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Der Mann, der den 100 Jahre alten Leichenwagen der „Bestattungshilfe Riedl“ aus Ebersberg kurzerhand getestet hat: Totengräber Georg Dräxel aus Arzbach.

Totengräber-Treffen: Sterben kann auch lustig sein

Rettenbach - Sie erweisen den Menschen die letzte Ehre, sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft und manchmal liegen sie im Leichenwagen Probe: die oberbayerischen Totengräber. Ein Besuch bei ihrem Jahrestreffen.

Wenn 80 Totengräber aus Oberbayern und Österreich beim Wirt zusammenhocken, beim Weißbier, beim Schnaps, beim Schweinsbraten, dann wird als erstes übers Geschäft geredet. „Wie viel, dass er eingegraben hat, will man vom Kollegen wissen“, sagt Alois Raschhofer, 55, aus St. Marienkirchen. Der Totengräber aus Österreich ist am Kirtamontag extra nach Rettenbach (Kreis Rosenheim) gefahren. Zum alljährlichen Totengräber-Treffen. „Und zum Gedankenaustausch“, sagt er.

Bilder vom Totengräber-Treffen

Sterben kann auch lustig sein

Alex Dullinger, 32, hat das Treffen heuer organisiert. Er arbeitet beim Bestattungsunternehmen Riedl in Ebersberg. Und wie viele er unter die Erde gebracht hat, weiß er genau. „Jedes Jahr ungefähr 150“, sagt er. Totengräber ist kein Beruf wie jeder andere. Es ist ein Beruf, bei dem man Taktgefühl, Herzlichkeit und Muskelkraft braucht. Denn es wird auch im Winter gestorben. Da ist die Erde knüppelhart, keine Chance, ein Grab auszuheben Es mag sich pietätlos anhören – aber das sind die Probleme, die ein Totengräber hat. „Inzwischen gibt es die elektrische Methode“, sagt Dullinger, „Heizstrahler auf die Erde stellen, dann lockert der Boden auf.“

Totengräber müssen ein dickes Fell haben. „Manche Freunde distanzieren sich, wenn sie hören, was man beruflich macht“, sagt der 32-Jährige. Totengräber müssen einiges aushalten können. „Arbeit ist Arbeit, privat ist privat“, anders gehe es nicht, sagt Dullinger. Und Totengräber lernen menschliche Abgründe kennen. Beispielsweise, wenn die ungeliebte Schwiegermutter stirbt. Dann kann es manchen Familien gar nicht schnell genug gehen. „Kommst da hin und sollst sie gleich einpacken, ohne Gebet – Hauptsache weg.“ Der Ebersberger Totengräber hat keinen einfachen Job, aber er liebt ihn. „Es macht mir eine Freude, es erfüllt mich, den Toten die letzte Ehre zu erweisen“, sagt er.

Beim Treffen der oberbayerischen Totengräber ist zwar viel von Spitzhacken, Särgen und Friedhöfen die Rede. Aber offensichtlich ist der Tod lustiger als man gemeinhin annimmt. Beim Festzug mit Blaskapelle hüpft Georg Dräxel, 55, aus Arzbach bei Lenggries kurzerhand in den 100 Jahre alten Leichenwagen, der von zwei Pferden durch den Ort gezogen wird. Er kraxelt in das Wageninnere. Die Kollegen machen die Klappe zu. „Hoffentlich findet er wieder raus“, sagt einer.

Er findet wieder raus, lachend klettert der Mann mit Rauschebart und Trachtenhut kurz später aus dem Leichenwagen. Wahrscheinlich ist Dräxels Methode die Beste, mit dem Tod umzugehen: Kurz Servus sagen, wissen, dass es ihn gibt, aber auch nicht überschätzen.

Nach dem Festumzug und der Kirche geht’s zum Wirt. Dräxel bestellt ein Weißbier. Warum er Totengräber geworden ist, weiß er auch nicht so recht. „Haben’s halt einen gesucht“, sagt er. Seit 1983 macht er das jetzt schon. Auch Dullinger ist schon zwölf Jahre im Gewerbe. An Toten mangelt es nicht. Dennoch: Das Geschäft ist rauer geworden. Sterben sei auch immer eine Preisfrage, sagt er. „Man muss Angebote abgeben.“ Der billigste Bestatter darf dann die Schwiegermutter begraben. Neid unter Kollegen gebe es nicht. So weit geht die Konkurrenz nicht. „Wir sind eine eingeschworene Truppe“, sagt Dullinger. Zumindest bei den Totengräbern ist der Tod noch heilig.

von Stefan Sessler

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