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Jetzt ist Showtime in der Küche. 

Besuch bei einer Verkaufs-Party

Thermomix: Milliardengeschäft in Muttis Küche

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Er ist der beste Mann im ganzen Haushalt, das sagen die einen. Die anderen halten den Thermomix für den Totengräber des echten Kochens. Eine Spurensuche. Wo? Auf einer Thermomix-Party.

Markt Schwaben – Jetzt ist Showtime. Mundwinkel hoch, gute Laune an. Margit Hartl, 55, hebt den Plastikspatel in die Luft: „Wer möchte mit mir den Hefeteig zubereiten?“ Mit allumfassender Freundlichkeit will sie heute ihre Zuschauer knacken. Es ist ein Samstagnachmittag im Hause Menzinger. Eine ockergelbe Doppelhaushälfte in Markt Schwaben, Kreis Ebersberg. Die lila Wandfarbe in der Küche harmoniert mit den Orchideen auf der Fensterbank. Bettina Menzinger hat ihre Mutter, ihre Schwiegereltern, ihre Schwägerin und deren Tochter zum Kochen eingeladen. Es gibt Vollkornbaguette mit Aufstrich, Rohkostsalat, Gemüse, Kartoffeln, Reis und Himbeersorbet. Vater und Tochter Menzinger haben das Haus verlassen, sie sind heute Mittag lieber woanders.

Denn das hier ist kein nettes Familienessen. Auch wenn Schwiegermama Rosmarie Menzinger sagt, sie sei deswegen gekommen. Das gemeinsame Kochen ist eine Verkaufsveranstaltung, fester Bestandteil der Marketingstrategie der Firma Vorwerk. Margit Hartl ist Thermomix-Vertreterin, TM-Repräsentantin, wie das im Hause Vorwerk heißt. Bettina Menzinger hat sie eingeladen, das Wundergerät vorzustellen: den Retter aller Hausfrauen, den Erlöser, den Thermomix.

Margit Hartl wird das Standard-Menü kochen, bei dem sie fast alle Funktionen zeigen kann. Denn der Thermomix hackt, er mahlt, er mixt, er rührt, er wiegt ab, er knetet, er dämpft, er emulgiert, er schlägt Sahne und die Rezepte kennt er auch auswendig.

Es gibt zahlreiche solcher Geräte auf dem Markt. Doch an den Erfolg des Thermomix kommen die Konkurrenten nicht heran. Weltweiter Umsatz 2015: 1,4 Milliarden Euro. Alle 38 Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Thermomix verkauft. Mit Abstand der wichtigste Markt ist weiterhin Deutschland.

Wer einen Thermomix will, kann ihn nur bei einer Thermomix-Repräsentantin kaufen, meistens im Rahmen einer Thermomix-Party, dem „Erlebniskochen“. Die Repräsentantinnen – zu 90 Prozent Frauen – sind selbstständige Vertreterinnen. Jede operiert eigenverantwortlich. Margit Hartl aus Anzing deckt den Münchner Osten ab. Etwa eine Verkaufsparty pro Woche veranstaltet sie. Doch nur, wenn sich aufgrund dieser drei Stunden in Bettina Menzingers Wohnküche einer der Gäste entscheidet, etwa 1200 Euro für ein Küchengerät auszugeben, wird Hartl an diesem Samstag Geld verdienen. Für die Repräsentantinnen gilt ein ausgeklügeltes Provisionssystem. Wie viel für die Vertreterinnen dabei tatsächlich rausspringt, darum macht die Firma Vorwerk ein großes Geheimnis. Im Netz ist die Rede von 10 bis 30 Prozent Provision, allerdings muss die Verkäuferin auf eigene Kosten zu den Partys fahren und oft auch die Lebensmittel kaufen.

Zuerst müssen jetzt alle erzählen, was ihnen wichtig ist beim Kochen – nette Infos für die Marketing-Abteilung von Vorwerk. Die Damen sind sich einig: Gesund und frisch soll es sein und ohne Gluta-mat. Zu viele verschiedene Zutaten will auch niemand kaufen, mehr Abwechslung wäre trotzdem schön.

Also, wer macht den Hefeteig für das Baguette? Bettina Menzinger erklärt sich bereit. Doch es gibt kaum etwas zu tun. Das neueste Modell des „Thermi“ ist über WLAN mit dem Internet verbunden und hat die sogenannte Guided Cooking Funktion. Betreutes Kochen sozusagen. Am Display wählt Menzinger das Rezept aus der Liste aus, dann übernimmt der Thermomix. „100 Gramm Dinkelkörner“ verlangt er. Deckel drauf und der „Thermi“ mahlt. Zeit und Geschwindigkeit des rotierenden Messers sind voreingestellt. „Gelinggarantie“ nennt Hartl das. Wenn der Thermomix fertig ist, meldet er sich mit einem vielstimmigen „Didimdidim“ zu Wort – so lange, bis die fleißige Köchin endlich weitermacht. Jeder Arbeitsschritt muss mit „Weiter“ bestätigt werden. Kochen ähnelt auf einmal dem Fahrkartenkauf am Automaten.

