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"Gar nicht auszudenken, wenn er auf die Idee gekommen wäre, mit dem Lieferwagen gegen die Zapfsäulen oder in den Shop zu fahren", sagt Tankstellen-Pächter Wolfgang Jenuwein (r.). Fliesenleger-Meister Erich Kandlbinder (52, l.) behielt die Nerven und verhinderte Schlimmeres.

Bulgare verfolgte eine Frau kilometerlang

Sie stoppten den Rambo-Fahrer auf der A94

Markt Schwaben - Es klingt wie aus einem Quentin-Tarantino-Film: Ein Lastwagenfahrer aus Bulgarien hat eine Frau aus Markt Schwaben kilometerlang auf der A94 verfolgt, ihr Auto mehrmals gerammt. Dank mutiger Passanten konnte der betrunkene Bulgare schließlich gestoppt werden.

Sonntagabend, 19 Uhr, Petra W. ist auf dem Nachhauseweg, als der Horror beginnt: An der Ausfahrt Anzing der A94 (Richtung Passau) bedrängt sie ein kleiner Lastwagen, Augenzeugen sprechen von einem neuwertigen Vier-Tonner. Der Unbekannte verfolgt die 50-jährige Frau 3,5 Kilometer weit, bis Markt Schwaben. "Ich wusste nicht, was der wollte", berichtet Petra W. aus Ottenhofen (Kreis Erding) 24 Stunden später, am Montagabend, im Gespräch mit der Ebersberger Zeitung.

Sie konnte gerade noch rechtzeitig in den Shop der Esso-Station in Markt Schwaben fliehen, während der Täter, laut Polizei ein 60-jähriger Bulgare, draußen völlig ausflippte. Einem Nachbar, der zufälligerweise an der Tankstelle vorbeiging, ist es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Denn: "Der hat mit dem Zeigefinger auf Passanten gezielt und so getan, als würde er schießen", berichtet Tankstation-Betreiber Wolfgang Jenuwein. Dann sei der Unbekannte zurück ins Führerhaus "und alle dachten, er holt jetzt eine Waffe". Tat er nicht. Und er konnte mit dem Lieferwagen auch kein noch größeres Unheil anrichten, beispielsweise in den Tankshop hineinfahren. Denn: Nachbar Erich Kandlbinder war mutig ins Führerhaus gesprungen und zog den Zündschlüssel, als der Bulgare wieder starten wollte.

Es klingt wie aus einem Quentin Tarantino-Film, was sich da Sonntagabend zugetragen hat. Auf der Autobahnausfahrt ging's los. "Mein erster Gedanke war, dass der Mann wohl die Ausfahrt verpasst hat und deshalb noch schnell rübergezogen ist", erzählt Petra W. Der Lieferwagen bugsierte die 50-Jährige fast von der Fahrbahn und fuhr nun ganz dicht hinter ihr her. Auf der Staatsstraße zwischen Anzing und Markt Schwaben habe der Mann mindestens drei Mal ihr Auto von hinten gerammt, erzählt Petra W. Warum? "Keine Ahnung", sagt sie. In ihr aber stieg die Angst hoch. "Was will der bloß von mir?" Sie hielt sich an die Tempolimits auf der viel befahrenen Staatsstraße 2081, der Lieferwagen nur wenige Zentimeter dahinter. Auf Höhe des Weilers Staudach habe er versucht, sie zu überholen. "Er schnitt mir den Weg ab und es sah so aus, als wolle er vor mir stehen bleiben." Wie ein Polizeiauto, das bei einer Verfolgungsjagd einen Täter stoppt. Petra W. fuhr zur Seite, wich aus und setzte ihre Fahrt fort. Der Lieferwagen erneut hinterher. "Zum Glück sah ich dann die Tankstelle", erzählt Petra W. Sie steuerte ihr Auto aufs Gelände, der Lieferwagen folgte und rammte den Wagen - derart stark, dass er diesen auf zwei weitere Autos schob, die gerade an den Zapfsäulen standen.

Petra W., die leicht verletzt wurde, stieg aus, schrie laut um Hilfe, flüchtete in den Tankstellen-Shop und versteckte sich am Boden. "Unser 18-jähriger Kassier, der Dienst hatte, hat genau richtig gehandelt: Den Shop zugesperrt und sämtliche Zapfsäulen außer Betrieb gesetzt", lobt Tankstellen-Betreiber Wolfgang Jenuwein. Draußen drohte der 60-jährige Bulgare auszuflippen. "Gar nicht auszudenken, wenn er auf die Idee gekommen wäre, mit dem Lieferwagen gegen die Zapfsäulen oder in den Shop zu fahren", sagt Jenuwein.

Soweit konnte es zum Glück gar nicht kommen, dank Erich Kandlbinder. Der 52-jährige Fliesenleger-Meister wohnt gegenüber der Tankstelle und war Sonntagabend mit seiner Familie zu Fuß unterwegs zum Pizzaessen. Als er bemerkte, dass auf dem Tankstellen-Gelände große Aufregung und viel Geschrei herrschte, lief er hinüber. "Ich sah den Fahrer des Lieferwagens wild gestikulieren", erzählt Kandlbinder. Der Markt Schwabener sprang ins Führerhaus, hielt mit der linken Hand den Mann zurück und zog mit der rechten den Zündschlüssel. "Dann bin ich wieder raus und habe den Schlüssel dem Kassier im Shop gegeben." Der Bulgare, so berichtet Kandlbinder, habe ihm daraufhin immer wieder gedeutet, dass er ihm den Kopf abschneiden würde. Mittlerweile hatten sich mehrere Passanten um den Mann geschart. "Viele junge Leute, denen ich unendlich dankbar bin, dass sie den Mann in Schach gehalten haben", sagt Petra W.

Kurze Zeit später kam die vom 18-jährigen Kassier alarmierte Polizei und nahm den 60-jährigen Fahrer des Lieferwagens fest. Laut Polizeibericht war der Bulgare betrunken; sowohl Petra W., Wolfgang Jenuwein als auch Erich Kandlbinder berichteten am Montag der Ebersberger Zeitung, dass der Mann "wohl einen Vollrausch" gehabt habe. Sie alle hatten deutlichen Alkoholgeruch bemerkt. Und: "Gleich, nachdem die Polizisten den Täter in den Streifenwagen gesetzt hatten, ist der Mann eingeschlafen." Als Petra W. später in der Polizeiinspektion Poing, wo sie ihre erste Aussage machte, den Mann sitzen sah, habe er sie gar nicht richtig wahrgenommen.

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft München II ist der 60-Jährige Montagnachmittag dem zuständigen Haftrichter vorgeführt worden. Ihm wird laut Polizei unter anderem ein Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung vorgeworfen

Armin Rösl

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