie: 25 Jahre Theater des Einrichtungsverbunds

  • vonJörg Domke
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Der Theaterclub des Einrichtungsverbunds Steinhöring wird 25 Jahre alt - und kann das wegen Corona nicht feiern. Ganz schön doof finden das die Schauspieler.

Steinhöring– 2020 sollte ein so richtig tolles Jahr werden. Eigentlich. Das Jubiläumsstück war längst schon geschrieben, die Rollen allesamt verteilt. Um „Nessy“ sollte es gehen. In diesem Fall um ein liebes Ungeheuer aus Schottland. Das entführt wird von einem windigen Geschäftsmann und verkauft an einen Zirkus. Doch zwei Freundinnen wollen „Nessy“ helfen und es aus den Fängen des Zirkusdirektors befreien. Sie lassen sich dort einstellen.

Eine Geschichte, die sich William Lord ausgedacht hat. Also der Billy, wie alle sagen, der 1995 den Theaterclub des Einrichtungsverbunds Steinhöring gründete und das Ensemble mit seinen derzeit 23 Akteuren seither ehrenamtlich leitet. Der sich, mit ein paar wenigen Helfern, um Kostüme kümmert, Requisiten und die Technik. Und halt eben regelmäßig Stücke schreibt, die die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht in jedem Jahr, aber doch regelmäßig aufführen: in Steinhöring, Ebersberg, Anzing, Markt Schwaben, Poing, Pliening, Zorneding, Glonn, Fendsbach, in München im Tams Theater, in Giesing, Bad Aibling, Ingolstadt (beim Theater-Festival), Buchloe oder auch schon in Regensburg beim Kirchentag.

Das besondere an der Schauspielertruppe: Alle Akteure sind behindert. Besser gesagt: Sie werden betreut. Aber alle sind eben auch ausgestattet mit ganz eigenen Fähigkeiten. Und genau das macht den Theaterclub von Billy Lord weit und breit einmalig.

Der Chef ist inzwischen 71. 2009 wurde er bereits vom Bezirk Oberbayern für sein ehrenamtliches Engagement geehrt, 2013 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz.

Idee entstand mit der Offenen Behindertenarbeit

Schon 1978 hatte der Anzinger in seinem Heimatort einen Pfadfinderstamm gegründet. Die Mitglieder waren vielseitig aktiv, auch im Theaterspiel. Dabei entwickelte sich nach und nach auch eine Zusammenarbeit mit der Offenen Behindertenarbeit (OBA) im Landkreis Ebersberg. Bei einem Kleinkunstabend der OBA war dann die Idee entstanden, auch ein Theaterstück mit Betreuten einzuüben. Das war der Startschuss: Vor genau 25 Jahren.

Mit „Nessy“ sollte das Jubiläum heuer groß gefeiert werden. Geprobt wurde schon ab Herbst 2019. Doch heuer am 5. März war Ende. Corona. Was folgte, war eine bis heute andauernde Unterbrechung, denn im Mehrzweckraum in Steinhöring geht seither nichts mehr.

Anita Unterreitmeier und Rosmary Fleischer, zwei langjährige Hobby-Schauspielerinnen, haben viel Verständnis dafür entwickelt, dass das Virus gerade massiv auch ihre sozialen Kontakte arg einschränkt. Dass auch ihr geliebtes Theaterspiel zurzeit und bis auf Weiteres auf Eis liegt, kommentieren die beiden Damen kurz und knapp mit einer ganz direkten, unverblümten Vokabel: „Doof.“

Das Theaterspielen fehlt den Akteuren

Dass ihnen gerade ziemlich viel fehlt, wo ihnen Theater doch so viel Spaß macht, ist in einem Gespräch mit der Heimatzeitung in jedem ihrer Sätze zu hören. Aber eben auch nicht zu ändern. Die beiden Freundinnen spielen in der Konzeption für Billy Lord eine wesentliche Rolle.

Es sind zwei, sagt er, die die anderen mitzuziehen können. Die bislang rund 15 Stücke aus Lords Feder sind allesamt selbst geschrieben. „Wenn man offen ist und wach durch das Leben geht, kommen die Ideen von allein“, hatte er schon mal in einem früheren Interview gesagt. „Beim Schreiben achte ich immer darauf, ein Limit nicht zu überschreiten“, sagt der gebürtige Engländer. Wichtig sei der rote Faden, an dem sich alle orientieren könnten. Jeder könne außerdem die Texte so verändern, wie es ihm passe. Nicht wichtig sei, dass jeder Satz unverrückbar sei. Die Freiheit zur Improvisation gehöre dazu, die Handlung sei schließlich jedem bekannt.

Im Laufe der Proben bringen sich die Akteure auch selber mit eigenen Ideen immer wieder ein. Und so freut sich der Autor sogar, wenn die Aufführungen von Mal zu Mal immer besser werden.

Anfangs, so berichtet Lord, habe er selbst noch mit einigen anderen Nichtbehinderten mitgespielt. Ihre Rollen bestanden darin, den Betreuten zu helfen, damit die Geschichte „transportiert werden konnte“, wie er sagt. Doch je mehr auch stärkere Betreute zum Club kamen, um so mehr konnte sich Lord zurücknehmen und sich voll auf die Aufgabe des Regisseures konzentrieren.

An der Wichtigkeit des Theaters für die Betreuten gibt es längst keinen Zweifel mehr. Schauspielerinnen wie Julia, Lords Tochter, Rosmary oder Anita erzählen, dass ihnen Theater nicht nur große Freude mache, sondern auch Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl gebe.

Schauspieler werden von Mal zu Mal mutiger

Lord kennt da viele solche Beispiele. Berichtet zum Beispiel von einer Frau, die er kennenlernte mit einer ganz, ganz dünnen, fast unscheinbaren Stimme, die sich aber von Auftritt zu Auftritt immer mehr zutraute bis hin zu kleinen Sprechrollen, bei denen sogar geschrien werden musste.

Inzwischen hat der Theaterchef quasi das Problem, mehr Interessenten zu haben als Kapazitäten. „Es gibt viele, die mitmachen wollen, aber mit 23 sind wir voll“, sagt er mit Bedauern. Und ist dabei so froh, dass ihm wenigstens ein paar Mütter helfen, das Drumherum zu erledigen.

Das Theaterspiel aus Steinhöring finanziert sich übrigens ausschließlich aus Spenden. Gesammelt wird stets am Rande der Auftritte. „Wir wären froh, wenn es wieder losgeht“, sagen Anita und Rosmary. Und Billy Lord resümiert: „Wenn ich auf die 25 Jahre zurückblicke, möchte ich keine Minute missen. Die Gruppe ist längst eine große Familie.“

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