So berichtete die EZ vor 50 Jahren über den Wirbelsturm, der Teile des Landkreisnordens in Trümmer legte.

"Klimawandel" vor 50 und 100 Jahren

Tornado fegt über den Landkreis

Landkreis - Sind sie die ersten Boten des Klimawandels? Schon vor fünf Jahren warnte der Deutsche Wetterdienst vor „schwereren Tornados“ in Deutschland. Frühere Artikel der Ebersberger Zeitung belegen aber: Wirbelstürme gab’s bei uns schon immer.

„Dächer und Bäume wirbeln durch die Luft“, titelte die Ebersberger Zeitung am 29. August 1963. Vor 50 Jahren fegte ein Tornado über den Landkreis Ebersberg, der innerhalb von acht Minuten den Norden des Landkreises in Trümmer legte. Die Schäden beliefen sich auf die für die damalige Zeit erhebliche Summe von über sechs Millionen Mark.

Unter anderem krachte in Markt Schwaben der Fabrikschornstein der Bayerischen Kunststoffwerke auf eine Maschinenhalle. „Noch schlimmer hat es den Holzindustriebetrieb der Gebrüder Schweiger getroffen - in beiden Werken knickte der Sturm die hohen Kamine wie Streichhölzer und warf sie auf die Fabrikanlagen“, berichtete die Ebersberger Zeitung einen Tag nach dem Unglück, bei dem es wie durch ein Wunder keine Schwerverletzten noch Todesopfer zu beklagen gab. Eine ältere Frau erlitt Verletzungen, durch Hagelkörner. Sie war auf dem Feld von dem Tornado überrascht worden und hatte sich schützend über ihr vierjähriges Enkelkind geworfen. Zwei Schwerverletzte gab es aber bei den Aufräumungsarbeiten Tage nach dem Unglück, weil zwei Männer von einem Haus stürzten.

In Markt Schwaben riss der Tornado das Dach von einer Tankstelle und schleuderte die Konstruktion mehrere hundert Meter weit in eine angrenzende Wiese.

Die Wucht eines Tornados kannten die Menschen damals höchstens von Bildern aus dem Schwarz-weiß-Fernsehen. Fast keiner konnte sich deshalb daran erinnern, dass fast 70 Jahre vor dem Unglück schon einmal ein solcher Sturm mit der gleichen Wucht durch den nördlichen Landkreis gerast war. Er war die größte Umweltkatastrophe östlich von München im gesamten 19. Jahrhundert gewesen und veranlasste Prinzregent Luitpold selbst, „die Stätten der Zerstörung zu besichtigen“, wie es in der Ortschronik von Forstern an der Landkreisgrenze belegt ist. Das Unglück ereignete sich am 14. Juni 1894. Im selben Jahr wurde der Ebersberger Forst dann Opfer einer Nonnenplage. Das Insekt vernichtete riesige Waldflächen. Bei der Wiederaufforstung erhielt der Wald sein heutiges Aussehen, womit dieser Sturm sichtbare Folgen bis in unsere Tage hat.

Bei dem Wirbelsturm vor 50 Jahren wurden im Ebersberger Forst Tausende von Stämmen abgeknickt. Der Schwabener Bürgermeister Strobl wird mit den Worten zitiert, dass von den „1000 Gebäuden in Markt Schwaben keine 250 heil geblieben sind“. Die Ernteschäden waren nicht viel geringer, wird Landwirtschaftsrat Ehrenfried Gassner in der Ebersberger Zeitung zitiert. Weizen zu 100 Prozent, Mais zu 70 Prozent und Bohnen wurden ebenfalls zu 100 Prozent vernichtet.

„Mehrer Wochen“, so die erste Prognose damals, werde es dauern, bis alle wieder Strom im Haus haben. Die Isar-Amper-Werke zogen damals Arbeitskräfte aus ganz Oberbayern in Markt Schwaben zusammen, um die Schäden zu beheben, die in massenhaft umgeknickten Masten und abgerissenen Stromleitungen bestanden. Die Telefonverbindungen in den Norden des Landkreises waren ebenfalls weitgehend zerstört. Als Tage nach dem Unglück auch im Landratsamt Ebersberg das Ausmaß der Schäden erkannt wurde, entschloss sich der Landkreis Finanzhilfe beim Freistaat zu beantragen. Dazu wurden Erfassungsbögen an die Bevölkerung ausgegeben.

Im Landkreis Ebersberg lagen Freunde und Leid im Jahr 1963 nahe beieinander. Denn trotz des „Klimawandels“ im nördlichen Landkreis verzeichnete der Süden eine nie dagewesene Obsternte. Während die Bauern im Norden ohne Ernte dastanden, hatten die Landwirte im Süden eher das Problem, wohin mit dem ganzen Obst?

Michael Seeholzer

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