Mit einem Aufsatz kann das Gerät auch Dampfgaren. 

Oma Liane Schepetz freut sich: „Normalerweise brauche ich fünf Töpfe.“ Und Margit Hartl verspricht: Mit dem Thermomix wird alles anders. Der reinigt sich wie von selbst, ist das nicht praktisch? Praktisch ist das Zauberwort an diesem Nachmittag. Sogar die Reste vom Aufstrich kann man einfach drinlassen im Thermomix. „Das ist die Basis für unsere Soße“, sagt Hartl. „Wir Hausfrauen denken praktisch.“ Dass für das Hauptgericht insgesamt sechs Zubehörteile zum Einsatz kommen, daran denkt keiner in dem Moment.

Die Botschaft des „Erlebniskochens“: Mit dem Thermomix fällt alles weg, was ihr beim Kochen als lästig empfindet. Nur das Resultat wird noch toller. Ein Küchengerät wird zum besten Freund der Köchin. Die Gemeinde der Thermomix-Anhängerinnen (ja, es sind zum größten Teil Frauen) tauscht in eigenen Online-Portalen Rezepte aus. Sie verwenden dabei Namen wie Kochmuffelinchen oder diehildemixt. Auf Youtube präsentieren Köchinnen ihre neuesten Rezepte. Thermifee und Thermisternchen sind die Stars der Szene.

Als die Stiftung Warentest 2015 den Thermomix nur auf Platz vier von neun vergleichbaren Küchenmaschinen sah, weil er beim Mahlen von Mandeln fast so viel Lärm machte wie ein vorbeifahrender Lkw, brach über die Tester ein kleiner Shitstorm herein. Benutzer berechneten alternative Testergebnisse – bei denen der Thermomix natürlich unschlagbar war. Für sie ist der „Thermi“ mehr als nur ein Gerät – er ist fast eine Religion.

Liegt es daran, dass man den Kauf einer 1200 Euro teuren Küchenmaschine vor sich selbst rechtfertigen muss? Oder liegt es an der Thermomix-Party, die alle Nutzer zu einer großen Familie macht? Vorwerk macht sich die persönlichen Bindungen zwischen den Kunden zunutze.

Bettina Menzinger hat ihren neuen Thermomix vor ein paar Monaten bekommen. Weil sie heute die Kochparty veranstaltet, bekommt sie nicht nur ein Kochbuch geschenkt, sondern auch 150 Euro Rabatt. Tatsächlich hat Menzinger, ohne es zu merken, schon den Marketing-Sprech übernommen: „Das ist ja das Tolle, dass alles ganz frisch ist“, preist sie ihren „Thermi“ an. Ein schlechtes Gewissen, ihre halbe Familie für 150 Euro Rabatt eingeladen zu haben, hat Menzinger nicht. Und Nina Schepetz verteidigt ihre Tante auch berechtigterweise: „Wir sind ja alle freiwillig hier.“

Alle sind neugierig auf das Wundergerät, schließlich spricht jeder im Bekanntenkreis davon. Der Thermomix ist ein Statussymbol. „Bei der nächsten Grillparty können Sie sagen: Ich habe noch schnell eine Brötchen-Sonne gezaubert“, flötet Margit Hartl. Das Lob für die Brötchen-Sonne ist der Lohn für den Stress, zwischen Kindererziehung, Haushalt, Beruf und Partnerschaft auch noch ein gesundes Essen auf den Tisch zu zaubern. Der Thermomix ist die Lösung dieses Dilemmas für alle perfekten Hausfrauen und Mütter, Gattinnen und Karrierefrauen, so das Versprechen. Jedes fertige Gericht hält Margit Hartl den Gästen unter die Nase, mit einem kleinen Knicks im Knie. Die Familie isst mit Appetit. Der rohe Brokkoli im Salat überrascht die Testesser. Das Blumenkohlgemüse mit Soße schmeckt – so wie gedämpfter Blumenkohl mit wenig Gewürzen eben schmecken kann.

Nach dem Essen kommt für Hartl der spannende Moment. Aber die Familie ist zögerlich. „Ich würde die Röstaromen vermissen“, sagt Daniela Schepetz. Rosmarie Menzinger macht der Preis „Magenschmerzen“. Nach drei Stunden Vorstellung, nach unzähligen Malen „wunderbar“, „super“, „praktisch“, entscheidet sich erst mal niemand zum Kauf. Margit Hartls perfektes Lächeln friert ein wenig ein. Für sie ist „das alles auch eher ein Hobby“, sagt sie. Für Vorwerk ist es ein milliardenschweres Geschäft.

Thermomix-Test im Video: „Obazda, der nicht nach Obazda schmeckt“

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