„Jedes Exemplar ist ein Unikat“: Stefan Fischer mit zwei seiner Tätowiermaschinen. Foto: Stefan Rossmann

Tattoos sind seine Religion

Grafing - Seine Geräte sind weltweit gefragt: Stefan Fischer baut in Grafing Tätowiermaschinen, mit denen selbst am anderen Ende der Welt Motive gestochen werden. Ein Besuch in seiner Werkstatt, die gleichzeitig Büro und Versand ist.

Wie Ausstellungsstücke in einem Museum sind die Tätowiermaschinen unter einer Plexiglasscheibe angeordnet. Jede Maschine ein kleines Kunstwerk, das perfekt in der Hand liegt, ausgestellt in einer eigenen Box. „Jedes Exemplar ist ein Unikat mit Unterschieden im Design, der Laufeigenschaft oder der Geschwindigkeit, mit der gestochen wird“, erklärt Stefan Fischer (35). Er betreibt in Grafing die Firma „Bavarian Custom Irons“, ein kleiner, eher unscheinbarer Laden nahe des Bahnhofs, der deutschlandweit einzigartig ist.

Mit 16 oder 17 Jahren habe er sich das erste Tattoo stechen lassen, erinnert sich Fischer. Die „großen Sachen“ hätten erst mit Ende 20 angefangen. Mittlerweile sieht er die Kunstwerke als „Ganzkörperprojekt“. Ende dieses Jahres will er damit fertig sein, Platz für Tattoos ist noch am Bauch, auf den Oberschenkeln und an den Füßen. „Ich mag keine blanke Haut“, sagt Fischer. Nur eine Stelle will er sich niemals tätowieren lassen. „Das Gesicht ist tabu, weil im Gesicht steckt die Persönlichkeit, die darf man meiner Meinung nach nicht berühren.“

Die Grundlagen für sein Handwerk hat der Grafinger bei verschiedenen Stationen gelernt. Erst machte er eine Lehre als Industriemechaniker. Die brach Fischer zwar vorzeitig ab, das dort gewonnene Wissen für den Bau von Maschinen hilft ihm aber noch immer. Zwölf Jahre arbeitete der 35-Jährige danach als Kinderpfleger, lernte während dieser Zeit in Studios auch zu tätowieren, bevor er sich 2007 mit seiner Firma selbständig machte. „Seitdem mache ich jeden Tag nichts anderes mehr“, sagt Fischer. „Ich werde auch nichts anderes mehr machen. Das ist mein Lebenswerk und der Weg in andere Berufe ist eh versperrt“, sagt der Grafinger und präsentiert seine tätowierten Unterarme. Die Zeichnungen reichen bis zu den Fingernägeln seiner linken Hand. Platz für Farbe ist nur noch auf den jeweils unteren zwei Fingergliedern seiner rechten Hand. „Tattoos gibt es seit dem Beginn der Menschheit. Das ist meine Religion.“

Rund 20 verschiedene Modelle von Tätowiermaschinen hat Stefan Fischer mittlerweile im Sortiment, „Tendenz steigend“, wie er sagt. Jede Maschine besteht aus etwa 40 Einzelteilen, die der Grafinger größtenteils selbst herstellt. Fein säuberlich sind Schräubchen, Platten, Griffe und andere Bauteile neben- und übereinander in blauen Boxen auf der Werkbank abgelegt. Die selbst gewickelten Magnetspulen stehen in Reih und Glied daneben.

„Mit den Sachen, die es damals am Markt gab, war ich nicht zufrieden“, sagt Stefan Fischer und zeigt seine erste selbst gebaute Tätowiermaschine aus dem Jahr 2006. „Die wollte dann jeder haben, der sie gesehen hat.“ In der Anfangszeit seines Daseins als Hersteller von handgefertigten Tätowiermaschinen fuhr Fischer noch wie ein Vertreter von Studio zu Studio und verkaufte die kleinen Geräte aus einem Waffenkoffer heraus. Heute hat sich Bavarian Custom Irons weltweit einen Namen gemacht. Kunden aus Singapur, Australien oder Italien blicken verwundert drein, wenn sie statt in eine Metropole ins beschauliche Grafing kommen müssen, um die Produktion sehen zu können.

Regelmäßig zu Besuch ist auch der Neuseeländer Lucky Diamond Rich, dem Guiness-Buch nach der weltweit einzige Mensch, dessen Haut zu 100 Prozent von Tatoos bedeckt ist. Stefan Fischer nennt ihn einen guten Freund. Auch der Rekordmann tätowiert mit Maschinen aus Grafing - am anderen Ende der Welt.

Von Johannes Markmann

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